Foto: Gary Hershorn/getty images
New York City 25 Jahre nach 9/11: Anschlag auf ein Lebensgefühl
Neoliberales Luxusprojekt: Die Turbo-Gentrifizierung nach dem 11. September hat die New Yorker von ihrer eigenen Stadt entfremdet.
W enn jemand, der vielleicht 25 Jahre nicht mehr in New York war, heute von New Jersey aus auf die Skyline von Manhattan blicken würde: Es fiele ihm wohl schwer zu glauben, dass die Stadt auf der anderen Flussseite tatsächlich noch New York ist. Der Blick auf das ikonische Empire State Building ist von den Hudson Yards verbaut, einem Ensemble an Vorzeigetürmen von namhaften Starchitekten. Die 2001 zerstörten Zwillingstürme am Südende der Stadt sind ebenfalls einem Strauß neuer Glasbauten gewichen, aus dessen Mitte der neue, schwerfällige Freedom Tower ragt. Der Südrand des Central Park in der Mitte der Insel wird von einer Phalanx an superschlanken, superhohen „Streichholz“-Wolkenkratzern gesäumt, deren Penthäuser die teuersten Aussichten der Welt bieten.
Die Stadt hat sich seit dem Attentat auf die markantesten Symbolbauten des westlichen Kapitalismus dramatisch verändert. Die Stadt, deren zentrales Merkmal die Dichte ist, scheint sich nur noch mehr verdichtet zu haben. Das Prinzip des „höher, größer, mächtiger“, das die Feinde des American way schon immer provoziert hat: Es wurde noch weiter auf die Spitze getrieben.
Es gibt heute Orte in Manhattan, an denen sich das Gefühl, in New York zu sein, einfach nicht mehr einstellen mag. Das Gefühl: jene hochintensive Erfahrung, auf engstem Raum dazu gezwungen zu werden, dem gesamten Panoptikum der Menschheit hautnah zu begegnen. Jene Erfahrung also, die der Stadttheoretiker Rem Koolhaas in seinem Buch „Delirious New York“ von 1978 als die „Kultur der Dichte“ bezeichnete. Jenes berauschende und desorientierende Gefühl, das einen überkam und bisweilen noch immer überkommt, wenn man durch die Straßen der Stadt läuft und sich inmitten eines Meers von Menschen aller nur erdenklichen Herkünfte und sozialen Stellungen wiederfindet, die hier – trotz aller Unterschiedlichkeit – einfach nur sie selbst sein können. Oder so hatte es zumindest den Anschein.
Ground Zero
Nehmen wir Ground Zero selbst. Die ursprünglichen Zwillingstürme hatten bereits den „Grid“, das 200 Jahre alte Raster der Stadt, in dessen Rechtecken sich das pralle, profane Leben breitmachte, durchbrochen. Sie standen als gesonderte Entität auf einer Plattform, als vertikale Festu,ng, hinter deren Glasfassade, wie der Name schon ankündigte, die Geschäfte der Welt erledigt wurden.
Sie waren eine Verkörperung der Theorie von Saskia Sassen, der US-amerikanischen Soziologin und Globalisierungsexpertein, die behauptet, dass die großen Metropolen mehr miteinander zu tun haben als mit ihren unmittelbaren Umgebungen. Das World Trade Center hatte mehr mit der Canary Wharf in London oder den Roppongi Hills in Tokio gemein als mit der benachbarten Lower East Side oder der Chinatown New Yorks. Die arabische Nachbarschaft Little Syria mit ihren Radioreparatur-Läden und levantinischen Lokalen, die vorher das Viertel belebten, wurde damals ohne ein Wimpernzucken plattgemacht.
Das alte World Trade Center war die Glas und Stahl gewordene Vision eines neuen New Yorks, wie sie mächtige Männer rund um die Rockefeller-Erben Nelson und David schon seit den 50er Jahren gehegt hatten. Mit dem Verschwinden von Handwerk und Industrie aus der Stadt musste New York ökonomisch auf eine neue Basis gestellt werden. Die Zukunft, das war beschlossen, lag in der Finanzwirtschaft, und die fiskalische Krise der Stadt in den 70er Jahren half dabei, diese Entwicklung zu beschleunigen.
