: Warum so kompliziert, Ann Cotten?
Den Freaks im Weltall Mut zusprechen: Die Lyrikerin Ann Cotten fräst sich durch die Sprache und leimt die Späne neu zusammen
Von Jette Wiese
Ann Cotten steht da wie ein Poller. Sie lacht, das mit dem Poller passt so gut, dass es schon wieder blöd ist. Sie strafft den Rücken, stellt sich seitlich ins Sonnenlicht, hinter ihr ein länglicher Schatten, und dann schaut sie konzentriert in die Kamera der Fotografin. „Poller“, so heißt der neue Gedichtband der 44-Jährigen. Zwischen einem Stipendienaufenthalt in Rom und einer Lesung in der Schweiz nimmt sich Ann Cotten Zeit für ein Gespräch in Berlin.
Cottens Gedichte werden seit ihrem gefeierten Debüt „Fremdwörterbuchsonette“ (2007) als kompliziert bis unverständlich beschrieben, was zuweilen auch als Lob hoher Dichtkunst gemeint ist. Sie lesen sich an manchen Stellen wie die Notizen eines fortlaufenden Denkprozesses, kurze Stichworte in verschiedenen Sprachen und Soziolekten: „Einfüge Poller (per copy/paste seit 2021) im Raum vorausgesetzten Wohlwollens. Sicker ein Phallus.“
Dann wieder trifft man auf längere Versatzstücke aus einer reichhaltigen Bilderwelt: „Die Muße der Fluren zeigt sich nur einem zögernden oder ruhenden Gehirn. Worte sind Deckel für Wunden mit eingebauter Leiter.“ Wie schreibt jemand, für den Worte Deckel sein können? Und wie denkt jemand, der sich seiner Unverständlichkeit durchaus bewusst ist?
Man könne im Grunde nur einen „Text fur Aliens“ (sic) schreiben, so liest sich Cottens zeitgleich mit den „Pollern“ erschienene Poetikvorlesung. Auf den ersten Blick eine Unmöglichkeitserklärung: Wenn man es ernst meint und die bekannten Sprachbilder verwirft, dann kann man sowieso nur von den wenigsten Menschen verstanden werden. Vielleicht auch nur von Aliens. „Ich möchte die Menschen unterhalten, um sie mir vom Leib zu halten – nachdenken können sie alleine, wie ich auch“, schreibt sie. „Ich hinterlasse dekodierbare Botschaften, um anderen, vereinzelten Freaks im Weltall Mut zuzusprechen, indem sie wieder ein Zeichen sehen: Intelligentes Leben was here.“
Man verzeiht ihr den Hochmut, zum einen, weil Cottens Pessimismus angenehm abgeklärt und dadurch irgendwie lässig ist. Warum sollte man auch verständlich sein wollen in einem Kulturbetrieb, der insgeheim erwartet, dass Autor:innen immer für irgendetwas stehen und ihre Texte nur so zu konsumieren seien? Zum anderen aber verzeiht man ihn, weil das Unverstandensein bei Cotten nicht resignativ ist, sondern durch eine ständige Suchbewegung unter Spannung steht: die Suche nach „stabiler Präzision“, wie sie im Gespräch sagt. Sie spricht ruhig, gestikuliert sparsam. Zwischendurch nimmt sie ihre große schwarze Sonnenbrille ab und blickt sich in dem Berliner Biergarten um. Der erste Eindruck von Zurückhaltung löst sich schnell auf. Man spürt ihre Neugier auf die Dinge, das macht ihr Denken zugänglich. Wenn sie erzählt, kann man ihr dabei zusehen, wie sie das tut, was sie als ihre Arbeit versteht: „Sprache kneten.“
Cotten ist in Ames im US-Bundesstaat Iowa geboren und im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie nach Wien gezogen. Ihre Eltern, eine Biochemikerin und ein Virologe, arbeiteten an der Universität. Wie lange die Familie bleiben würde und ob es sich lohnen würde, Deutsch zu lernen, sei wegen der befristeten Stellen ihrer Eltern nie klar gewesen. Eigentlich hat ihre Englischlehrerin sie zum Schreiben gebracht, sagt Cotten. Weil sie sich als Muttersprachlerin im Unterricht langweilte, sollte sie während der Stunden Geschichte schreiben.
Schnell wurden Schreiben und Lesen zum Mittel der Selbstverständigung der zugezogenen Außenseiterin. So schreibt sie in „Text fur Aliens“: „Ich erfuhr in der Bibliothek, wie alles anders sein kann, weil es einst und anderswo anders war und auch wieder anders werden würde als in meiner unmittelbaren Umgebung, in der ich und die drei anderen Freaks – Behinderte, Asoziale und Ausländernnie (Cotten nutzt ‚polnisches Gendering‘, wo alle für alle Gender benötigten Buchstaben beliebig angehängt werden; Anm. d. Red.) – in der Volksschule nicht richtig ausgestattet waren, um mitzuspielen, weil Spielen hieß, mit dem Zeug der Eltern anzugeben. Ich lernte, mich stattdessen mit Sprache zu behaupten, aber zugleich auch zu isolieren.“
Dass sie sich bis heute bevorzugt dem Unverständlichen zuwendet, ist keine Abkehr von der Welt und ihren Bewohner:innen. Im Gegenteil, man merkt ihr den Antrieb an, sich die Welt zu erschließen, indem sie das Unverstandene zu greifen versucht. Cotten schreibt von einem „Spezialwissen“, das Migrant:innen aus der Erfahrung erlernten, nicht verstanden zu werden und deshalb immer mit Sprache „zocken“ zu müssen. Nicht verstanden zu werden, damit muss nicht nur sie als moderne Nomadin rechnen. Eher sei es eine Grundkondition aller, weil die Dinge immer uneindeutiger und unordentlicher sind als das, was unsere Sprache ausdrücken kann.
