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Auserkoren zur Wahl

Eine taz-interne Jury hat sieben Medienprojekte nominiert. Radio Corax, die Studierendenzeitung „UnAufgefordert“ und die Kulturmagazine von Berndt Media werden hier vorgestellt. Am 6. Juni folgen weitere Porträts. Am 8. Juni beginnt die offene Abstimmung zum panterpreis, den die taz panterstiftung alljährlich organisiert. Preisgelder und Preisverleihung werden durch Spenden finanziert

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Jeder Tag klingt bei Radio Corax anders. Wer Samstagmittag einschaltet, hört manchmal die Sendung Tipkin über Feminismus, Punk und Queer Politics. Wer sonntags wieder Radio Corax aufdreht, kann Jazz, Lyrik und „anderen Ungereimtheiten“ im Magazin Serendipity lauschen. An anderen Tagen läuft manchmal die mehrsprachige Redaktion Common Voices und das Kinder- und Jugendradio. Manchmal auch nicht. Aber irgendwas läuft immer.

Während kommerzielle Radios einen bestimmten Sound als Marke etablieren, lebt Corax von eigensinniger Vielfalt. Rund um die Uhr läuft das freie Radio in Halle an der Saale seit dem Jahr 2000. Derzeit gestalten etwa 400 Mitglieder 175 verschiedene Sendungen. Fast alle, die Musik auswählen, Reportagen produzieren oder Sendungen moderieren, arbeiten ehrenamtlich.

Beim Programm mitmachen, das gehe im Prinzip ganz einfach, erklärt Programmkoordinator Alex Körner. Er ist seit seiner Jugend dabei, nächstes Jahr wird er 40. „Wer eine Idee hat, stellt sie in der Redaktionskonferenz vor und nach einem Einstiegsworkshop unter anderem zur Mikrofontechnik kann es losgehen.“ Nicht immer klingt alles glatt, aber der technische Anspruch ist hoch.

Was dann inhaltlich im Radio läuft? Das entscheiden die Leute selbst. Ob Kinder, Queere oder Geflüchtete, alle gestalten eigene Sendungen. Für die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wollen zum Beispiel mehrere temporäre Redaktionen im ländlichen Raum O-Töne bei den Leuten sammeln, die sich vor Ort engagieren.

Doch Corax funkt nicht nur aus Lautsprechern. Unter den Studios in Halle, in einem großen Raum mit Theke, werden Filme gezeigt, Debatten geführt, Workshops für angehende Ra­dio­ma­che­r:in­nen organisiert. Corax ist auch ein Treffpunkt. Zurzeit entstünden mehrere Kooperationen mit Kultureinrichtungen, erzählt Programmkoordinator Körner. Außerdem engagiert sich Corax international etwa bei dem Verband Amarc für nichtkommerzielle Radios.

Verglichen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder kommerziellen Sendern bleibt Corax ein kleines Medium. Dass es in Sachsen-Anhalt wahrgenommen wird, hat die AfD mit ihrem Programm für die Landtagswahl bestätigt. Die extrem rechte Partei möchte dem kleinen Sender „den Geldhahn zudrehen“. Laut der AfD bietet Corax „allen Spielarten des linken Fanatismus, der perversen Regenbogenideologie und des Genderismus eine Plattform“.

Das werbefreie Programm von Corax finanziert sich aus mehreren Töpfen. Über die Landesmedienanstalt bekommt das Bürger:innen-Radio etwa 200.000 Euro, als Anteil des Rundfunkbeitrags. Hinzu kommen kommunale Förderung, Projektgelder sowie vergangenes Jahr 17.000 Euro über den „Förder- und Freundeskreis Radio Corax“.

Zurzeit sei im Radio ein großes Thema, wie es künftig mit der Finanzierung weitergehe, sagt Programmkoordinator Alex Körner. „Egal wie die Landtagswahl ausgeht, Spenden werden für uns wichtiger.“ Corax werde weiter Radio machen, mit all der Vielfalt, die seit 26 Jahren das Programm prägt.

David Muschenich

Die Chefredaktion wird jedes Jahr neu gewählt. Kei­ne:r der Au­to­r:in­nen hat eine journalistische Ausbildung. Geld gibt es auch keins. Kann man unter solchen Bedingungen guten Journalismus machen? UnAufgefordert, die Studierendenzeitung der Humboldt-Universität in Berlin, kann es.

Ein Kollektiv von Nach­wuchs­jour­na­list:innen, das sich ständig erneuert, berichtet über Hochschulpolitik, studentisches Leben und Kultur. Und das seit Jahrzehnten: Die erste Ausgabe der UnAuf erschien an der Humboldt-Universität eine gute Woche nach dem Mauerfall – als „erste freie Zeitung der DDR“, wie sie sich selbst bezeichnet.

Aktuell bereitet die Chefredaktion mit Felicitas Hohmann, Thordis Schreiber, Emely Stache und Andreas Stein die 275. Ausgabe vor. Seit 2012 ist UnAuf außerdem online zu lesen.Jedes Heft kreist um ein Thema. Im Schönheitsheft berichtete das Team etwa über African Fashion und Rassismus in der deutschen Modebranche und beschrieb die Ästhetisierung von Gewalt in Filmen. In der Großstadtausgabe ging es unter anderem um die Politik der Straßennamen. Und für die 272. Ausgabe reisten im vergangenen August sechs Redaktionsmitglieder nach Serbien. Sie berichteten über die Proteste, die sich am Einsturz eines Bahnhofsdachs entzündet hatten und bald das ganze Land erfassten. Das UnAuf-Team besuchte besetzte Fakultäten, sprach mit Profs und Studierenden. Heraus kam ein Heft, das die Situation in Serbien ausführlicher und tiefgehender beschreibt, als viele professionelle Zeitungen in Deutschland dies taten.

