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Hantavirus und CoronaWar da was?

Kreuzfahrtschiff, Lungenkrankheit, Menschen in Quarantäne, Tote. Das Hantavirus weckt Erinnerungen. Aber kann man es mit Corona vergleichen?

Nicht Corona: das Hantavirus Foto: Science Photo Libra/getty images

Auf einem Kreuzfahrtschiff bricht ein Virus aus, Infizierte haben grippeartige Symptome, drei Menschen sterben, viele erkranken. Es ist von Mensch-zu-Mensch-Übertragung die Rede, weltweit müssen Kontaktpersonen in Quarantäne, nachdem Passagiere das Schiff verließen, die bereits erkrankt waren. Erinnerungen werden wach. Doch was ist dran an dem Vergleich des Hantavirus mit dem Coronavirus?

Tatsächlich geschah einer der größten Ausbrüche während der Coronapandemie ebenfalls auf einem Kreuzfahrtschiff. 700 Menschen, die am Bord von „Diamond Princess“ waren, wurden infiziert, sieben Menschen starben. Die Infektionen gingen höchstwahrscheinlich allesamt auf eine einzige infizierte Person zurück.

Kreuzfahrtschiffe bieten günstige Bedingungen für Viren und Bakterien. Immer wieder kommt es dort zu Ausbrüchen.

Hanta- und Coronaviren gehören allerdings unterschiedlichen Virusfamilien an und sind in ihrem Aufbau grundlegend verschieden, auch wenn beide RNA-Viren sind. Zu Beginn der Infektion verursachen sie grippeähnliche Symptome wie Fieber, Rücken-, Kopf- und Gliederschmerzen. Allerdings unterscheiden sie sich, bis es zu den ersten Symptomen kommt: Bei Sars-CoV-2 beträgt die Inkubationszeit typischerweise drei bis fünf Tage, bei Hantaviren kann sie ein bis zwei Wochen oder sogar noch länger betragen.

Der entscheidende Unterschied

Nord- und südamerikanische Stämme können das Hantavirus-Lungensyndrom verursachen, das in bis zu 40 Prozent der Fälle tödlich verlaufen kann, weil sich etwa Flüssigkeit in der Lunge ansammelt. Zudem können asiatische und europäische Hantavirusstämme das sogenannte hämorrhagische Fieber auslösen, das in seltenen Fällen zu Nierenversagen führen oder die Lunge angreifen kann.

Der entscheidende Unterschied zu Coronaviren liegt jedoch in der Art der Übertragung. Corona kann von Mensch zu Mensch übertragen werden, es reichen kleine Tröpfchen. Über die Atemwege gelangen die Viren in den Körper, wobei Menschen nicht einmal nah beieinanderstehen müssen – Viruspartikel können stundenlang in der Luft schweben. Coronaviren sind deshalb viel ansteckender, vor allem weil sie auch von Menschen ohne Symptome übertragen werden können. „Eine Person kann es auf drei übertragen, drei auf neun, neun auf 27 – das kann innerhalb eines Tages passieren“, erklärt Hugo Pizzi, Epidemiologe an der Nationalen Universität Córdoba, Argentinien.

Hantaviren hingegen werden in der Regel nur von Tieren auf Menschen übertragen. Infizierte Nagetiere tragen die Viren ihr ganzes Leben lang in sich und scheiden sie aus. Ein Mensch kann sich durch das Einatmen von aufgewirbeltem Staub, Kontakt von verletzter Haut mit kontaminierten Materialien oder Bisse infizieren.

Die verschiedenen Hantaviren unterscheiden sich größtenteils darin, welche Wirte sie haben. Für das Andes-Virus, das zuletzt auf dem Kreuzfahrtschiff ausgebrochen ist, ist es zum Beispiel eine Reisratte, die auf dem amerikanischen Kontinent lebt.

Das Andes-Virus ist die einzige der rund 30 bekannten Hantavirusvarianten weltweit, bei der eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung nachgewiesen wurde. „Beim Ausbruch in Epuyén, Argentinien, 2018 und 2019 kam es zur Übertragung dieser Art“, sagt Pizzi. Das bedeutet aber nicht, dass er sich leicht zwischen Menschen ausbreitet – eine weitere Übertragung ist nur selten möglich und kann nur bei sehr engem Kontakt passieren. Was enger Kontakt genau bedeutet, ist noch nicht ausreichend erforscht. Denn in Epuyén infizierte eine Person mehrere andere auf einer Geburtstagsfeier.

Die Besonderheit beim aktuellen Fall ist, dass das Virus auf einem Kreuzfahrtschiff mit vielen Passagieren aufgetreten ist. Da die Symptome denen verschiedener Atemwegserkrankungen ähneln, wurde das Hantavirus erst später nachgewiesen. So erreichte es Länder, in denen der entsprechende Wirt nicht vorkommt.

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Es ist nur mit wenigen Folgefällen zu rechnen. Das bestätigten auch WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus und der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lars Schaade.

Auch Pizzi gibt Entwarnung: „Es gibt keinen Grund zur Sorge. Es handelt sich um eine völlig andere Art von Epidemiologie und Ausbreitungsgeschwindigkeit.“ Auch dass das Virus mutiert ist, konnte nicht bestätigt werden. Es handelt sich um die bereits bekannte Andes-Variante. Ihr Infektionsverhalten unterscheidet sich von früheren Ausbrüchen mit Mensch-zu-Mensch-Übertragung nicht.

Argentinien selbst überwacht engmaschig das Infektionsgeschehen. Seit Juni 2025 gab es im Land 101 bestätigte Fälle. Laut Pizzi könnte die Zahl aber zunehmen: „Der Klimawandel – mit einem veränderten Niederschlagsregime – hat dazu geführt, dass es plötzlich mehr Regen und mehr Vegetation gibt. Die Maus, die das Hantavirus überträgt, vermehrt sich stärker, weil sie sich besser ernähren kann, und besiedelt ein immer größeres Gebiet. Als Folge haben wir mehr Fälle in Argentinien“, sagt er.

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