Die Zerstörung der Twin Towers 2001 schaffte dann jedoch zunächst einen Raum dafür, das Konzept für diesen Platz noch mal zu überdenken – und damit auch, welche Botschaft von Ground Zero aus man eigentlich in die Welt senden wollte. Für einen ganz kurzen Moment herrschte die Einsicht, die die Publizistin Susan Sonntag in einem Kurzaufsatz unmittelbar nach 9/11 artikulierte: „Lasst uns zusammen trauern und nicht zusammen dumm sein.“
Eine Gruppe linker Städteplaner rund um Sharon Zukin und Michael Sorkin forderte ein Neudenken der globalen Hegemonie des Finanzkapitals und der zentralen Stellung des unteren Manhattans in diesem System. Pläne reichten von einem dauerhaften „elysischen Feld“, mit einer Schippe Erde aus allen Ländern der Welt bis zu einem Landschaftsgarten des deutschen Architekten Frei Otto – öffentliche, nichtkommerziell genutzte Räume. Doch diese Ideen wurden wieder rasch verworfen.
Foto: Spencer Platt/getty images
Stattdessen wurde dem Reflex nachgegeben, das Vertraute zu wiederholen. Es sollten noch mehr, noch größere Wolkenkratzer her, mit noch mehr Büroraum, den niemand brauchte. Die richtige Antwort auf 9/11 war, so schien es, die Muskeln spielen zu lassen. Sieben neue, von verlässlichen Namen der globalen Architekturbranche entworfene Glastürme wurden geplant, die wie postindustrielle Stonehenge-Stelen eine Gedenkstätte umringten.
Die Gedenkstätte selbst, die beiden bodenlosen Wasserfälle, die den exakten Grundriss der ehemaligen Türme markieren, gilt allerseits als gelungen. Der bodenlose Abgrund hier, der zugleich die Leere des Himmels darüber markiert und ins Bewusstsein ruft, ist so klug wie geschmackvoll. Doch Teil der Stadt ist der Campus nicht.
Monument der Paranoia
Und, auch das: Ground Zero ist ein Monument der Paranoia, welche 9/11 in New York und in den gesamten USA ausgelöst hat. Die Plaza ist umzingelt von improvisierten Polizeihäuschen und mit Ketten verbundenen Betonquadern, die einem Panzer widerstehen würden. Aus der Froschperspektive ist vom Freedom Tower vor allem die 70 Meter hoch reichende Beton-Basis zu sehen, die ihn vor Attacken schützen soll und die den Namen Freedom im Grunde genommen verhöhnt.
Um Punkt 17 Uhr schließt der Platz für die Öffentlichkeit, und Dutzende von Sicherheitskräften schwärmen aus, um ihn zu räumen. Man kann sich dann nur noch in das Luxuseinkaufszentrum im sogenannten Oculus begeben, dem eitlen Flügelbau von Santiago Calatrava, für den der Steuerzahler 4 Milliarden Dollar hingeblättert hat.
Die Situation ist ein Musterbeispiel dessen, was aus der Stadt, die einst grenzenlose Freiheit versprach, geworden ist. Es gibt seit 9/11 kaum einen öffentlichen Platz mehr, der nicht überreglementiert ist. Wo immer man hingeht, bekommt man von Uniformierten in scharfem Befehlston gesagt, wie und wo man zu stehen und zu gehen und zu sitzen hat.
New Yorker wird man auf der 9/11-Plaza allerdings ohnehin kaum treffen. Dominiert wird das Gelände ebenso wie das in den Untergrund verlagerte Museum von Touristen. Sharon Zukin formulierte die Abneigung der Einheimischen, hierher zu pilgern, so: „Warum soll ich den schlimmsten Tag meines Lebens noch einmal durchleben, während daneben dänische Touristen Selfies schießen.“
Aus der Äußerung spricht auch eine tiefe Abneigung gegen die Instrumentalisierung des Traumas von 9/11, gegen die viele New Yorker von Anfang allergisch waren. Eine enge Bekannte pflegt jedes Mal, wenn die Sprache auf 9/11 kommt, zu sagen: „Plötzlich strömten Menschen aus Kansas in die Stadt, die einen umarmen wollten. Ich wollte nicht von Leuten aus Kansas umarmt werden.“
Helaina Hovitz, die heute als Journalistin arbeitet, schildert ihre Erlebnisse im Buch „After 9/11“ so: Als kleines Mädchen ging sie direkt unterhalb der Zwillingstürme zur Schule und musste am 11. September sehen, wie aus dem Feuer springende Menschen vor ihr auf den Asphalt klatschten. Sie musste sich alleine durch die chaotischen Straßen des unteren Manhattan durch verwirrte Überlebende und verzweifelte Retter kämpfen, ohne zu wissen, ob ihre Familie überlebt hat. Sie entwickelte später schwere posttraumatische Störungen, Alkohol- und Drogenprobleme.
