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Wahlsieg von Péter Magyar in UngarnWer sind Magyars Leute?

Nach dem Wahlsieg der Opposition in Ungarn steht bald die Regierungsbildung an. Offiziell wurden noch keine Minister benannt, doch zwei Namen gelten als so gut wie sicher.

Hat Orbán verscheucht: Péter Magyar nach dem Wahlsieg in Budapest Foto: Alexander Ryumin/Zuma Press/imago
Florian Bayer

Aus Budapest

Florian Bayer

Im Wahlkampf war Péter Magyar eine One-Man-Show. Die meisten Auftritte und Interviews absolvierte der Parteichef selbst – nicht ohne zu betonen, ein starkes Team im Rücken zu haben. Nach seinem Sieg bei der ungarischen Parlamentswahl steht nun die Regierungsbildung an. Bald könnte die bislang zweite Reihe der Partei also in die erste treten.

Bereits für Mittwochvormittag lud Staatspräsident Tamás Sulyok die Vorsitzenden der drei künftig im Parlament vertretenen Parteien ein. Das sind neben Magyars konservativer Tisza auch Orbáns Fidesz sowie die rechtsextreme Kleinpartei Mi Hazánk.

Dabei wird es auch um die nächsten Schritte gehen. Magyar selbst hat es eilig. Spätestens bis 12. Mai muss der Präsident laut Verfassung die konstituierende Sitzung der neuen Nationalversammlung einberufen, auch den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt Sulyok. Diesen forderte Magyar in seiner ersten Rede neben anderen Fidesz-treuen Amtsträgern in staatlichen Institutionen zum Rücktritt auf. Das Klima bei ihrem Treffen könnte also eher kühl werden.

Vieles ist noch unklar, doch die neue Kabinettsstruktur soll sich von jener der Fidesz-Ära grundlegend unterscheiden. Statt Superministerien plant Magyar Ressorts für Gesundheit, Bildung, Umweltschutz und ländliche Entwicklung. Das Fehlen eigener Ministerien in diesen Bereichen galt vielen als symptomatisch für das Kaputtsparen öffentlicher Dienstleistungen unter Orbán, von den Schulen bis hin zu den Krankenhäusern. Wer könnte der neuen Regierung angehören? Offiziell bestätigt ist noch niemand, doch zwei Namen gelten als so gut wie sicher: Anita Orbán und István Kapitány.

Orbán will Ungarn auf EU-Kurs bringen

Anita Orbán, nicht mit dem Nochministerpräsidenten verwandt oder verschwägert, dürfte neue Außenministerin werden. Die 51-Jährige stammt aus Berettyóújfalu im Osten Ungarns. Nach einem Wirtschaftsstudium in Budapest startete sie ihre Laufbahn beim Telekommunikationskonzern Matáv, der späteren Magyar Telekom.

Noch vor Viktor Orbáns 16-jähriger Amtszeit kam Anita Orbán mit seiner Partei Fidesz in Berührung. Sie gehörte dem inzwischen verschwundenen euroatlantischen Flügel der Partei an. Bei der Parlamentswahl 2010 hätte sie für die Fidesz kandidieren sollen, zog ihre Kandidatur aber aus gesundheitlichen Gründen zurück. Nach Viktor Orbáns deutlichem Sieg in ebendieser Wahl wurde sie Sonderbotschafterin für Energiesicherheit im ungarischen Außenministerium, bevor sie zurück in die Privatwirtschaft ging, unter anderem zu Vodafone. Im Januar 2026 wurde sie außenpolitische Sprecherin der Tisza.

Was sie außenpolitisch vertritt, fasste sie einmal so zusammen: Ungarn müsse aufhören, ein „Knüppel im Getriebe“ zu sein, und solle vielmehr „eine Speiche im Rad“ werden. Ihr Ziel ist die Rückkehr zu einer verlässlichen EU- und Nato-Politik nach Jahren der Konfrontation.

Beruhigender Wirtschaftsminister

Ein weiterer Name, der dieser Tage kursiert, ist István Kapitány. Der 64-jährige Manager wird als neuer Wirtschaftsminister gehandelt. Er wuchs im Budapester Arbeiterviertel Angyalföld auf und machte laut der ungarischen Onlinezeitung Telex in jungen Jahren eher zufällig einen Karrieresprung: Als stellvertretender Leiter des Budapester Einkaufszentrums Sugár hatte er einen reklamierenden Kunden so erfolgreich beruhigt, dass dieser ihm einen Job anbot. Der Kunde war Manager bei Shell.

Ebendort blieb Kapitány fast vier Jahrzehnte. Er zog Anfang der 1990er nach London und übernahm nach Stationen in Deutschland und Südafrika immer größere Verantwortung. Als globaler Shell-Vizepräsident verantwortete er zuletzt mehr als 45.000 Tankstellen in über 80 Ländern. 2024 trat er in den Ruhestand, bevor er Anfang 2026 als Sprecher für wirtschaftliche Entwicklung und Energie bei Tisza anheuerte.

Seine Forderung nach einer Abkehr vom russischen Gas machten ihn zur Zielscheibe von Orbáns Propaganda, die ihn als Agenten westlicher Ölkonzerne darstellte. Pikant dabei: Ungarns Fidesz-Außenminister Péter Szijjártó, dessen überaus enge Verbindungen nach Russland kürzlich bekannt wurden, hatte Kapitány noch im Sommer 2023 persönlich mit dem Ungarischen Verdienstorden ausgezeichnet. Nun soll er tun, was Szijjártó ihm damals bescheinigte: sein Wissen in den Dienst des Landes stellen – nur eben für einen anderen Chef.

Unterdessen hat sich der geschlagene Viktor Orbán in einem Facebook-Video erstmals nach der Wahl öffentlich geäußert. Mehr als 2,25 Millionen Ungarn, der „patriotische Teil des Landes“, hätten Fidesz ihre Stimme gegeben. Mit dieser Zahl hat seine Partei 2014 noch einen „großartigen Sieg“ erlangt, sagte Orbán. Diesmal habe dasselbe Ergebnis bloß für eine „respektable Leistung und eine Niederlage“ gereicht.

Die „Patrioten“ könnten jedoch auch weiterhin auf Fidesz zählen, sagte Orbán, denn die Partei werde die Errungenschaften der letzten Jahre „verteidigen“. Für den 28. April kündigte er eine Sitzung der nationalen Parteigremien an, um sich neu aufzustellen. Es ist der erste Schritt in eine Oppositionsrolle, die Orbán nach 16 Jahren Regierungsmacht erst wieder erlernen muss.

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