starke gefühle: Kein Dach über dem Kopf und nirgendwo erwünscht. Aber nicht alle lassen sich das gefallen. Richtig so!
Vor ein paar Tagen laufe ich in Berlin-Prenzlauer Berg an einem Platz vorbei. Plötzlich höre ich ein dumpfes Krachen. Etwa zehn Meter von mir entfernt zerkleinert ein Mann in der Dämmerung Brennholz. Er ist also immer noch da, denke ich erleichtert und besorgt zugleich. Denn es sind minus 5 Grad, die sich wie minus 13 anfühlen. Keine gute Temperatur, um lange draußen zu sein und schon gar nicht, um draußen zu übernachten.
Das kleine Camp war mir zum ersten Mal im vergangenen Sommer aufgefallen. Ich spazierte gerade Richtung Platz, da schallte mir Musik entgegen. Ich sah bunte Zelte, einen Grill, Kunst. Frauen und Männer tranken Bier, redeten. Mir imponierte das: ein provisorisches Zuhause, das Anarchie und Fröhlichkeit ausstrahlte, inmitten einer der teuersten Gegenden der Stadt.
Nun will ich Obdachlosigkeit sicher nicht romantisieren. Sie ist eine der größten Tragödien unserer Zeit, für die unsere neoliberale Gesellschaft und ihre desaströse Wohnungspolitik verantwortlich sind. Zwar hat die Bundesregierung sich zum Ziel gesetzt, Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu beenden, aber Expert*innen bezweifeln, dass ihr das gelingt. Einer Hochrechnung zufolge leben deutschlandweit mehr als eine Million Menschen ohne festes Mietverhältnis, davon rund 56.000 Menschen auf der Straße. Und was macht die CDU? Sie zettelt eine inhumane Sozialstaatsdebatte an. Dabei bräuchte es statt Sozialkürzungen mehr Sozialwohnungen und statt einer halbherzigen Mietrechtsreform, wie sie gerade von der SPD vorgelegt wurde, einen bundesweiten Mietendeckel. Wohnen ist ein Menschenrecht und ein angemessenes Zuhause die Grundvoraussetzung für eine würdevolle Existenz.
Apropos Würde: Eines Tages beschwerte sich ein Anwohner vor laufender Kamera über das Camp. Er wohne jetzt schon seit zweieinhalb Jahren im Kiez und fühle sich eigentlich wohl – wenn nur die Obdachlosen nicht wären. Die Lärmbelästigung, der Drogenkonsum, man kennt das Gejammer. Mehr soziale Kälte geht kaum. Zum einen ist der Platz seit Jahrzehnten ein Zufluchtsort für wohnungslose Menschen, auch wenn der Anwohner nicht der Erste ist, der sie weghaben will. Zum anderen handelt es sich um eine Gegend, wo Rich Kids selbst lautstark vor Bars abhängen und saufen.
Warum sollte ein Chinohosen-Träger mehr Rechte haben als ein Obdachloser? Es reicht ja schon, dass er und seine Buddys ganze Häuserblöcke kolonialisieren und die Hälfte dann auch noch leer stehen lassen. Ein öffentlicher Platz ist aber per Definition: öffentlich. Er gehört uns allen. Deshalb ist es auch ein Unding, dass der Platz regelmäßig geräumt wird. Es kann doch nicht sein, dass man Menschen erst aus ihren Wohnungen drängt, ihnen dann keine gute Alternative bietet und sie schlussendlich auch noch vertreibt. Sollen sie sich unsichtbar machen? Der Mann und seine Freund*innen jedenfalls sind nach jeder Räumaktion wieder da. Richtig so! Obdachlose wollen schließlich auch kiezig wohnen und nicht in einer überfüllten Notunterkunft.
Ich wollte den Mann vom Camp fragen, wie es ihm geht. Er war zugewandt, aber seine Freundin wurde wütend. Wenn ich mit ihrem Kumpel reden wolle, solle ich mich zwei Straßen weiter anmelden. Im Klartext: Lass uns in Ruhe mit deinen Fragen. Was hätten sie auch sagen sollen, was nicht längst bekannt ist? Sie möchten in Würde leben, so wie jede*r andere auch. Und dazu gehört für viele eine Wohnung mit einer Heizung, die warm hält, und einer Tür, die man zumachen kann, wenn ungebetene Gäste kommen und einen ausfragen wollen. Ist das zu viel verlangt? Anna Fastabend
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen