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Pankow vor der WahlWo sind nur die Kinder geblieben?

Nichts mehr mit Latte-Macchiato-Müttern. In Berlin-Pankow suchen die Kitas nach Konzepten nach dem Babyboom. Das betrifft vor allem den Prenzlauer Berg.

Gerne würde Kerstin Stechow mehr gesehen werden. Sichtbarer werden. Nicht persönlich. Aber schon, was die Kita betrifft, die sie seit drei Jahren leitet. Denn die Kindertagesstätte in der Jablonskistraße 33 in Prenzlauer Berg hat ein Problem: Von 195 Plätzen sind – je nach Jahreszeit – nur 90 bis 120 belegt.

An diesem Mittwoch, Anfang September, hat Stechow einen Termin mit Rainer Oetting. Der kaufmännische Geschäftsleiter der Kindergärten Nordost ist in die Jablonskistraße gekommen, um ihr einen Vorschlag zu unterbreiten. „Es gibt einen Interessenten für die leeren Räume“, sagte er. Stechow nickt. „Vielleicht ist das auch eine Chance“, sagt sie. „Wir haben Platz, da sollte man zusammenrücken und Neues initiieren.“

Stechows Kindertagesstätte gehört zu den Eigenbetrieben der Kindergärten Nordost. Kein Kinderladen, kein freier Träger, vielmehr eine kommunale Kita mit viel Platz. Inzwischen aber mit zu viel Platz. Deswegen das Gespräch an diesem Mittwoch.

taz-Serie: Berliner Bezirke vor der Wahl

Wenn am 20. September das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt wird, können die Wäh­le­r:in­nen auch gleich ihr Kreuzchen für das Bezirksparlament machen, offiziell: Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Bezirke sind zwar keine eigenständigen Kommunen, nehmen aber wichtige Aufgaben der Verwaltung wahr, etwa bei Schulen und in Grünflächen, in den Bürgerämtern und bei der Jugendarbeit. Und obwohl sie immer zu wenig Geld haben, treffen die Bezirksämter bisweilen wichtige politische Entscheidungen – zum Beispiel über Milieuschutzgebiete, Bebauungspläne oder Radwege.

Ortstermin: Was ist los in den 12 Großstädten, aus denen Berlin besteht? Was bewegt die Bürger:innen, wo drückt der Schuh, was steht auf dem Spiel? Bis zur Wahl unternimmt die taz jede Woche Montag einen Ortstermin. Alle Teile der Serie finden sie hier auf taz.de versammelt.

Rainer Oetting sagt es so: „Wir betreiben in Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf insgesamt 82 Kindertagesstätten.“ In Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf würden drei neue Kitas gebaut. Da ist also etwas am Wachsen. „In Pankow und dort vor allem in Prenzlauer Berg gehen die Geburtenzahlen aber zurück, und wir müssen schauen, wie wir neue Nutzungen in die Kitas bekommen.“

Abschied vom Pregnancy Hill

Kinder und Prenzlauer Berg, das gehörte vor geraumer Zeit zusammen wie Wilmersdorf und Witwen. Als „Pregnancy Hill“ wurde der einstige Szenebezirk liebevoll-spöttelnd bezeichnet, durchs Land und darüber hinaus wanderte das Bild von den Latte-Macchiato-Müttern.

Heute ist auf dem Spielplatz am Kollwitzplatz, dem einstigen Epizentrum der „Prenzlmuttis“, oft nur noch wenig los. Warum, das weiß die Statistik. Seit 2022 werden in Prenzlauer Berg weniger Kinder geboren. Und der Trend hält an. 2024 waren es 1.503 Kinder. Ein Jahr später nur noch 1.435.

Natürlich macht sich der Negativtrend auch bei den Kindertagesstätten bemerkbar. 22.142 Kitaplätze waren noch 2019 in ganz Pankow belegt. 2025 waren es nur noch 18.581 Plätze. Ein Rückgang von 16 Prozent, der in deutlichem Gegensatz zum Bevölkerungswachstum in Pankow steht.

Geburtsknick seit 2019

Ist die Liaison von Pankow und Kinder zu Ende? Besuch bei der zuständigen Stadträtin. Rona Tietje hat ihren Sitz in der Berliner Allee im Ortsteil Weißensee. Die SPD-Politikerin ist seit 2023 Stadträtin für Jugend und Familie und damit auch zuständig dafür, dass es funktioniert mit den Kitas in ihrem Bezirk.

