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Gedenken zum Kriegsende am 8. MaiWiderstand auf 16,2 Quadratzentimetern

Eine Sonderbriefmarke erinnert an die ermordete jüdische NS-Widerstandskämpferin Eva Mamlok. Im Herbst wird der Kreuzberger Blücherplatz nach ihr benannt.

Präsentation der Briefmarke mit dem Gesicht von Eva Mamlok Foto: Privat

Dieses Gedenken ist ziemlich klein. Es misst exakt 54 mal 30 Millimeter. Es kostet auch nur 95 Cent. Aber dafür kommt es 1,2 Millionen mal heraus. Jeder, absolut jeder kann es nutzen und damit an eine mutige junge jüdische Frau erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet worden ist. Nur fürs Internet taugt dieses Gedenken nicht.

Die Rede ist von einer Sonderbriefmarke, die zum 8. Mai erscheint. Erinnert wird damit an Eva Mamlok. Nicht nur die meisten Historiker werden bei dem Namen unwissend den Kopf schütteln. Das hat seinen Grund: Nach dem Krieg war fast niemand mehr da, der an die junge Jüdin erinnern konnte. Nicht nur Eva wurde ermordet, auch ihre Mutter, ihre Tante und ihre Tochter wurden Opfer der Nazis. Die Familie war damit ausgelöscht. Einzig ihre Mitkämpferin Inge Gerson überlebte die Verfolgung.

Aber an diesem Donnerstagmittag aber haben sich mehr als 100 Menschen im Bundesfinanzministerium versammelt und das sind nicht nur Briefmarkensammler. Ein Staatssekretär spricht, Rabbiner Teichtal hält ein Grußwort, es gibt Musik. Vor allem aber erinnert Jutta Faehndrich an Eva Mamlok und Miriam Visaczki liest aus einem ihrer Briefe. „Für viele Dinge bin ich unbrauchbar geworden. Als Mensch habe ich nur gewonnen.“

Schon mit 13 Jahren, also etwa 1931, schreibt sie gegen die Nazis an: Nieder mit Hitler!, soll sie auf das Dach eines Kaufhauses gepinselt haben

Als Eva Mamlok diese Zeilen im Februar 1939 an ihren ausgewanderten Freund Pieter Siemsen schreibt, ist sie in relativer Freiheit – noch. Doch sie hat das Konzentrationslager schon kennengelernt.

Eva Mamlok wird 1918 als Tochter eines Weingroßhändlers und seiner Frau in Berlin geboren. Sie wächst in der Kreuzberger Neuenburger Straße auf, nahe des heutigen Jüdischen Museums gelegen. Schon mit 13 Jahren, also etwa 1931, schreibt sie gegen die Nazis an: „Nieder mit Hitler!“, soll sie auf das Dach eines Kaufhauses gepinselt haben, so die mündliche Überlieferung. Später schließt sie sich der sozialdemokratischen Arbeiterjugend SAJ an, unterhält aber auch Kontakte zur KPD.

Erstmals aktenkundig wird sie bei einer Aktion im November 1934, als sie Blumen auf die Gräber von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht legt. Mamlok wird festgenommen und kommt in „Schutzhaft“ in das Frauen-KZ Moringen. Begründung: sie sei „staatsfeindlich eingestellt“. Nach ihrer Entlassung im Mai 1935 ist ihr Widerstand ungebrochen. „Sie war aus vollem Herzen gegen die Nazis und wurde mit der Zeit auch politisch bewusst“, schreibt ihr Freund Pieter Siemsen. Die beiden lernen sich 1935 kennen und lieben. Siemsen wandert im Herbst 1937 nach Argentinien aus.

Eva Mamlok kann nicht mitfahren, weil sie mit 19 Jahren noch nicht volljährig ist und die Mutter ihre Auswanderung nicht erlaubt. Der Vater ist 1936 verstorben. Am 3. September 1939 bringt Eva Mamlok eine Tochter zur Welt, die den Namen Tana erhält. Der Vater bleibt unbekannt. Später muss Eva als Jüdin Zwangsarbeit in der Kreuzberger Schraubenfabrik Butzke leisten. Dort macht sie in einer Widerstandsgruppe von Frauen mit. Es geht unter anderem um den Austausch verbotener Bücher. Hier lernt sie auch ihre Freundinnen Inge Gerson und Inge Levinson kennen.

„Sie sah toll aus, war voller Freude und sang gerne“, erinnerte sich Gerson später an Mamlok. Im September 1941 werden alle drei Frauen von einem Vorarbeiter denunziert. Sie kommen in Polizeihaft am Alexanderplatz. Im Januar 1942 wird Eva Mamlok zusammen mit mehr als 1.000 Menschen in das jüdische Ghetto von Riga deportiert. Sie zählt zu den wenigen, die nicht schon bei der Ankunft ermordet werden und muss im Ghetto Zwangsarbeit leisten. Dort soll sie mit einer eingeschmuggelten Kamera Fotos der Nazi-Verbrechen gemacht haben.

Die Broschüre zum Eva-Mamlok-Platz, der bisher Blücherplatz heißt Foto: Recherchegruppe Eva Mamlok

Nicht Riga, sondern Stutthof wird für Eva Mamlok zum Todesort. Im Oktober 1944 wird sie in das KZ östlich von Danzig verschleppt. Für den 23. Dezember 1944 meldet die KZ-Verwaltung, Mamlok sei an „allgemeiner Körperschwäche“ gestorben – eine Umschreibung für die Folgen von Mangelernährung, fehlender medizinischer Hilfe und katastrophalen hygienischen Bedingungen. Ihre im Berliner Auerbach'schen Waisenhaus lebende Tochter Tana wird schon im November 1942 im Alter von drei Jahren in Auschwitz ermordet. Die Mutter Martha und deren Schwester Rosa Peiser sterben im Oktober 1942 in Riga.

Mit der 95-Cent-Briefmarke ist Eva Mamlok nicht wieder auferstanden. Aber zumindest ist die fröhliche junge Frau nun mehr als 80 Jahre nach ihrer Ermordung wieder präsent. Und es wird nicht bei dieser nur mathematisch kleinen Erinnerung bleiben. Im Herbst wird der Kreuzberger Blücherplatz in Eva-Mamlok-Platz unbenannt werden. Ein General geht, eine jüdische Kämpferin kommt.

Geht doch.

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