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„Dieses große Gefühl des Wunderns“

Tim Florian Horn ist der Herr der Berliner Planetarien und Sternwarten. Mit dem Einsatz neuester 3D-Technik will er zeigen, dass Wissenschaft auch Spaß machen kann

Interview Andreas Hergeth Fotos Jens Gyarmaty

taz: Herr Horn, was wollten Sie als Kind mal werden?

Tim Florian Horn: Erst Polizist. Und mit 12 bin ich zu den Sternen gekommen.

taz: Das müssen Sie genauer erzählen.

Horn: Schon als kleines Kind habe ich viel nach den Sternen gefragt. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Spielplatz stehe, in den Himmel schaue und meine Mutter dazu ausfrage. Bei einer Cornflakesmarke gab es immer Gimmicks in den Packungen, einmal waren es Adressen und Telefonnummern von Planetarien. Das Kieler Planetarium war damals noch wegen Asbestsanierung geschlossen, aber sobald es wieder geöffnet hatte, war ich regelmäßiger Gast. Mit 12 Jahren, also 1994, bin ich dort in die Astro-AG gegangen und geblieben, denn wir hatten die Möglichkeit, Planetarium zu machen.

taz: Was bedeutet das, Planetarium machen?

Horn: Wir haben selber Programme produziert! Und mit 14 oder 15 saß ich das erste Mal an der Kasse. Mit noch nicht mal 16 Jahren habe ich meinen ersten abendfüllenden Vortrag gehalten …

taz: … was war das Thema?

Horn: Das war ein Vortrag zur Mission Mars Pathfinder, einer Sonde, die 1996 auf dem Mars gelandet ist. Die Amerikaner waren schon in den 1970er auf dem Planeten und dann lange Zeit nicht mehr.

taz: Waren Sie Fan von „Raumschiff Enterprise“? Aber Sie sind Jahrgang 1982 und wahrscheinlich zu jung für diese Serie aus den 1960ern, oder?

Horn: Das spielte schon eine Rolle. Science Fiction lese ich zum Beispiel bis heute gerne. Und natürlich habe ich als Jugendlicher „Star Trek“ geguckt. Ich war auf einer Ganztagsschule, wo es bis 15.55 Uhr Unterricht gab und um 16.07 Uhr fing „Star Trek“ im Fernsehen an. Ich musste richtig rennen, um pünktlich zu Hause zu sein.

taz: Was hat Sie als Jugendlicher an dem Weltall so fasziniert?

Horn: Diese schiere Größe des Kosmos. Und die große Frage, ob wir alleine sind im Universum. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass das Weltall so riesig ist und wir da die Einzigen sein sollen.

taz: Wie war Ihr Werdegang, was haben Sie studiert?

Horn: Ich habe meine gesamte Freizeit im Kieler Planetarium verbracht, da ist für mich ein Berufswunsch entstanden. Ich wollte Vermittler zwischen der Astronomie und der Bevölkerung sein. Und es gab den Studiengang „Multimedia Produktion“ an der Fachhochschule Kiel. Wir waren die ersten in Deutschland, die ein digitales Planetarium bekommen haben. Einerseits hat der Verein, in dem ich aktiv war, es unterstützt, dieses Planetarium auf dem neuen Campus zu bauen, andererseits hat auch der Studiengang gesagt, dass 360-Grad-Videos, also immersive Videos, das nächste große Ding werden. Ich war zur perfekten Zeit am richtigen Ort.

taz: Aber Sie sind nicht in Kiel geblieben.

Horn: Wir, also Freunde von mir und ich, haben 1999 eine Firma für 360-Grad-Bilder gegründet. Ich war ein halbes Jahr im Ausland für ein Praktikum bei einer Planetariumsfirma an der Ostküste der USA. Ich bin 2005 zurückgekommen, habe meinen Abschluss gemacht, war sieben Jahre lang Produktionsleiter am Planetarium in Hamburg. Ich bin dann mit meiner Familie nach San Francisco ausgewandert. Dort war ich Producer für Klima- und Erddatenvisualisierung an der California Academy of Sciences, also am Naturkundemuseum, und habe nebenbei Astro­nomie studiert. Wir sind mit einem Kind in die USA und mit zwei Kindern zurück nach Deutschland (lacht).

taz: Sie haben einen kleinen US-Bürger zu Hause.

Horn: Die Amerikaner nennen es Anchor Baby – wir hätten mit ihm auf Dauer dort bleiben können. Wir sind aber 2013 nach Berlin, weil ich erst Leiter des Zeiss-Großplanetariums wurde und mit der Errichtung der Stiftung Planetarium Berlin kommissarischer Vorstand und dann Vorstand wurde.

tat: Die Stiftung wurde vor 10 Jahren gegründet, um die Berliner Planetarien und Volkssternwarten zusammenzuführen. Die gab es ja doppelt, jeweils einmal im Osten und einmal im Westen der Stadt.

Horn: Wir haben die geschichtlich besondere Herausforderung in Berlin, das es alles doppelt und dreifach gibt. Die erste Einrichtung, die es gab, war die 1896 eröffnete Archenhold-Sternwarte, die größte und älteste Volkssternwarte Deutschlands. Das Planetarium am Zoo, 1926 eröffnet, wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer zerstört und später abgetragen. Als Ersatz wurde das Planetarium am Insulaner gebaut.

taz: Und mit der deutschen Teilung?

Horn: Hatte Ostberlin kein Planetarium mehr. Dabei war der VEB Carl Zeiss Jena die Firma für Sternprojektoren, die in alle Welt verkauft wurden. Also fiel die Entscheidung, in Ostberlin ein Zeiss-Großplanetarium zu bauen, es wurde 1987 eingeweiht. Kurz nach dem Mauerfall, schon im August 1990 hatte man sich getroffen, um über die Zukunft der beiden Berliner Planetarien und der beiden Volkssternwarten zu beraten. Damals gab es keine rechtliche Möglichkeit, diese zusammenzubringen. Die beiden Westeinrichtungen wurden von einem Trägerverein betrieben.

taz: Und die Osteinrichtungen?

Horn: Die sind nach einer langen Odyssee, das kann man nicht anders sagen, dem Technikmuseum zugeordnet worden. Man hat hier im Kleinen noch mal alles falsch gemacht, was im Großen in der Wende falsch gelaufen war. Die Kollegen hier waren zum Teil sehr ­frustriert und mitgenommen von dem, was bei der Wende geschehen ist.

taz: Bis hin zur Angst vor Abwicklung.

Horn: Dabei war das ja zur Wendezeit die modernere Einrichtung. Es hat bis 2014 gedauert, bis die beiden Senatsverwaltungen – einerseits für Kultur, andererseits für Bildung – angefangen haben, darüber zu sprechen. Wir Mitarbeitende aller vier Einrichtungen hatten seinerzeit ein Konzept geschrieben, wie wir uns das alles vorstellen. Für uns war nicht die Frage, ob wir zusammengehen – aus kosmischer Sicht kann man das nur zusammen machen.

taz: Weil die Synergieefekte auf der Hand liegen.

Horn: Ja, alles nur einmal zu machen, hat viele Vorteile bei Marketing, Internetseite, Ticketing, beim Produzieren von Programmen oder Technikeinkauf.

taz: Das Zeiss-Großplanetarium ist eins der modernsten seiner Art in Europa mit innovativen Vermittlungsformen und einer großen Zahl von Programmen.

Horn: Was ich in Kiel und Hamburg oder in den USA gelernt habe, ist, dass Wissenschaft und die Vermittlung von Wissen Spaß machen darf. Deshalb bieten wir zum Beispiel Yoga unterm Sternenhimmel und Babykrabbeln an, wir haben wissenschaftliche Vorträge und Pink-Floyd-Abende im Programm, Tocotronic und eine Gothic-Band haben hier gespielt. Es ist ein modernes Theater, in dem alles möglich sein darf.

taz: Zuletzt gab es mit „Cosmic Opera“ klassische Musik unterm Sternenhimmel und ein Peter-Schilling-Programm, ein multimediales Konzerterlebnis in 360 Grad. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

Tim Florian Horn

Der Mensch

Tim Florian Horn, 1982 in Preetz (Schleswig-Holstein) geboren, ist in Kiel aufgewachsen. Horn hat Multimedia Produktion und Astronomie studiert und war an der California Academy of Sciences in San Francisco tätig. Er lebt seit 2013 in Berlin und ist Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin.