„Der Knick bei den Geburten begann in den südlichen Ortsteilen schon 2019“, weiß Tietje. Also am Kollwitzplatz und am Mauerpark, dort, wo Prenzlauer Berg an Mitte grenzt, aber auch am Helmholtzplatz. „Und wie bei der Gentrifizierung wanderte diese Entwicklung dann weiter Richtung Norden.“ Insgesamt gebe es in Pankow sowohl bei den 0- bis 3-Jährigen als auch den 3- bis 6-Jährigen eine Schrumpfung. „Die einzige Ausnahme ist Blankenburg-Heinersdorf“, sagt Tietje. „Da ist noch leichtes Wachstum bei den 3- bis 6-Jährigen.“

Tietje kann auch den Widerspruch zwischen einem wachsenden Bezirk und sinkenden Kinderzahlen erklären. Das Wachstum betrifft vor allem die jungen Erwachsenen, also die 18- bis 25-Jährigen. „Auch bei den Senioren im Alter von 65 bis 80 gibt es Wachstum“, sagt Tietje. „Das Gleiche gilt für die 45- bis 65-Jährigen.“

Teil 11: Pankow

Der Bezirk: Pankow ist mit 427.256 Einwohnerinnen und Einwohnern der mit Abstand bevölkerungsreichste Bezirk in Berlin. Er läge im deutschen Städteranking auf Platz 16 und würde Bochum, Bonn oder Mannheim hinter sich lassen. Vor allem in den nördlichen Ortsteilen wächst Pankow. Der Bezirk entstand 2001 aus der Fusion der Altbezirke Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg. Heute ist Prenzlauer Berg ein Ortsteil, aber mit bundesweitem Aufregerpotenzial. Unvergessen der Spruch des heutigen Innenministers Alexander Dobrindt (CSU) aus dem Jahr 2018: „Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg, aber der Prenzlauer Berg bestimmt die öffentliche Debatte.“

Bezirksbürgermeisterin: Nach der Wiederholungswahl 2023 löste die Grüne Cordelia Koch den Linkspolitiker Sören Benn an der Spitze des Rathauses ab. Koch verdankte ihre Wahl einer Zählgemeinschaft mit CDU und FDP. Bei ihrer Wahl kam sie in der BVV auf 28 Ja- und 26-Neinstimmen.

Das Bezirksparlament: Mit 15 Sitzen stellen die Grünen die stärkste Fraktion in der BVV Pankow. Es folgen die CDU mit 12 Sitzen, die Linke mit 11, die SPD mit 9, die AfD mit 6 und die FDP mit 2 Sitzen.

Rona Tietje hat für all das eine einleuchtende Erklärung. „Meine Hypothese ist, dass die Mobilität in Pankow abgenommen hat.“ Extrem sei das vor allem in Prenzlauer Berg, wo es kaum noch Fluktuation gebe. „Die Leute bleiben und werden älter.“ Paare im Familiengründungsalter ziehen kaum noch in der Prenzlauer Berg. Für viele ist das auch eine Frage des Geldbeutels.

Neue Nutzungen gesucht

Der demografische Wandel ist keine Momentaufnahme, er ist ein Trend geworden. Im einst kinderreichen Prenzlauer Berg fehlen, wie auch in Pankow, die Kinder. Und das hat Auswirkungen auf die bezirkliche Infrastruktur. Die Formel, die Rona Tietje für die Planungen als Reaktion auf das Durchaltern der Bevölkerung hat, lautet: „Wir brauchen weniger Kitas, mehr Grundschulen und später auch mehr weiterführende Schulen.“

Vor allem für Kitas in privater Trägerschaft ist die Kinderkrise längst zum Problem geworden. Die Auslastung im Bezirk liegt im Schnitt bei 77 Prozent. Kleine Träger, die womöglich nur eine Kita betreiben, können da schon mal in Schwierigkeiten geraten – und erhöhen nicht selten den Eigenanteil der Eltern.

Große Träger wie der kommunale Eigenbetrieb Nordost sind da flexibler. „Wir können beim Personal etwas schieben“, sagt Rainer Oetting. Auf der anderen Seite zahlen die kommunalen Kitas für ihre Beschäftigten den vollständigen Tariflohn und verzichten auf einen Eigenanteil der Eltern. Auch deshalb, so Oetting, sei „eine sozialräumliche Öffnung nach außen“ eine wichtige Maßnahme.