Foto: Spencer Platt/getty images
Die persönliche Erfahrung der Menschen hatte sehr rasch nichts mehr mit dem zu tun, was aus dem Ereignis gemacht wurde. Das Fahnenschwenken, das reflexhaft wirkende In-den-Krieg-Ziehen der US-Regierungen, die um sich greifende Islamophobie – das alles wurde denjenigen, die 9/11 hautnah erlebt hatten, nie gerecht. Wenn jährlich am Ground Zero Politiker und Honoratioren aufliefen, blieben die New Yorker zu Hause. Man hatte schlicht beschlossen, es nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Die Bloomberg-Ära
9/11 veränderte die Stadt rascher und dramatischer, als das damals irgendjemand hatte ahnen können. Im November 2001, noch unter dem direkten Eindruck der Attentate, wählte New York den Milliardär Michael Bloomberg zum Bürgermeister. Die Hoffnung war, dass er als erfolgreicher Unternehmer die wirtschaftlich angeschlagene Stadt wieder auf die Beine bringen könne.
Wenige Monate später gab er im opulenten Glasfoyer des World Financial Center, das das Attentat auf der gegenüber liegenden Seite der West Street unbeschadet überstanden hatte, die Olympiabewerbung New Yorks für 2012 bekannt. Man nahm ihm damals ab, dass die Bewerbung etwas für die Moral der Stadt bewirken sollte.
Die Bewerbung wurde zum Anlass genommen, 40 Prozent der Stadt zu „Re-Zones“ zu erklären, das heißt, die Nutzungsbestimmungen für ganze Viertel oder Stadtteile zu ändern oder aufzuheben. Das sorgte für ein Ausmaß an Bautätigkeit, wie die Stadt es seit der Nachkriegszeit nicht mehr gesehen hatte.
Aufstrebende Viertel wie Williamsburg, Greenpoint oder Harlem wurden für kommerzielle Entwickler geöffnet, eine massive Gentrifizierungswelle rollte über die Stadt hinweg. In einem unaufmerksamen Augenblick gab Bloomberg sogar zu, dass er die Stadt als „Luxusprodukt“ sehe. Wer sie sich nicht leisten könne, solle eben fortbleiben.
Gentrifizierung in Harlem
Wie das Luxusprodukt heute aussieht, kann man beobachten, wenn man den Frederick-Douglass-Boulevard von der Nordwestecke des Central Park zum zentralen Platz von Harlem, dem African Square an der Kreuzung zur 125th Street, hinaufläuft. Die nach dem berühmten Abolitionisten benannte Magistrale wird heute von 10- bis 12-stöckigen neuen Apartmenthäusern gesäumt. Auf Straßenebene reihen sich schicke Bars und Restaurants aneinander. An der Ecke zur 116th Street, wo bis vor Kurzem eine Moschee das Zentrum der benachbarten westafrikanischen Gemeinde markierte, klafft eine riesige Baugrube.
An der 125th Street, die Bloomberg wie den Frederick-Douglass-Boulevard „rezoned“ hat, ist das Bild ähnlich. Entlang der einstigen „Hauptstraße des schwarzen Amerika“ haben gläserne Büro- und Einkaufskästen die alte Bausubstanz ersetzt. Pächter sind vorwiegend Ketten wie die organische Supermarktkette Whole Foods, Starbucks oder die Sneaker-Marke Foot Locker. Alteingesessene Kleinbetriebe haben die Gentrifizierung nur in wenigen Einzelfällen überlebt. An Institutionen wie den Plattenladen Bobby’s Happy House oder den National Memorial African Bookstore kann sich kaum jemand mehr erinnern.
Das Harlem Studio Museum, einst ein Loft, in dem afroamerikanische Künstler arbeiten und ihre Arbeiten zeigen konnten, ist als 160-Millionen-Dollar-Vorzeigeprojekt des Star-Architekten David Adjaye wieder auferstanden. Das Lippenbekenntnis zur „Community“ ist fadenscheinig. Der monumentale Bau fügt sich nicht ein, sondern sticht heraus und lockt weniger Menschen aus der Nachbarschaft an als vielmehr kunstinteressierte Touristen.
