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Eine bessere Antifa heißt …

Wir, die Azubis gegen Rechts, schließen eine Lücke innerhalb klassischer Antifa-Strukturen, die zumeist von Studis geprägt sind. Unsere Lebensrealität findet dort wenig Raum. Allein weil Treffen so gelegt sind, dass wir keine Zeit haben oder uns Urlaub nehmen müssten. Außerdem fehlen in der antifaschistischen Arbeit oft Verbindungen zu politischen Problemen unserer Ausbildung, sei es die geringe Vergütung, der Umgang mit rechten Gesinnungen im Betrieb oder Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsplatz.

Ich mache eine Handwerksausbildung in einem städtischen Betrieb und erlebe, dass die Kommunalversorgung immer prekärer wird. Andere erleben das auch, etwa in der Pflege; viele werden nicht einmal übernommen, trotz Personalmangel. Dazu kommen Sorgen vor Verlängerung der Arbeitszeit oder Kürzungen in unseren Branchen. Auch daran spüren wir den Rechtsruck.

Bei Azubis gegen Rechts können wir uns über diese Themen austauschen, das ist sehr verbindend. Wir wollen bewusst niedrigschwelliger sein als andere Strukturen. Vor allem geht es darum, Probleme unseres Alltags als gemeinsame, politische Probleme zu erkennen – nicht um komplexe Inputs aus der politischen Theorie. Dafür treffen wir uns zu Uhrzeiten, die für Azubis machbar sind, freitags veranstalten wir etwa einen Azubi-Feierabend im Park.

Seit knapp zwei Jahren gibt es Azubis gegen Rechts bundesweit, in Freiburg seit November 2025. Die Ini­tiative kam aus den Gewerkschaften, die Gruppe hat sich an einer Berufsschule gegründet. Anfangs waren wir sehr handwerklich geprägt, wollten aber nicht, dass der Fokus darauf bleibt, und sind deshalb aktiv auf Leute anderer großer Betriebe und Berufsschulen zugegangen. Wir wollen Azubis insgesamt ansprechen und nicht nur diejenigen, die sich bereits als links verstehen.

Klassische Antifa-Strukturen erreichen oft keine Menschen weit über gewisse Szenen hinaus. Sie mobilisieren etwa über Social Media, wo sie diejenigen erreichen, die ihnen ohnehin schon folgen und politisch ähnlich eingestellt sind. Letzte Woche habe ich zum Beispiel an einer Berufsschule Werbung für unsere Azubi-Versammlung gemacht. Ich glaube nicht, dass eine antifaschistische Gruppe dort schon mal mobilisiert hat oder aktiv auf Leute in meinem Betrieb zugegangen ist.

In die Betriebe kann man auch nicht immer unter dem Label „Antifa“ reinlaufen. Unser Anspruch ist ohnehin vielmehr, tatsächliche Positionen hineinzutragen und zu zeigen, dass antifaschistische Arbeit nicht bedeutet, einen bestimmten Style zu tragen oder nur „Nazis scheiße“ zu finden. Es bedeutet, ein gutes Leben für alle zu erkämpfen.

Grundsätzlich macht es aber wenig Sinn, immer neue Kleingruppen für immer spezifischere Interessen zu gründen. Wichtiger ist es, an bestehende Strukturen anzudocken und gemeinsame Bündnisse zu bilden, wie bei Widersetzen. Bundesweit sind wir als Azubis gegen Rechts gut vernetzt und planen zum Beispiel gemeinsam mit den Ar­bei­te­r*in­nen gegen Faschismus eine gemeinsame Konferenz.

Protokoll: Lilly Schröder

Als ich anfing, mich in Leipzig zu organisieren, kam es in meinem damaligen Bezirk regelmäßig zu Nazi-Aufmärschen. Bereits während meiner Schulzeit wollte ich mich antifaschistisch einsetzen, habe aber immer wieder gemerkt, dass ich die Zusammenarbeit mit Männern oft als belastend wahrnehme. Entweder man muss sie oft noch erziehen, oder sie nehmen einfach sehr viel mehr Raum ein als Frauen – und vor allem weiße Männer stellen sich dann sehr in den Vordergrund, finde ich.

Auf einer Demonstration gegen Nazis habe ich dann eine überregionale, feministische Gruppe kennengelernt, bei der keine Männer erlaubt sind. Es war sehr cool, endlich in einem Raum voller Frauen und nichtbinärer Personen zu sitzen und über Politik und gesellschaftliche Themen reden zu können, ohne dass ein Mann unterbricht oder ungefragt seine Meinung mitteilen muss. Ich finde das Angebot auch einfach sehr toll. Man kann zusammen auf Demos gehen und andere Anliegen unterstützen, aber auch zusammenkommen, sich belesen und sich gegenseitig informiert halten.

Beim ersten Plenum war ich aber trotzdem recht überfordert. Es wurde ausschließlich organisiert und ich habe keine Aufgaben zugeteilt bekommen – dafür aber eine Patin. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und sie hat mir dabei auch erzählt, was die Ziele der Gruppe sind. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass man Neue stärker von Beginn an in Aufgaben einbindet.

Ich finde, manchmal sind wir als Antifa zu fokussiert auf die Details. Wir streiten darüber, welche Staatsform wir wollen, ob wir überhaupt einen Staat wollen. Dadurch ist das Gemeinschaftsgefühl etwas geschwächt. Ich würde mir auch wünschen, dass wir als An­ti­fa­schis­t*in­nen uns mehr anstrengen, Nicht-Akademiker*innen zu erreichen. In unserer Gruppe stellten sie die Minderheit dar. Und trotz meines Studiums habe ich oft das Gefühl, nicht belesen genug zu sein, um antifaschistische Arbeit zu machen. Dabei ist linke Theorie nur der Anfang, aber da hört es besonders für Männer oftmals schon auf. Performativ Marx lesen reicht einfach nicht.