In Mahlsdorf ist das schon gelungen. In die Kita „Zu den Seen“ in der Elsenstraße soll ein Familienzentrum einziehen. Voraussetzung dafür waren bauliche Maßnahmen, die beide Einrichtungen voneinander trennen. So soll der Kinderschutz gewährleistet werden. Denn Erwachsene dürfen sich nicht unkontrolliert in den Räumen der Kinder aufhalten.

„Uns kommt dabei zugute, dass die Hälfte unserer Kitas Typenbauten sind“, sagt Oetting. „Deshalb wollen wir für die bauliche Trennung auch standardisierte und damit günstige und schnell realisierbare Lösungen entwickeln.“ 65.000 bis 80.000 Euro kostet eine solche räumliche Trennung. In der Kita Matenzeile in Lichtenberg besteht bereits eine Finanzierungszusage durch den Bezirk.

Mehr für die Kitas werben

Auch die Kindertagesstätte von Kerstin Stechow in der Jablonskistraße 33 ist ein solcher Typenbau. Zwei Eingänge weist sie auf, auf einem klebt ein Plakat: „Wir haben freie Plätze“. Am rechten der beiden Eingänge ist die bauliche Trennung bereits vollzogen. Eine Glasscheibe mit Glastür trennt das Foyer vom Kitabereich. Aus dem Foyer wiederum kommt man in die Räume, für die Rainer Oetting einen Interessenten hat. Es ist die Kita eines freien Trägers, der neue Räume sucht. Eine Kita, die viel mit der Natur arbeitet. „Das kann für beide Seiten deutliche Benefits haben“, sagt Kerstin Stechow.

Seitdem die Kinderzahlen zurückgegangen sind, hat Stechow auch weniger Mitarbeitende. Von 39 Pädagoginnen und Pädagogen ist die Beschäftigtenzahl auf 23 geschrumpft. „Manche sind nach Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg gegangen, manche wollten das aber auch nicht“, sagt Stechow.

Mehr Sichtbarkeit, das ist für Stechow im Vergleich zu Kitas privater Träger gar nicht so einfach. Das Profil der Kita befindet sich lediglich auf der Seite der Kindergärten Nordost. Dort stellt sich die Kita mit dem Claim vor: „Nachhaltiges Lernen durch selbstgewählte Aktivitäten im Alltag ermöglichen“. Die Werbung auf Social Media übernimmt der Träger. Für Kerstin Stechow hat das auch einen Vorteil. Sie kann sich mehr auf die pädagogische Arbeit konzentrieren. Das mit der Sichtbarkeit soll eine neue künstlerische Fassadengestaltung regeln.

„Dafür gibt es Fördermittel“, weiß Rainer Oetting. Er begreift die Krise auch als Chance. „Das gibt uns die Möglichkeit, Strategien zu entwickeln, wie wir uns mit anderen vernetzen.“

Hartnäckiges Image

Auch Stadträtin Rona Tietje blickt nicht pessimistisch in die Zukunft. Sie betont, dass es nun auch die Möglichkeit gebe, dass Eltern zwischen den unterschiedlichen Kitas mit ihren verschiedenen Konzepten die passende für ihr Kind wählen könnten. „Früher mussten viele jeden Betreuungsplatz nehmen, den sie irgendwie finden konnten.“

Gleichzeitig plädiert sie für mehr Sachlichkeit in der Debatte. „Es war ja nicht so, dass die Leute in Prenzlauer Berg wesentlich mehr Kinder bekommen haben als anderswo“, erinnert sie. „Der Grund für das Image war die Konzentration der Alterskohorte, die Kinder bekommen können.“ Und dann natürlich das Bild der Mütter, die mit einem Kaffee in der Hand am Rande des Spielplatzes am Kollwitzplatz sitzen.

Dieses Image von Pankow, das weiß Tietje von zahlreichen Gesprächen im Bundesgebiet, hält sich trotz des demografischen Wandels hartnäckig. „Innerhalb Berlins aber wurde es abgelöst von Pankow als dem am schnellsten wachsenden Bezirk in Berlin.“

Und wie geht es weiter? „Wenn die Mobilität so niedrig bleibt wie bisher“, sagt Rona Tietje, „dann erhöht sich nach dem Druck auf die weiterführenden Schulen irgendwann mal der Druck auf die Seniorenheime.“

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