Neues Album von Castora Herz: 100 Jahre und eine Schleiereule
Castora Herz verbindet Dancefloor mit kastilischer Volksmusik. Sein Album „Cien años de Castora“ ist eine Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne.
Alles beginnt mit dem Ruf einer Eule, dann ertönt ein elektronisch bratzelnder und brummender Bass und eine tiefe Stimme hebt beschwörend an: „Dicen que estamos condenados a repetir nuestro pasado“ („Man sagt, wir seien dazu verdammt, unsere Vergangenheit zu wiederholen“). Oha!
Der Auftaktsong auf dem Debütalbum vom spanischen DJ und Produzenten Castora Herz heißt nicht umsonst „La llamada del subgrave“, also „Der Ruf des tiefen Basses“. Das gebetsmühlenhafte, leicht pathetische Spoken-Word-Intro mit seinen subtilen Bässen soll die kastilischen Ahnen aufwecken, und kündigt vor allem an, was die Musik von „Cien años de Castora“ darstellen möchte: einen futuristischen und zugleich historischen Tanz.
Einen Tanz, der Zeitgenössisches mit Tradition verbindet, Mythologien mit elektronischen Beats und die meist mündlich überlieferten Traditionals der spanischen Landbevölkerung wieder aufleben lässt. Castora Herz schafft so eine Kombination aus elektronischem Dancefloor und spanischer Folklore, wie man sie vielleicht schon von Stars wie Rosalía kennt, und die in der Hand des Künstlers doch etwas ganz Eigenes erschafft.
Castora Herz: „Cien años de Castora“ (Eigenlabel/Bandcamp)
Denn statt Flamenco – der vielleicht bekanntesten und kommerziellsten Volksmusik Spaniens – widmet sich das Album der traditionellen Musik der Region Castilla y Leon im tiefsten Kastilien. Der Musiker hat dort seine Wurzeln. Nachdem er länger in Berlin gearbeitet hat, ist er nun wieder nach Spanien zurückgekehrt – sowohl musikalisch als auch physisch. Die Aufnahmen für „Cien años de Castora“ sind in Ampudia entstanden, einem Dorf in der Nähe von Palencia, Provinzhauptstadt einer gleichnamigen Region, die exemplarisch für das entvölkerte Spanien („Espana vacía“) steht, dem flachen Land, in dem kaum noch jemand lebt. Wo ganze Dörfer zu existieren aufhören.
Kastilische Folklore ist vielfältig, da sind „Jotas“ zu nennen, „Seguidillas“ und „Cantos de arada“ – alles Volkstänze und traditionelle Worksongs, die früher zum Beispiel beim Pflügen am Acker gesungen wurden, und die Castora Herz in seinem Sound inkorporiert und neu aufleben lässt, in dem er sie mit einem simplen Tanzbeat anschiebt. Ein Track wie „Dame Limones“ hätte eventuell auch etwas dezenteren Sequenzer-Einsatz verdient. Manchmal übertreibt es Castora Herz noch mit elektronischen Haudrauf-Effekten. Und dennoch schafft er es, zumeist eine Klang-Atmosphäre zu kreieren, bei der man beim Hören in einem verlassenen und zugleich verwunschenen, von Geistern bevölkerten, mysteriösen Land versinkt.
Wem gehört das Land?
Manche Arrangements bleiben bewusst fragmentarisch. Wenn der elektronische Sound abrupt endet, zum Beispiel und dann doch noch eine kurze traditionelle Weise erklingt. Oder, wenn fast schon dokumentarisch anmutende Interview-Schnipsel, wie in „Tierra de Campos“, eingespielt werden, in denen eine männliche Stimme von den Besitzrechten der Landbevölkerung erzählt, während im Hintergrund bedeutungsschwangere Kirchenglocken läuten. Und doch hat man selbst dann das Gefühl, man laufe durch aufgegebene kastilische Ortschaften. Darauf folgt dann wieder Tanzfutter, wie „Mudanza“ und „Al saltar el arroyo“, es knallt.
Um ein kollektives Gedächtnis, das nicht verloren gehen soll, um Tanz und Unterhaltung und um einen Touch Voodoozauber, darum geht es in „Cien años de Castora“. Symbolisch dafür steht die Schleiereule, die auch die Maske darstellt, hinter der sich Castora Herz verbirgt. In der heidnischen Mythologie steht sie für die Verbindung zum Jenseits und den Ahnen. Sí claro, ein bisschen Pathos muss bei einem spanischen Album schon sein. Gewidmet ist die Musik übrigens der Großmutter des Künstlers: Castora, die dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.
Live tritt ihr Enkel mit La Quadrilla in Aktion, einer Gruppe von Musiker:innen, die mit viel Show und folkloristischen Instrumenten – wie Tamburine, aber auch mal einem Löffel, der über eine Glasflasche kratzt – seine Songs analog begleitet. Das sorgt für noch mehr Seele und engere Verbindungen zu den kastilischen Vorfahren.
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