: Eine unsolidarische Mogelpackung
Flinta* als Konzept ist gescheitert. Wir müssen die Frage nach sichereren Räumen neu beantworten, denn es gibt Alternativen. Lasst uns gemeinsam ausprobieren, scheitern, neu probieren!
Von Felix Bouché und Pauli Höffner
Du öffnest langsam die Tür an der ein Stück Papier mit der Aufschrift „Flinta*“ klebt. Ein paar Köpfe drehen sich zu Dir, einen Moment lang ist es mucksmäuschenstill. Jemand sagt: „Sorry. Der Raum ist nur für Flinta*.“ „Ja“, sagst du. „Deshalb bin ich hier.“ – „Wir wollen hier heute unter uns sein.“
Die Idee „Flinta*“ ist gescheitert. Sie ist eine unsolidarische Mogelpackung geworden. Eine Tür, auf der steht, dass Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen sich wohlfühlen dürfen, die aber in einen Raum führt, in dem oft vor allem Wohlfühlen für cis Frauen drin ist. Einer, in dem die anderen dann häufig doch nicht so sicher sind. Wer hat Lust auf die Flinta*-Date-Night mit Alice Schwarzer und J. K. Rowling? Wir nicht. Grrrls, Boys, Theys – let’s do better.
Das deutsche Akronym FLINTA (oder Flinta*) soll all jene Personen benennen, die aufgrund ihrer Identität patriarchal diskriminiert werden. Da patriarchale Gewalt von cis endo Männern ausgeht – so die Theorie – soll das Akronym sie ausschließen und so Räume von patriarchaler struktureller Gewalt befreien. Solche Schutzräume braucht es, aber nur wenige sind wirklich sicher.
Ableismus, Rassismus, Fettfeindlichkeit und Zweigeschlechtlichkeit, mit denen viele Menschen im Flinta*-Akronym täglich zu kämpfen haben, werden oft vernachlässigt. Und nein, das war keine vollständige Aufzählung.
Die heutigen Flinta*-Räume sind Nachfolger*innen der Frauen- und FrauenLesbenräume der 1970er, die während der 1990er und 2000er Jahre zu Flit-Räumen wurden. Notwendig als Schutz vor patriarchaler Gewalt, beerben sie die deutsche feministische Bewegung, die lange eine reine cis Frauenbewegung war und schreiben gleichzeitig ihre Prinzipien des Ausschlusses fort. Denn anders als die queere Progress Flag, der explizit braune und Schwarze Streifen hinzugefügt wurden, um Erfahrungen von Schwarzen Menschen und Persons of Color sichtbar zu machen, hat Flinta* nie eine vergleichbare Einladung ausgesprochen.
Angenommen, wir einigen uns trotzdem darauf, dass es für Flinta*-Menschen empowernd ist, gemeinsam in einen Topf geworfen zu werden: Die Probleme fangen spätestens da an, wo der Topf zur Party wird und dir jemand die Flinta*-Tür vor der Nase zuschlägt. Denn Flinta* ist zum generischen Femininum geworden. Für viele Menschen steht es mittlerweile eher für „irgendwie weiblich“ oder „ohne (cis) Männer“, obwohl das ein Widerspruch in sich ist. Denn inter und trans Männer existieren, manche inter Männer sind cis und keiner von ihnen ist „irgendwie weiblich“.
Aber alles, was als „irgendwie männlich“ wahrgenommen wird, führt in der Praxis von Flinta*-Räumen gerne mal zu Misstrauen, komischen Blicken, vielleicht sogar zur Aufforderung, die Party – oder den Demoblock – zu verlassen. Wie groß muss die Kreole sein, damit die Schwelle zwischen „Typ“ und „Flinta*“ als überschritten gilt? Wie groß muss der Tunnel eines trans Typs sein, damit ihm beim Eintritt in die Bar nicht laut „Das hier ist eine Flinta*-Party!“ zugerufen wird? Wie dicht muss der Schnauzer einer nichtbinären Person sein, damit gefragt wird: „Was sind eigentlich deine Pronomen?“ Wie viele Marker von Weiblichkeit braucht eine Frau an der Tür, damit sie sich nicht zwangsouten oder bei der Demo im Supporter-Block mitlaufen muss? Und muss ein inter Mann sich fragen, ob er eigentlich als Mann oder „nur“ als Mann light wahrgenommen wird, wenn von der Bühne „endlich ein Abend ohne Menners!“ gerufen wird?
Wer dauernd die Erfahrung macht, das eigene Geschlecht beweisen zu müssen, geht entweder einfach gar nicht zur Party oder beugt sich dem Druck, einer engen Vorstellung von Geschlecht zu entsprechen. Gar nicht mal so feministisch, oder?
Für viele Menschen bedeutet Flinta*-Only ein automatisches Outing als agender, inter, nichtbinär oder trans. Das kann okay sein und sich selbst sichtbar zu machen auch mal empowernd. Gleichzeitig bedeutet ein drohendes Outing, ein Stück weit die Kontrolle zu verlieren. Und das in Räumen, in denen Menschen sich eigentlich von dem ganzen normativen Mist da draußen erholen sollten.
Zur Erinnerung: Geschlecht lässt sich weder bei trans noch bei cis Menschen, weder bei inter noch bei endo Menschen verlässlich von Äußerlichkeiten ableiten. And don’t even get us started mit „weiblich gelesen“. Der Begriff wird oft und analog mit Flinta* verwendet, wenn Menschen eigentlich „Frau“ sagen wollen.
Menschen oder ganze Gruppen pauschal und kontextlos als „weiblich gelesen“ zu beschreiben, als wäre es eine Identität, bleibt aber eine Fremdzuschreibung und damit gewaltvoll. Es gibt nun mal Menschen, die mit deiner Vorstellung ihrer Geschlechtlichkeit lieber nicht konfrontiert werden wollen.
Die Vorstellung, dass nur Frauen unter dem Patriarchat leiden (ernsthaft, wer leidet da eigentlich nicht drunter?) und es mit einem Feminismus, der nur auf Geschlecht fokussiert ist, getan ist, ist weit verbreitet. Auch in der taz, wo bis ins Jahr 2025(!) am feministischen Kampftag eine „frauentaz“ erschienen ist, keine „feministaz“.
So kann es nicht weitergehen. Wir müssen Flinta* als Konzept aussortieren und die Frage nach sichereren Räumen neu beantworten. Denn es gibt Alternativen. Wer jetzt aber glaubt, hier werden Lösungen serviert, die Top-Down umgesetzt werden können, geht bitte zurück ins Patriarchat.
Lasst uns gemeinsam ausprobieren, scheitern, neu probieren, wieder scheitern und die Inklusionsarbeit machen, die bisher zu sehr vernachlässigt wird. Nicht cis Frauen sind das Problem, sondern eine feministische Bewegung, die keine Lust hat, sich selbst infrage zu stellen.
Es kann sich gut anfühlen, sich als Teil einer progressiven Avantgarde zu sehen. Wer aber die eigenen Annahmen nicht infrage stellen und einreißen kann, verbaut sich viele tolle kämpferische und euphorisierende Momente der Solidarität und des Verbundenseins (Looking at you J. K. Rowling und Alice Schwarzer).
Und wer cis endo Männern immer nur auf biologistische Art zuschreibt, dass sie die einzig wahren Unterdrücker seien, nimmt sie aus der Verantwortung, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.
Neue Konzepte abseits von „Flinta*-Only“ können grob in zwei Richtungen gehen und sind an vielen Orten auch schon gelebte Praxis: Einerseits den Kreis der Eingeladenen verändern. Und sich andererseits über gemeinsame Werte zu definieren und sie zu hinterfragen, statt Orte nur umzubenennen.
cis ist, wer sich mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert, trans ist das Gegenteil.
endo ist, wessen Körper, gemäß einer medizinischen Norm der Zweigeschlechtlichkeit, einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Die Körper von inter Personen entsprechen diesen Normen nicht.
agender: Personen identifizieren sich mit keinem Geschlecht.
TIAN: trans, inter, agender und nichtbinär. Es gibt weitere Varianten wie ANTI und TINA. Manchmal auch nur TIN.
BIPoC: Black, Indigenous and People/Person of Color.
Anders einladen als bisher
•Manchmal sind Schutzräume für bestimmte Themen notwendig, aber dann lasst sie uns präziser machen: Zum Beispiel der „Yogakurs für queere BIPoC Personen“, der „TIAN Empowerment Workshop für Umgang mit trans- und interfeindlicher Gewalt“, oder die „Saunazeit für Menschen, die von fatshaming betroffen sind“. So ist allen klar, wer eingeladen ist und warum.
•Ehrlich sein: Wenn ihr wirklich einen Motorsägen-Kurs nur für cis Frauen wollt, dann macht das doch einfach, nennt ihn so und habt Spaß dabei.
•Marginalisierte Leute voranstellen: Das Akronym TINFLAQ zeigt Menschen, dass ihr euch Gedanken gemacht habt. Besonders jenen, die euren „Flinta*“-Flyer ansonsten seufzend aus der Hand gelegt hätten, weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dabei mitbenannt aber nicht mitgemeint zu sein. Der „queerfeministische Basketballtreff“, der sich als „cis-friendly“, „endo-friendly“ und „hetero-friendly“ labelt, dreht den Vibe um, ebenso wie die Frage, wer sich selbstverständlich sicher fühlen darf.
•Kreise weiten: Die Einladung an „Frauen und Queers“ oder auch „Queers und Friends“ – und ja, das heißt, cis endo Männer sind dann auch dabei – bietet mehr Menschen den Raum teilzunehmen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie definiert aber Sicherheit trotzdem nur über Geschlecht und Sexualität und gibt beispielsweise von Rassismus betroffenen Menschen keine Infos darüber, ob der Ort nicht total von weißen Menschen dominiert ist.
Gemeinsame Werte und Inklusion
•Marginalisierte Perspektiven ernst nehmen: Wie viele Organisator*innen einer Flinta*-8.-März-Demo haben sich schon mal gefragt, was inter Personen brauchen, um sich sicher zu fühlen? Das gilt übrigens auch für TIAN-Aktivismus, wo die Perspektiven und Erfahrungen von inter Personen oft von nichtbinären endo Menschen vereinnahmt und manchmal auch instrumentalisiert werden. Etwa wenn Personen die Variationen von biologischem Geschlecht argumentativ nutzen, um Rechte für nichtbinäre Menschen (auf dem Rücken von inter Personen) zu erkämpfen, ohne inter Perspektiven und Forderungen ernsthaft zu zentrieren.
•Alle Menschen einladen, aber marginalisierte Erfahrungen zentrieren, egal ob bei allen oder nur einigen Veranstaltungen des Lesekreises: Zum Beispiel die von Schwarzen Queers oder von Sexarbeiter*innen. Das tut allen gut. Und wer das nicht gut findet, soll nicht dazu kommen.
•Klar machen, welches Verhalten cool ist und welches nicht: „Bei diesem Brunch haben wir keine Lust darauf, dass Körper und Essverhalten kommentiert oder bewertet werden, oder das Essen in gut und böse eingeteilt wird.“
•Gewaltvolles Verhalten nicht an Geschlecht festmachen, aber trotzdem was dagegen sagen: „Fiese Macker*innen aller Geschlechter sind nicht willkommen.“
•Einen Vertrauensvorschub geben: Erst mal sind alle Menschen willkommen, aber wer sich übergriffig oder gewaltvoll benimmt muss gehen.
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