Die Stiftung

2016 gegründet, vereint die Stiftung Planetarium Berlin die beiden Volkssternwarten Berlins, die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park und Wilhelm-Forester-Sternwarte in Schöneberg (die gerade für eine Sanierung geschlossen ist), mit den beiden Berliner Planetarien, dem Planetarium am Insulaner in Schöneberg und dem Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg. Das 10-jährige Jubiläum der Stiftung wird am 4. Juli gefeiert.

Horn: Durch Zufall. Es gab einen Anruf, da wollte ein deutscher Künstler sein neues Album bei uns vorstellen. Das Management rief an und es wurde nicht einmal gesagt, um welchen Künstler es sich handelt. Wir kriegen viele solcher Anfragen. Und dann geht eines Tages die Tür auf und Peter Schilling kommt hereinspaziert.

taz: Sein grandioser Hit „Major Tom (völlig losgelöst)“ von 1982 wurde dank des Einsatzes in den Fußballstadien wieder populär.

Horn: Es war lange ein Traum von Peter Schilling, seine Musik, die ja viel mit kosmischer Betrachtung zu tun hat, visuell entsprechend umgesetzt zu wissen. Wir haben eine Koryphäe für 3D-Sound gefunden, außerdem stecken in der Kuppel des Planetariums 50 Lautsprecher – wir können also den Sound auch in 3D verteilen.

taz: Sie haben mittlerweile 30 unterschiedliche Programme. Haben Sie immer ein volles Haus?

Horn: Wir sind gut besucht, aber natürlich sind wir jahreszeitenabhängig. Sobald das Wetter im Sommer schöner wird, wird es erst mal ein bisschen leerer. Aber wenn alle eine gute Klimaanlage suchen, werden wir wieder mehr besucht.

taz: Sie moderieren mit Talent zum Entertainer. Das lässt an Ihren Vorgänger denken, von wegen Wissensvermittlung, die Spaß machen kann …

Horn: … Sie meinen Dieter B. Herrmann, der Astronom war 1987 Gründungsdirektor des Zeiss-Großplanetariums …

taz: Er moderierte 14 Jahre lang die populärwissenschaftliche Sendung „AHA“ im DDR-Fernsehen.

Horn: Er ist leider verstorben. Ich habe vieles von ihm gelernt. Dieter B. Herrmann ist für meine persönlichen Geschichte wichtig. Das hier war das Sternentheater, so wurde es zur Eröffnung 1987 genannt. Heute sage ich Wissenschaftstheater, und damit bediene ich mich dessen und auch der Geschichte des Hauses und seines Könnens, seiner Idee des Planetariums und schreibe es nur fort. Wobei der Begriff Wissenschaftstheater eigentlich viel älter ist. Schon bei der Eröffnung der Urania 1888 stand es draußen dran: Wissenschaftliches Theater.

taz: Wieder was gelernt, spannend.

Horn: Das, was wir heute machen mit dem Planetarium über die Astronomie hinaus, ist nur die Fortschreibung dessen, was in Berlin immer war. Wir haben immer neue Vermittlungsformen in dieser Stadt ausprobiert. Manches hat geklappt, manches nicht. Und ich glaube, das kann auch nur in dieser Stadt funktionieren, weil man hier Dinge ausprobieren darf.

taz: Das macht das Planetarium so besonders, die Geschichte und die Kontinuität?

Horn: Ja, und dieses große Gefühl des Wunderns. Wenn man in den Sternenhimmel schaut, scheint es mit uns Menschen was Archaisches anzurichten. Das Herz geht auf. Der Kopf wird frei und wir versuchen, die großen Fragen zu stellen. Wie sind wir entstanden? Sind wir alleine? Durch die digitale Technologie kann ich mit Ihnen durchs All fliegen. Und wenn wir über der Erde stehen, kann ich sagen: Schauen Sie, das ist unsere Heimat. Alle Menschen, die sie kennen und alle anderen Menschen, sind hier zu Hause.

taz: Wie wichtig war, dass das Zeiss-Großplanetarium, zu DDR-Zeiten erbaut, 2025 endlich unter Denkmalschutz gestellt wurde?