„Ich glaube schon, dass die Welt viel zu konservativ ist“, sagt sie in einem vorsichtigen Ton, über den sie selbst grinsen muss. Die Sprache bewahre die konservativen Tendenzen, nicht unbedingt aus Absicht, sondern weil Sprache an sich träge sei. „Die Zerschlagung von Gewohnheiten und angenommenen Zusammenhängen ist für mich schon sehr wichtig.“ Wenn sie zum Beispiel Metaphern verwende, dann gehe es ihr darum, „die Lesenden zu zwingen, sich an die Wirklichkeit zu halten, da, wo verbreitete Klischees die Wahrnehmung gewöhnlich ersetzen“. Solche Klischees will sie mit ihrer Sprache sprengen.
Wenn man sich mit ihr unterhält, lauert man auf solche Sprengsätze. Zwischen abstrakten Theorien blinken immer wieder Polemiken auf. Im selben Ton spricht sie vom „Quatsch“, im Kapitalismus auch als Künstler:in ständig produzieren zu müssen, oder in der Vorlesung davon, dass „Deutschland als Negativität cool“ sei. Man rechnet damit, dass sie grobe Dummheit jederzeit als solche entlarven könnte. Vielleicht würde man ihren Stil als freche Intellektualität beschreiben, die erfrischend ist. Doch Cotten entzieht sich klugerweise solchen Typen-Beschreibungen („Kritikerin“), was sie manchmal aber auch schwer zu greifen macht.
Cotten hat in den vergangenen Jahren intensiv Japanisch gelernt und arbeitet an einer literaturwissenschaftlichen Promotion an der Freien Universität Berlin, um mit dem Titel in Japan an der Uni unterrichten zu können. In „Text fur Aliens“ beschreibt sie, wie sie erst über das Lesen der Übersetzung dazu gekommen sei, den selbst oft als unverständlich kritisierten französischen Philosophen Jacques Derrida zu lesen. Erst der andere, der unerwartete Blickwinkel macht das Verstehen für sie ein wenig wahrscheinlicher.
Als „Parallaxe“ beschreibt Cotten dieses Phänomen. Der Begriff stammt in diesem Zusammenhang von dem japanischen Philosophen Kōjin Karatani, damit gemeint ist ein Unterschied der Blickwinkel. Cotten zeigt im „Text fur Aliens“, wie Slavoj Žižek ihn falsch übersetzt und aus dem Unterschied einen „unüberwindlichen Graben“ gemacht habe. Im Japanischen sei das Wort für Parallax, shisa, nämlich gleichlautend mit dem Wort für Spur oder Hinweis. Lässt man sich auf sie ein, werden verschiedene Perspektiven so eben nicht zu unüberwindbaren Gräben, sondern zu lesbaren Spuren. Das versteht Cotten unter Schreiben, das Freilegen dieser Spuren: „Es braucht weniger das sogenannte Kreative (alles ist potenziell kombinatorisch immer schon da), sondern die absichtliche Destruktion und das Unabsichtliche, Fehlerhafte.“
Berlin, Rom, Japan, Wien, wo Cotten das Kulturmagazin Triëdere herausgibt, und die Steiermark, wo sie gerade einen Rückzugs- und Schreibort für Autor:innen aufbaut. Macht das nicht einsam, ständig unterwegs und manchmal unverstanden zu sein? Sie sehne sich schon nach einer kontinuierlicheren Tätigkeit als dem, was sie die „Eventkultur“ des Literaturbetriebs nennt. Aber einsam werde sie nicht, sagt sie. „Im Ausland, wo mir keine ausreichend subtile Sprache zur Verfügung stand, merkte ich mit einigen Mitmenschen: Wir sind vollständig, aufmerksam und in Kommunikation miteinander, obwohl wir keinen Satz wechseln konnten. Das war sehr beruhigend: Ich war nicht so sehr von Sprache abhängig, wie ich glaubte.“
Sich zu verstehen, das heißt in Ann Cottens Schreiben eben nicht, bei der gewohnten Sprache zusammenzukommen, sondern, sich auf Spurensuche zu begeben. An den üblichen Treffpunkten, den Pollern, wartet man vergeblich.
Ann Cotten: „Poller. Idyllen“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 18 Euro
Ann Cotten: „Text fur Aliens“. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 176 Seiten, 22 Euro
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