Bei der Vorbereitung bekam die UnAuf erfahrene Unterstützung: ZDF-Journalist Wolf-Christian Ulrich erklärte, worauf man bei der Arbeit im Ausland achten muss.

Ulrich war während seines Studiums an der HU selbst UnAuf-Redakteur. Über die Jahrzehnte haben Generationen von Studierenden hier ihre ersten journalistischen Schritte gemacht. Für viele wurde daraus ein Beruf. Deshalb habe man bei Bedarf „ein großes Netzwerk“, sagt Thordis Schreiber.

Redaktion und Layoutteam arbeiten komplett ehrenamtlich. Von der Uni oder der Studierendenschaft bekommt UnAuf kein Geld, seit das StudentInnenparlament die Finanzierung 2008 nach einem Streit einstellte. Herausgeber ist seit 2009 der Freundeskreis der UnAufgefordert e. V. „Die Druckkosten finanzieren wir über Werbung“, sagt Andreas Stein. „Wir brauchen vier bis fünf Anzeigen, um sie zu decken.“ Die Serbienrecherche finanzierte die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Bundesmitteln. Als Nächstes plant die Redaktion eine Ausgabe über Ungarn. „Nach dem Machtwechsel wollen wir vor allem erfahren, wie die jungen Menschen auf die Zukunft blicken“, sagt Felicitas Hohmann. Auch um die Inhaftierung der deutschen nichtbinären Person Maja T. und die künftige Rolle Ungarns in der EU soll es gehen. Vor 15 Jahren war die UnAuf übrigens schon einmal in Ungarn. Thordis Schreiber: „Wir haben die damaligen Beteiligten schon angesprochen und nach ihren Erfahrungen gefragt.“ Martin Kaluza

Das Programm der Ruhrfestspiele wird ebenso besprochen wie Branko Janacks Inszenierung über den Serienmörder Johann „Jack“ Unterweger am Schauspiel Köln und HipHop-Tanzprojekte: Jeden Monat zeigen die Magazine choices in Köln, trailer im Ruhrgebiet und engels in Wuppertal kostenlos, was die Kultur den 10 Millionen Menschen im Ballungsraum Rhein-Ruhr bietet – von Theater und Kino über Konzerte und Literatur bis zu Museen und Kunstausstellungen.

Beim Kino reicht die Bandbreite von Hommagen an Bands wie die Toten Hosen und Iron Maiden bis zum Kinderfilm „Die Legende des Wüstenkindes“. Der Kriminalroman „Swinging Cologne“ des Autors Stefan Winges wird ebenso besprochen wie das noch bis Mitte Juni laufende stARTfestival in Leverkusen, bei dem das Kammerorchester Wien-Berlin ebenso auftritt wie der polnische Cellist Michał Pepol.

Doch die drei Magazine, die alle im Verlag Berndt Media erscheinen, bieten mehr als eine breite Mischung von Populär- und Hochkultur. Die mehr als 30 festen und freien Mit­ar­bei­te­r:in­nen der Redaktionen, von denen einige auch in der taz veröffentlicht haben, kämpfen und streiten für eine lebenswerte solidarische Gesellschaft. Viele Texte sind dezidiert politisch.

In der Rubrik „Fragen der Zeit“ wird jeden Monat ein aktuelles Schwerpunktthema beleuchtet – vom bundesweiten Frauenstreik bis zum Rechtsruck. Im Schwerpunkt „Nach der Arbeit“ wurde gefragt, ob Industriearbeit in Deutschland ein Auslaufmodell sein könnte – und warum sich Sozialdemokratie und Gewerkschaften trotzdem an den „Fetisch Arbeit“ klammern.

Verleger Joachim Berndt steckt also jeden Monat viel Geld in progressiven, aufklärerischen Journalismus – auch im Internet. „So etwas kann eigentlich nur ein Verrückter machen“, sagt der gebürtige Schwabe, der seit seiner Politisierung in den Siebzigern im Ruhrgebiet lebt. „Jeder nur rein kaufmännisch denkende Mensch hätte das schon zehnmal beendet“, sagt Berndt, der trotz seiner 77 Jahre unfassbar fit wirkt. „Ich bringe Menschen zusammen, die viel mehr wissen als ich“, sagt der Verleger dazu: „Das gibt mir Kraft.“

Genauso wichtig sei aber auch das Lob von Leser:innen, gerade für die politischen „Themen der Zeit“. Rein Kommerzielles habe er nie herausgeben wollen, sagt Berndt, dessen Firma sich auch um den Anzeigenverkauf der 2007 eingestellten taz nrw gekümmert hat. „Als ich die 1989 gegründete Choices übernommen habe, war das ein PR-Magazin“, erklärt er im Gespräch. „Ich dagegen war fasziniert von den seit den siebziger Jahren gründeten Filmkunstkinos, von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder.“

Berndt finanziert seinen Verlag bis heute allein über Anzeigen. Staatliche „Finanzierung, Subventionen oder was auch immer“ habe er nie bekommen, sagt er. Unabhängig fühlen sich seine Au­to­r:in­nen trotzdem: „Schreib, was du willst“, sage der Verleger oft, erzählt einer von ihnen. Andreas Wyputta

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