Migration nach Spanien: Sturm auf Ceuta
Bis zu 49.000 Menschen, vielleicht mehr, sollen innerhalb von 24 Stunden nach Ceuta gekommen sein. Es ist die bislang größte Krise um die spanische Exklave.
Foto: Antonio Sempere/ap/dpa
Der seit Donnerstag anhaltende Ansturm von Migrant:innen auf Ceuta geht auch Freitag weiter. Nach Angaben des spanischen Innenministeriums sind innerhalb der letzten 24 Stunden bis zu 49.000 Menschen in der spanischen Exklave angekommen. Juan Jesus Vivas, Präsident der autonomen Stadt Ceuta, spricht von 34 Toten. Die meisten von ihnen starben bei dem Versuch, schwimmend nach Ceuta zu gelangen.
Vivas schätzt die Zahl der über das Meer und über die zeitweise verwaisten Grenzübergänge gekommenen Menschen sogar auf 60.000.
Marokkanische Grenzbeamte hatten ihre Posten an dem durchschnittlich sechs Meter hohen und mit Stacheldraht bewehrten Zaun am Donnerstag vorübergehend verlassen. Ihren spanischen Kollegen auf der anderen Seite blieb nichts anderes übrig, als die auf sie zu stürmenden Menschen gewähren zu lassen.
Nach Konsultationen der marokkanischen und spanischen Regierungen sollen mittlerweile beide Seiten des Grenzzauns wieder von bewaffneten Posten bewacht werden.
Junge Männer, Mütter mit Kindern, Migranten aus Subsahara
In Fnideq, einer neben Ceuta liegenden marokkanischen Kleinstadt, warteten am Freitagnachmittag noch Tausende darauf, ebenfalls über das Meer nach Ceuta zu gelangen. Darunter sind neben jungen Männern laut lokalen Freiwilligen des Roten Halbmondes auch viele Mütter mit Kindern und viele Migranten aus Subsahara-Afrika. Wegen der mit europäischen Geldern modernisierten Küstenwachen Tunesiens und Libyens versuchen auch Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Sudan seit Jahresbeginn vermehrt, über Marokko nach Europa zu gelangen.
Diejenigen, die es am Donnerstag nach Ceuta geschafft hatten, kamen meist nur mit dem, was sie am Leibe trugen. In der Nacht auf Freitag übernachteten Tausende auf den Bürgersteigen und Stränden der 83.000-Einwohnerstadt. Nach nur einem Tag der Krise werden bereits die Lebensmittel knapp, warnen lokale Hilfsorganisationen.
Soldaten patrouillieren mit gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren auf den Hauptstraßen. Die Ausrufung des nationalen Notstandes ist für diese Situation gesetzlich nicht vorgesehen. Es sollen aber weitere Militäreinheiten nach Ceuta verlegt werden. Am Freitag reiste Premierminister Pedro Sánchez selbst in die Exklave und beriet sich mit den lokalen Behörden.
Bisher größte Krise um umstrittene Exklave Ceuta
Sánchez gibt sich, wie auch der marokkanische König Mohammed VI., bisher auffällig schweigsam. Dabei ist dies die bisher wohl größte Krise um die Exklave, die wie auch Melilla zwischen den beiden Ländern höchst umstritten ist.
Foto: Marcos Moreno/Europa Press/dpa
Marokko fordert seit langem die Übergabe von Ceuta und Melilla. Spanien versucht mit einem Annäherungskurs gegenüber Marokkos Erzfeind Algerien zu kontern. Erst vor einer Woche war Premier Sanchez in Algier, um die Ausweitung der Öl- und Gaslieferungen aus dem rohstoffreichen Land zu vereinbaren.
Da Algerien die marokkanische Annexion der Westsahara ablehnt und den dort aktiven Rebellen der „Frente Polisario“ Schutz bietet, befinden sich Marokko und Algerien in einem kalten Krieg.
Ursachen für Massenansturm unklar
Spanien hatte sich jahrelang auf die algerische Seite geschlagen. Bis im Mai 2021 mehr als 8.000 Menschen auf ähnlichen Wegen wie jetzt in Spaniens Exklaven strömten. Das Druckmittel wirkte. Mittlerweile unterstützt Madrid, das bis 1975 die Westsahara als Kolonialmacht ausbeutete, den marokkanischen Autonomieplan. Und damit de facto den Verbleib des uranreichen Wüstengebietes bei Marokko.
Die Bewohner von Fnideq berichten von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den aus dem ganzen Land herbeigeströmten Jugendlichen und lokalen Polizeieinheiten. Diese hatten am Donnerstagmorgen versucht, daraufhin die Stadt zu räumen. Die Wracks der bei den folgenden Straßenschlachten angezündeten Polizeiautos zeugen davon, dass es dieses Mal wohl nicht Marokko war, das politischen Druck auf Spanien machen will.
In marokkanischen Staatsmedien ist von kriminellen Banden die Rede, die auf sozialen Medien junge Marokkaner und Migranten nach Ceuta gelockt hätten. Andere halten einen spanischen Gerichtsbeschluss für die Ursache. Demnach dürfen schwimmend angekommene Migranten nicht ohne individuelle Prüfung abgeschoben werden. Das Urteil dürfte dem am Freitag getroffenen Abkommen zwischen Madrid und Tanger im Weg stehen, das die Rückkehr aller Migranten in Ceuta nach Marokko vorsieht.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert