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Diskussion über Graffiti in NeuköllnWem gehört die Wand?

In Sachen Graffiti gibt es tiefe Gräben zwischen Eigentümern, Sprühern und der Verwaltung. Ein Abend über die Frage, wer die Stadt mitgestalten darf.

Die Sperrholzplatte mit dem Schriftzug („Tag“) „Fearz“ vor dem Museum Neukölln Foto: Pauline Cruse

Aus Berlin

Pauline Cruse

Wenn über Graffiti diskutiert wird, dauert es etwa zwei Minuten, bis jemand von Sachbeschädigung spricht. Und drei Minuten länger, bis das Wort Freiheit fällt. Im Museum Neukölln haben am Freitagabend unter der Leitung von Museumsleiter Matthias Henkel vier Personen diskutiert, denen denkbar unterschiedliche Begriffe auf die Frage einfallen, was sie ganz persönlich mit Graffiti verbinden.

Anlass für die Podiumsdiskussion ist die Ausstellung „Zeichen. Sprachen. Stadtraum – Graffiti und Street Art in Neukölln“, die noch bis zum 31. Mai 2026 besichtigt werden kann. Hinter dem Podium führt eine offene Tür in den Ausstellungsraum, über dem Giebel steht ein Graffito: „Reclaim your Kiez!“ Vor dem Haus lehnt eine Sperrholzplatte an der alten Backsteinfassade, auf der ein „Tag“ (englisch ausgesprochen) in Orange und Lila die Be­su­che­r:in­nen begrüßt.

Der Eingang zum Ausstellungsraum „Zeichen.Sprachen.Stadtraum“ im Museum Neukölln Foto: Pauline Cruse

Annette Beccard, stellvertretende Vorsitzende von Haus & Grund, lässt gleich zu Beginn keinen Zweifel an ihrer Gefühlswelt. Graffiti finde sie grauenhaft: „Für mich gehört das weg.“ Zwei junge Männer in der dritten Reihe verdrehen die Augen. Sie verstehe nicht, mit welchem Recht Menschen Flächen derart verunstalten. „Das sind so tolle Gebäude, so tolle Materialien, und dann kommen Leute und machen das kaputt.“

Wir haben in Berlin kein Öl, keine echten Ressourcen. Aber wir haben kreative Menschen, die die Stadt mitgestalten wollen

Jurij Paderin, Graffiti Lobby Berlin

Jurij Paderin von der Graffiti Lobby Berlin bezeichnet die Stadt dagegen als Schmelztiegel. „Wir haben in Berlin keine echten Ressourcen. Aber wir haben kreative Menschen, die die Stadt mitgestalten wollen.“ Als kritisiert wird, dass zu häufig auf unzulässigen Flächen gesprüht wird, erwähnt er die wenigen offiziellen Sprayflächen, die bisher von der Stadt ausgewiesen wurden. Paderin vergleicht das Sprühen mit Breitensport: „Wie viele Leute können in Berlin gleichzeitig legal Fußball spielen? Hören die Leute auf, wenn alle städtischen Plätze voll sind?“

Er plädiert für mehr legale Flächen, wie sie am Nordbahnhof existieren. Dort habe sich gezeigt, dass solche legalen Wände den Vandalismus im Umfeld reduzieren. Eine Frage aus dem Publikum: Wie solle man aber mit dem Reiz des Verbotenen umgehen, mit denjenigen, die trotz legaler Flächen mutwillig denkmalgeschützte Häuser oder privates Eigentum verschmutzen?

Für seine Antwort geht Paderin noch einmal in die Fußballwelt. Auch dort gebe es vereinzelt Spieler:innen, die sich unfair verhalten. Das führe dort aber nicht dazu, dass der gesamte Sport verboten werde.

Die juristische Realität wirkt dabei oft absurd. Florian Schoenrock, Fachanwalt für Strafrecht, berichtet von einer Spezialeinheit des LKA, die sich ausschließlich mit Graffiti befasse. Dass die Beamten so umfassend Jagd auf Sprü­he­r:in­nen machen, sorgt im Publikum für Erheiterung.

Wer gestaltet eigentlich unsere Stadt? Die mit dem meisten Geld.

Florian Schoenrock, Fachanwalt für Strafrecht

Schoenrock ergänzt, dass es auch ein Zeichen gegen Werbung ist, diese mit Graffiti zu übersprühen. „Wer gestaltet eigentlich unsere Stadt? Die mit dem meisten Geld“, sagt er.

Eine Lösung bietet sich im Laufe des Abends nicht wirklich an. Selbst das Bezirksamt ist skeptisch gegenüber staatlich kuratierten Jugendorten. „Sobald wir einen bauen, ist es kein Jugendort mehr“, so Luczynski. Schoenrock sieht das etwas anders: „Wenn man da eine Halfpipe hinbaut, einen Basketballkorb und vielleicht noch Gratis-WLAN, werden solche Orte stark frequentiert.“

Ein Kompromiss scheint während der offiziellen Diskussion nicht in Sicht. Vor allem Beccard und Paderin geraten immer wieder argumentativ aneinander. Doch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung bleiben sie auf dem Podium sitzen und sprechen weiter miteinander.

Währenddessen schauen sich zwei junge Männer noch ein wenig in der Ausstellung um. Sie bleiben vor Fotos von historischen Graffiti stehen. „Ich checke schon nicht, wer überhaupt entscheiden will, was schön sein soll“, sagt einer von ihnen. Der andere stimmt zu. Berlin wird also weitersprühen.

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