Unabhängig von den Startschwierigkeiten habe ich mich von der feministischen Gruppe nach einem halben Jahr distanziert. Ihr wurde vorgeworfen, Täter zu schützen. Was genau vorgefallen ist, weiß ich nicht. Es gibt eine Instagram-Seite, die Vorfälle von Opfern von patriarchaler Gewalt sammelt. Dort werden auch Vorfälle geschildert bei Gruppen, die eng mit der meinen zusammenarbeiten.

Bevor ich gegangen bin, habe ich mit meiner Patin über diese Vorwürfe gesprochen. Sie hat meine Sorgen ernst genommen, trotzdem war ich sehr verunsichert. In keinem meiner Gespräche wurde genauer gesagt, was eigentlich wem wann passiert ist. Ich wollte nichts falsch machen, aber habe mich bei dem Gedanken unwohl gefühlt, Teil einer feministischen Gruppe zu sein, von der viele sagen, dass sie Täter schütze. Mittlerweile wohne ich wieder in Berlin und überlege schon, hier der Gruppe beizutreten. Nur möchte ich etwas Klarheit haben.

Protokoll: Ann Toma-Toader

Früher war ich in den klassischen Strukturen der Antifa organisiert. Dort aber – und das hat mich gestört – wurde sich vor allem um sich selbst gedreht. Es ist eine kleine Szene mit bestimmten habituellen Codes, in denen man sich als migrantische Frau nicht wiederfindet (weiße Menschen in Fred-Perry-Shirts und Adidas-Jacke). Als Frau of Colour im Kleid wird einem gern auch mal der Feminismus abgesprochen. Und ich hatte den Eindruck, dass die politische Arbeit keine wirklich relevante Rolle im gesellschaftlichen Alltag der Menschen spielte. Es wurden vielmehr autonome Inseln geschaffen – ein selbstverwaltetes Café hier, ein Hausprojekt dort –, ohne wirklich Menschen zu erreichen und in einem Antagonismus zum Staat aufzutreten. Für mich hat sich das wie eine Art Leerlauf angefühlt.

Dann kam der rassistische Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020. In klassischen antifaschistischen Gruppen wurde das Thema nicht richtig aufgefangen. Ich hatte das Gefühl, dass viele es schlimm fanden, aber es fehlte eine Übersetzung in konkrete politische Praxis. Kurz danach haben sich bundesweit 37 Gruppen unter dem Motto „Selbstschutz jetzt – Migrantifa jetzt!“ gegründet. Damit haben wir eine Lücke gefüllt. Davor gab es klassisch autonome Strukturen und Diaspora-Vereine, die wir über unsere Eltern kannten, aber es gab keine revolutionäre Organisierung von Migrant*innen, die in Deutschland aufgewachsen sind.

Unsere Prämisse war: Hanau ist kein Einzelfall, sondern ein Ausdruck staatlichen Umgangs mit migrantischem Leben. In klassischen Antifa-Strukturen spielt staatlich vermittelter Rassismus kaum eine Rolle, dort geht es vor allem um den Schutz vor einzelnen Nazis oder der AfD. Uns war jedoch wichtig zu fragen: Wie werden Nazis produziert? Welche Rolle spielt der Staat dabei, indem er uns kriminalisiert, illegalisiert und ausbeutet? Und wie können wir uns als migrantische Community organisieren und eine gerechtere Zukunft erkämpfen?

Während die linke Szene für uns zunächst tatsächlich eine Szene war, war uns wichtig, wieder eine Politik für Mi­gran­t*in­nen zu machen, die antifaschistisch und antikapitalistisch ist und sich als Klassenpolitik versteht. Deshalb haben wir früh mit Basis- und Kiezarbeit angefangen und die Probleme unserer Nach­ba­r*in­nen auch als unsere begriffen. Wir haben einen Nachbarschaftsladen aufgemacht und Beratungen angeboten sowie Kiezspaziergänge. Aus klassischen Antifa-Strukturen kenne ich eine solche nachbarschaftliche Hands-on-Arbeit nicht.

Gleichzeitig war uns wichtig, nicht in eine isolierte Community zu verfallen. Deshalb wollten wir auch die Traditionsdaten der deutschen Linken mehr einbinden und haben am 1. Mai 2021 als Hauptorganisation zur revolutionären 1.-Mai-Demo mit aufgerufen. Dazu haben wir diasporische Vereine eingeladen, die den Frontblock gestemmt haben. Es gab auch einen Palästina-Block. Palästina-Solidarität ist ein Kernpfeiler unserer antiimperialistischen Praxis, und das lange vor dem 7. Oktober, als Palästina-Solidarität aus klassischen Antifa-Strukturen noch weitestgehend ausgeschlossen wurde.

Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn sich antifaschistische Gruppen nach identitären Merkmalen aufspalten und organisieren. Gleichzeitig gründen sich diese Gruppen alle aus einer Notlage heraus, weil ihre Themen zuvor nicht abgedeckt, sondern an einen Rand gedrängt wurden. Das gilt auch für uns. Wichtig ist deshalb, in der Praxis in Bündnissen zusammenzukommen.

Ein gutes Beispiel: das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Darin haben sich Gruppen von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) über Mera25 bis hin zu Migrantifa-Strukturen zusammengeschlossen, um in Zeiten von Aufrüstung und sozialen Sparmaßnahmen gemeinsam die Waffenproduktion zu verhindern und mit Kiezgesprächen die Nachbarschaft zu organisieren. Davon braucht es mehr.

Protokoll: Lilly Schröder

*Namen von der Redaktion geändert

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