Die noch verbleibenden afroamerikanischen Anwohner der unteren Mittelschicht halten davon wenig. Eine Gruppe von Besuchern, die ich jüngst durch das Viertel führte, wurden von einer älteren Frau mit den israelischen Streitkräften in Gaza verglichen. Ein sehr drastischer und schiefer Vergleich, aber die Frau wollte wohl ausdrücken: Harlem, einst Refugium für Afroamerikaner aus den gesamten USA, fühlt sich besetzt.
Der Schock von 9/11 wurde, wie auch die Globalisierungskritikerin Naomi Klein anmerkte, dazu benutzt, die schon lange vor dem Bau des World Trade Center begonnene Neoliberalisierung der Stadt auf Turbo zu schalten. New York selbst florierte auch zunächst wirtschaftlich, doch die soziale Ungleichheit verschärfte sich drastisch. Die Mieten stiegen unaufhaltsam, die Zahl der Obdachlosen verdoppelte sich. Investitionen in öffentliche Wohnanlagen wurden zurückgefahren, viele verfielen.
Hudson Yards: Gated Community für die Superreichen
Als Kronjuwel von Bloombergs Anstrengungen eröffnete kurz vor dem Ausbruch der Covid-Pandemie an der Stelle, an der das Olympiastadion geplant war, der neue Stadtteil Hudson Yards – mit 25 Milliarden Dollar das teuerste privat finanzierte Bauprojekt aller Zeiten. Der Schriftsteller Jeremiah Moss, ein leidenschaftlicher Gentrifizierungskritiker, nannte die Yards eine „gated community für die Superreichen“.
Wie Grund Zero hat der Campus mit dem tatsächlichen Leben der übrigen Stadt nichts zu tun. Man verliert sich in einem weiteren Edel-Einkaufszentrum, über dem ein Zuviel an überteuerten Luxusapartments liegt, sowie eine Aussichtsplattform, von der aus man für 65 Dollar über New York blicken kann. Bis heute stehen rund 15 Prozent der Wohnungen leer. Im teuersten Turm, der Nummer 35 Hudson Yards, sind es mehr als 35 Prozent Leerstand. Wenn man auf der Plaza zwischen den neuen, glitzernden Türmen steht, hat man derweil das Gefühl, sich in einem KI-generierten, futuristischen Stadtexperiment verirrt zu haben. New York aber ist anderswo.
Bloombergs Nachfolger Bill de Blasio schaffte es nicht, die neoliberale Vision Bloombergs zu revidieren. Doch dann erlitt New York mit der Pandemie einen weiteren Schock. Einen, der all jene New Yorker sichtbar machte, die zwar nicht als High-End-Konsumenten taugen, ohne die aber die Stadt nicht funktioniert: die Menschen, häufig Migranten, die in der Gastronomie, als Putzkräfte, in den Hotels schuften.
Wohin die Reaktion auf den Covid-Schock führt, ist bis heute noch unentschieden. Zunächst griffen in New York wieder die erbarmungslosen Mechanismen eines ungezügelten Markts. Als die wohlhabenden Pandemie-Flüchtlinge wieder in die Stadt zogen und mit ihnen auch eine neue Population von Technologie-Arbeitern, die Bloomberg noch angelockt hatte, schossen zunächst die Lebenshaltungskosten in endgültig absurde Gefilde.
Zohran Mamdani feiert Queens und die Bronx
Doch dann wählte die Stadt am 4. November 2025 einen Bürgermeister, der sich für diejenigen einsetzt, die sich weigern, stumm wieder an die Ränder der Gesellschaft oder der Stadt zu verschwinden. Der Linke Zohran Mamdani, der seit Januar im Amt ist, lässt keine Gelegenheit aus, Orte wie die Steinway Street in Queens oder die Belmont Avenue in der Bronx als das eigentliche New York zu feiern: intakte Viertel hart arbeitender, aufstrebender Einwanderer – und nicht das glitzernde Luxus-New-York Bloombergs.
Dafür findet Mamdani eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Es besteht eine wenn auch noch so schmale Hoffnung, dass die Schockwellen der Pandemie eine Änderung des Kurses bewirken, den die Stadt und das Land in den vergangenen 50 Jahren eingeschlagen haben und den 9/11 dramatisch beschleunigt hat. Die Menschen sind wacher geworden in den vergangenen 25 Jahren – so, wie es Susan Sonntag damals gefordert hatte. Die Verkleidung von Profitsucht und sozialer Empathielosigkeit als Patriotismus funktioniert jedenfalls nicht mehr. Oder zumindest nicht mehr so gut.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert