Atomenergie in Südkorea: Atomkraft? Jein, danke!
Südkorea setzt stärker auf Atomenergie als andere Staaten, doch in der Bevölkerung ist die Technologie umstritten. Nur: Alternativen sind schwierig.
Kaum ein Land hat so eine komplexe Beziehung zur Atomenergie wie Südkorea: Wirtschaftlich spielt die Technologie eine immens wichtige Rolle. Doch innerhalb der Bevölkerung gilt sie als umstritten.
Zwar liegt das Land am Han-Fluss nur anderthalb Flugstunden vom japanischen Fukushima entfernt, doch hat das dortige Reaktorunglück vor 15 Jahren für keinen nachhaltigen politischen Umschwung gesorgt. Obendrein fallen die Südkoreaner in öffentlichen Umfragen stets durch eine praktisch einmalige Besonderheit auf: Viele, die Atomenergie ablehnen, befürworten gleichzeitig eine eigene Nuklearbombe zur militärischen Abschreckung. Kurzum: Es ist kompliziert.
Tatsächlich fährt Südkorea in seiner Atompolitik einen chaotischen Zickzack-Kurs. Als der linke Moon Jae In vor knapp zehn Jahren an die Macht kam, versprach er einen langfristigen, sanften Ausstieg aus der Atomenergie. „Bislang hat sich unsere Energiepolitik vor allem auf günstige Preise und Effizienz fokussiert, während die öffentliche Sicherheit zweitrangig war. Dies muss sich nun ändern“, sagte Moon 2017 bei der Schließungszeremonie des damals ältesten Atomreaktors des Landes. Seine Worte kamen einer regelrechten Revolution gleich.
Dabei handelte es sich lediglich um einen schleichenden „Exit“, der innerhalb von vier Dekaden sukzessive vollzogen werden sollte. Dennoch wurde die Maßnahme von der Zivilgesellschaft euphorisch gefeiert. Denn NGOs wie Greenpeace kritisierten stets, dass die allmächtige Nuklearlobby einen immensen Einfluss auf Regierungsbeamte sowie Medien besitzen würde. Moon schien sich dem als erster Präsident des Landes zu widersetzen.
Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
Zwei neue Atomreaktoren in Südkorea
Sobald jedoch mit dem konservativen Yoon Suk Yeol das politische Pendel wieder nach rechts schwang, war der Atomausstieg Geschichte. Yoon legte nach Amtsantritt eine radikale Kehrtwende hin: So versprach der ehemalige Staatsanwalt einen umfassenden Ausbau der Kernenergie, sprach gar von einer „nuklearen Renaissance“. Gerechtfertigt wurde der Schritt auch mit dem wirtschaftlichen Potenzial, das die Nuklearenergie für Südkorea besitzt: Mit dem Bau von Kernreaktoren im Ausland wollte man die seit der Corona-Pandemie angekratzte Wirtschaft wiederbeleben.
Mittlerweile sitzt Yoon längst wegen eines versuchten Coups im Gefängnis, und mit Lee Jae Myung steht erneut ein linker Präsident an der Spitze der Regierung. Auch wenn Lee versprochen hat, erneuerbare Energien auszubauen, wird es weiterhin keinen Atomausstieg geben – ganz im Gegenteil. In Südkorea werden neben den 26 aktiven Kernreaktoren sogar noch zwei weitere gebaut.
Dabei verweisen Regierungsbeamte stets auf den erhöhten Strombedarf der Volkswirtschaft. Denn diese hängt stark von der energieintensiven Produktion von Halbleitern ab. Und Kernenergie wird als notwendiges Übel in Kauf genommen, um die Energieabhängigkeit von den Golfstaaten zu reduzieren und dabei dennoch nicht die CO2-Bilanz zu strapazieren. Die Frage nach einer Endlagerung des Atommülls versucht man unter den Teppich zu kehren.
Die Fakten offenbaren, welch immense Bedeutung die Atomenergie für Südkorea weiterhin hat: Das Land ist überaus ressourcenarm und generiert 30 Prozent seines Strombedarfs aus AKWs. In Gigawatt hochgerechnet liegt Südkorea bei der Produktion von Atomenergie an weltweit fünfter Stelle, praktisch gleichauf mit Russland. Hinzu kommt, dass Südkorea ebenfalls einer der führenden Exporteure beim Bau von Kernreaktoren im Ausland ist – insbesondere in der Golfregion haben südkoreanische Firmen riesige Infrastrukturprojekte ergattern können.
Boykotte nach Fukushima-Katastrophe
Innerhalb der Umweltbewegung ist man darüber wenig erfreut. Schon 1986, als ein Block im AKW Tschornobyl explodierte, löste dies im entfernten Südkorea vereinzelte Proteste aus. Doch die damalige Militärregierung scherte sich nur wenig um die Anliegen der Zivilgesellschaft. Erst im Jahr darauf hielt das Land erste freie Wahlen ab.
Die deutlich wichtigere Katastrophe ereignete sich 2011 im quasi benachbarten Fukushima. Und das mediale Echo war stark: Über Jahre hinweg boykottierten etliche SüdkoreanerInnen Fischprodukte aus Japan, selbst als Gesundheitsexperten längst die Bedenken für übertrieben hielten. Und als Japan 2023 damit begann, aufbereitetes, mit Meerwasser verdünntes Kühlwasser aus dem zerstörten AKW in den Pazifik einzuleiten, waren die Proteste in Südkorea immens. Nur: Zu einem politischen Umdenken im eigenen Land führte das nicht. Denn die Kosten für einen nachhaltigen Atomausstieg schienen stets zu hoch.
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