Russischer Atomkonzern: Die Welt bleibt abhängig von Rosatom
Mit Rosatom kontrolliert Wladimir Putin den vielleicht wichtigsten Atomkonzern der Welt. Diese Macht weiß er auszunutzen.
Ein breites Lächeln, wie es ihm immer entfährt, wenn er sich überlegen fühlt, huschte Wladimir Putin im Juni 2025 in seiner Heimatstadt St. Petersburg über das Gesicht: „Rosatom ist der unbestrittene weltweite Marktführer in der Entwicklung der Kernenergie“, sagte der Kremlherrscher auf dem Wirtschaftsforum der Newa-Stadt. Der Konzern, den er aus den Überresten der sowjetischen Atomindustrie neu zusammengesetzt hatte, baue gerade 41 Atommeiler in elf Ländern.
Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
Rosatom ist längst das neue Gazprom: Der Gasriese hatte einst fast halb Europa von seinen Erdgasexporten an sich gebunden. „Putin hat verstanden, dass man mit Atomenergie Staaten viel abhängiger machen kann als mit Öl und Gas“, sagt der in die Ukraine geflohene frühere Rosatom-Manager Konstantin Batozkij.
Und das geht viel länger: „Der Bau eines AKW dauert zehn Jahre, es ist 60 Jahre in Betrieb mit russischen Brennstoffen und der Rückbau dauert weitere bis zu 20 Jahre“, rechnet der Träger des Alternativen Nobelpreises Wladimir Sliwjak von der russischen Ökogruppe Ecodefense vor.
Rosatom, in dem auch die Nachfolgefirmen des sowjetischen Erbauers des AKW Tschernobyl Glawatomenergo inkorporiert wurden, kontrolliert derzeit den Löwenanteil der weltweiten Atommeiler-Neubauten. Zudem gebietet er über 13 Prozent der globalen Urangewinnung und 46 Prozent der Urananreicherung: Rosatom hat US-Mitbewerber bei einer kasachischen Uranmine ausgestochen und reichert nun das geförderte Uran des größten Uranproduzenten der Welt an.
Was Rosatom bietet
Der Weltmarktanteil bei Brennelementen beträgt 17 Prozent. Denn inzwischen werden nicht nur die Brennstäbe für russische WWER-Druckwasser-Reaktoren produziert, sondern auch für westliche Meiler.
Anfang April war eine Delegation der russischen Duma (Unterhaus) in Ägypten, um Baufortschritte am AKW Al-Dabaa zu inspizieren. Vier Reaktoren russischer Bauart mit jeweils 1200 Megawatt an der Mittelmeerküste bringen das arabische Land ins Atomzeitalter.
Sie sind ein gutes Beispiel, wie Rosatom Verträge gewinnt und Länder in lange Abhängigkeit von Russland holt: 25 der 28,75 Milliarden Dollar vereinbarter Baukosten hat Rosatom über einen russischen Staatskredit mitgebracht. Der hat lange Laufzeiten, ist oft zehn Jahre zinsfrei, aber die staatliche russische Außenhandelsbank Vneshekonombank will Dollar bekommen, nicht ägyptische Pfund: Das Währungsrisiko liegt bei den ausländischen Kundinnen, in diesem Fall bei Ägypten.
Aber Rosatom bietet mehr: Die im türkischen Akkuyu im Bau befindlichen vier Reaktorblöcke gehören gar nicht der Türkei. Rosneft baut sie auf eigene Kosten, die Türkei verpflichtet sich nur zur Abnahme der 4800 Megawatt Strom, von dem der erste von Oktober an fließen soll. In Ruppur in Bangladesch hat Rosatom nicht nur den Großteil der 12 Milliarden Dollar Baukosten mittels russischem Staatskredit mitgebracht, sondern auch gleich russisches Personal.
Rosatom, das seinen Umsatz im vorigen Jahr auf fast 35 Milliarden Dollar und seinen Auslandsanteil daran auf 17,2 Milliarden Dollar gesteigert hat, geht auch anderweitig geschickt vor: Bei Projekten im Ausland werden international anerkannte Firmen wie Siemens Energy, Framatome und südkoreanische Unternehmen als Zulieferer einbezogen.
Frankreich will keine Rosatom-Sanktionen
Rosatom ist zwar mit keinen westlichen Sanktionen belegt, da gerade Frankreich in EU-Runden immer wieder auf die große Abhängigkeit von angereichertem Uran aus Russland hinweist: „Die weltweite Nuklearindustrie kann ohne Rosatom nicht arbeiten“, sagte Teva Meyer von der Universität Mulhouse dem TV-Sender „arte“.
Doch Rosatom hat unter seinen gut 550 Tochterfirmen und 415.000 Mitarbeitenden neben der zivilen Nuklearsparte auch viele militärische Produktionseinheiten. Neben Atomkraft werden auch Atomwaffen produziert: „2007 wurde Rosatom von Putin so gestaltet, dass es militärische und zivile Atomaktivitäten vereint“, sagt Sliwjak. Rosatom sei für ihn „ein Staat im Staat“, denn Putin „wollte eine Organisation als Instrument für geopolitischen Einfluss“.
Der nach der russischen Annexion der Krim nach Kyjiw geflohene Ex-Rosatom-Manager Batozkij ruft zu Sanktionen gegen den Atomkonzern auf wegen der Hilfe bei der Einnahme des ukrainischen AKWs Saporischja: Mitarbeitende dort haben in ukrainischen Medien berichtet, wie sie gekidnappt und gefoltert wurden. Die russischen Okkupanten wollten von den AKW-Arbeitern wissen, wie die westlichen Technik-Veränderungen in den sowjetischen Reaktoren funktionieren.
Finnland hat nach der russischen Vollinvasion 2022 in der Ukraine den Bau eines weiteren russischen AKW abgesagt. Der künftige ungarische Premier Péter Magyar plant ein Überprüfen der Rosatom-Pläne für das im Bau befindliche AKW Paks-2. Doch in China, Indien, Bangladesch, der Türkei, Ägypten und Usbekistan – wo erstmals ein russischer Kleinreaktor entstehen soll – baut Rosatom.
Und Russland setzt inzwischen vor allem auf den globalen Süden: Mit Michail Tschudakow als Vizechef der Internationalen Atomenergiebehörde hat Russland einen Mann, der qua Amt alle Atomprojekte weltweit mitbekommt. Mit Niger, Burkina-Faso und Mali hat der Kreml kürzlich Absichtserklärungen für AKWs unterzeichnet. Iran, Nicaragua, Bolivien und Tadschikistan haben Interesse an Rosatom-Anlagen bekundet.
Wie so oft beim Lächeln verrät Putin auch beim Reden, dass er das Gegenteil meint von dem, was er sagt: „Wir hängen unsere Partner nicht an einen Haken, um etwas zu bauen und dann einen Markt zu schaffen, den wir dann dauerhaft kontrollieren.“ Genau das ist das Geschäftsmodell von Rosneft.
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