Horn: Das ist eine wichtige Anerkennung für ein Gebäude, das eine besondere Funktion hatte und hat. Weil es 1987 als ein Ort errichtet wurde, an dem man zumindest im Geiste frei reisen konnte. Und es hilft natürlich vielleicht dabei, wenn wir unter Denkmalschutz stehen, an neue Fördermöglichkeiten zu bekommen. Weil wir auf lange Sicht vorhaben, ein Space Science Center zu errichten.

taz: Das müssen Sie näher erklären, was soll das sein?

Horn: Es geht um einen Anbau, der modernste Visualisierungstechnologien ermöglicht, sodass man nicht nur die Kuppel über sich hat, sondern sich im Bild befindet, dass der Fußboden und auch die Wände per Immersion dieses Gefühl ermöglichen, durchs All zu schweben oder durch eine Zelle oder durch Musik – was auch immer.

taz: Und was kommt als nächstes Programm? Vielleicht Schlager unterm Sternenhimmel?

Horn: Wir haben die Musikreihe „Cosmic“ im Programm und als Veranstaltung schon Cosmic Movie Melody, Cosmic Jazz und Cosmic Chillout. Wir haben eine interne Abstimmung über Cosmic Schlager gemacht und die Idee ist dann doch weiter oben gelandet, als es mir lieb wäre. Und wir diskutieren, ob man „Cosmic Laser“ macht. Wir haben ja eine sehr coole Laseranlage, womit man mal etwas ausprobieren könnte. Das nächste Programm, was bei uns im Juni in die Premiere geht, ist ein wissenschaftliches: „Zeit – Im Strom des Universums“. Danach werden wir wahrscheinlich Anfang November ein Programm mit den schönsten Orten des Kosmos haben, es heißt „Juwelen des Kosmos“.

taz: Guckt man im Osten und Westen eigentlich anders auf die Sterne?

Horn: Nein, der kosmische Blick ist nicht anders, weil der Sternenhimmel in Ost wie West ideologisch genutzt wurde. Gerade wenn es um den Wettlauf ins All geht. Da ist dann nur die Frage, wen man besser kennt, Ulf Merbold oder Sigmund Jähn?

taz: Die Ostler kennen immer beide, viele Westler aber nur den einen.

Horn: Doch heute ist es eine gesamtdeutsche Aufgabe. Die deutschen ­Astronauten Matthias Maurer und Alexander Gerst kennen alle, es ist unglaublich, wie die es bei Veranstaltungen geschafft haben, die jungen Menschen zu begeistern. Es ist ein neues Interesse am Kosmos da.

taz: Auch durch Rabea Rogge, die erste deutsche Frau im All.

Horn: Ja, und sie war am 15. Juni auch bei der Feier zum Jubiläum der Stiftung dabei. Es ist wirklich schön, zu sehen, dass das Interesse am Kosmos in Ost wie West riesengroß ist. Das liegt wohl auch daran, weil wir gerade an einem Punkt sind, wo wir alle mehr nach Orientierung suchen und man sich so ein bisschen – egal in welchem System man aufgewachsen ist – fragt: Wo ist mein Platz? Wie funktioniert das Ganze eigentlich hier? Wie ist denn unsere Perspektive von außen?

taz: An den Sternen kann man sich gut orientieren.

Horn: Und vielleicht auch ein bisschen mehr Demut lernen, wenn man bedenkt, dass alles, woraus wir bestehen – Kohlenstoff, Sauerstoff, Eisen – in Sternen zusammengebacken wurde. Wir sind Sternenstaub. Wenn man das erkennt, ist es vielleicht ein bisschen egaler, wie sehr man sich im Alltag über Dinge ärgert, die im Grunde genommen nicht ganz so wichtig sind.

taz: Was halten Sie von der Astrologie? Lesen Sie Horoskope?

Horn: Auch da ist zu merken, dass ein größeres Interesse da ist, weil Menschen Halt suchen. Wissenschaftlich können wir sagen, dass nichts dran ist an der Astrologie. Und trotzdem wird es gelesen, gemacht und getan. Aber würde der Himmel Finanzgeschäfte voraussagen, wäre ich sicherlich nicht mehr im öffentlichen Dienst tätig. (lacht).

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