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Skibergsteigen vor olympischer PremiereMit Fellen hoch, ohne Felle runter

Erstmals wird Skimo als Sprintdisziplin zum olympischen Wettkampf. Im Deutschen Alpenverein sieht man darin einen Sport mit ökologischem Profil.

Skimo in Bormio: Tatjana Paller bei einer Sprintabfahrt beim Ski­mountaineering-Weltcup im Februar 2025 Foto: Abacapress/imago

Das Wort lautet „Skimo“. Wie Knetmasse klingt es, hat aber mit Schnee zu tun, und es ist erstmals eine olympische Sportart. „Es ist der Aufstieg auf den Berg mit Fellen, um dann wieder abfahren zu können“, erklärt Hermann Gruber. Er ist sportlicher Leiter beim Deutschen Alpenverein (DAV), der diese Sportart hierzulande organisiert. Eine noch kürzere Beschreibung schafft Gruber auch: „Es ist die Wettkampfform des Skitourengehens.“

Skimo ist ein Kurzwort für Ski Mountaineering, also Skibergsteigen, und allein dieser neue Begriff umschreibt eine Besonderheit: Skimo ist sowohl eine sehr alte als auch eine sehr junge Sportart. Alt ist das Bergsteigen mit Skiern, um dann vom Gipfel hinabzufahren. Vergleichsweise neu aber ist es, daraus einen Sprintwettkampf zu machen. Zu dem Sport sagt Gruber: „Es ist erst in den vergangenen sieben, acht Jahren gewachsen.“

Ein Skimo-Sprint dauert etwa zweieinhalb bis drei Minuten. Die Athleten und Athletinnen laufen mit Skiern, unter denen Felle befestigt sind, einen Berg hoch. Siebzig, achtzig Höhenmeter werden insgesamt bewältigt, doch bevor sie ganz oben sind, müssen in eine Wechselzone. Die Skier kommen auf den Rücken, die Tragepassage beginnt. Da geht es eine Art Treppe hoch. Im Anschluss werden die Skier wieder angezogen, es wird weiter bergauf gerannt, ehe wieder eine Wechselzone erreicht wird. Dort reißen die Aktiven die Felle von ihren Skiern, verstauen sie – und dann rasen sie im Riesenslalom wieder runter.

Ungefähr das ist der Sport. Es gibt ihn als Einzelwettbewerb oder als Mixed-Gender-Staffel. Von Skimo erhofft sich nicht nur der DAV Potenzial. „Von den Verkaufszahlen haben Skitouren das alpine Fahren schon längst überholt“, sagt Gruber.

Quereinsteigerin vom Radsport

Tatjana Paller startet jetzt bei Olympia. Als Kind fuhr die heute 30-Jährige aus Lenggries Ski alpin, dann war sie erfolgreiche Radsportlerin, 2017 wurde sie sogar U23-Europameisterin – und wechselte dann zum Skimo. Warum? „Ich wollte eine neue Challenge“, verrät sie. Im Radsport sei es nicht mehr so gut gelaufen, und außerdem nennt sie sich „ein Winterkind“. Ein paar Gemeinsamkeiten mit ihrem alten Sport sieht sie beim Skimo schon: „Man muss sich immer quälen.“ Doch letztlich sei der neue Sport schon anstrengender. „Ich muss mich beim Skibergsteigen nach Intervallen deutlich häufiger hinlegen als beim Radfahren“, berichtet sie aus dem Trainingsalltag.

Paller startet im Skimo-Sprint. Doch es gibt auch das Skibergsteigen über lange Distanzen. Das größte Rennen geht im schweizerischen Wallis von Zermatt nach Verbier: 57 Kilometer lang und mit 4.400 zu bewältigenden Höhenmetern. Diese „Patrouille des Glaciers“ ist zwar das berühmteste Rennen, aber olympisch ist nur der Sprint. „Wir verstehen alle, die das lange Rennen lieber mögen, was ja auch das ursprüngliche ist“, sagt Tatjana Paller. „Und wir verstehen auch, dass die sich ärgern, wenn der Sprint jetzt ganz im Fokus steht.“

Dabei waren die Vorgänger des Distanz-Skimo schon einmal olympisch, nämlich von 1924 bis 1948 als Militärpatrouillenlauf. Daraus ist dann das heutige Biathlon erwachsen, dabei hatte es mehr mit dem Skibergsteigen zu tun. Von der Militärpatrouille ist nicht mehr viel zu sehen, zumindest nicht im olympischen Skimo. „Der Sprint ist keine klassische Disziplin“, sagt Hermann Gruber, „sondern wurde mit dem Plan entwickelt, fernsehtauglich zu sein.“ Daran werde auch weiter gearbeitet.

Die drei deutschen Skimo-Aktiven bei Olympia, Tatjana Paller, Helena Euringer und Jann Hösch, freuen sich über die Entscheidung, dass nun die Sprint-Disziplinen des Skimo in Italien ausgetragen werden. „Für uns war es echt ein Glückfall, dass das olympisch geworden ist und nicht das Distanzrennen“, sagt Paller, die ihren Sport professionell betreibt.

Starthilfe der Bundeswehr

Sie wird als Sportsoldatin von der Bundeswehr gefördert. „Wir haben das große Privileg, dass wir schon recht früh Plätze bei der Landespolizei Bayern und der Bundeswehr bekamen“, sagt Hermann Gruber. „So können wir die duale Karriere absichern.“ Zehn Skimo-Athleten und Athletinnen hat der DAV aktuell in der Förderung. „Ohne diese Absicherung ist Spitzensport auf diesem Niveau sehr schwierig umsetzbar.“

Der Verband, die Sportler und Sportlerinnen und auch die Bundeswehr hoffen, dass es nicht bei diesem 2026er Olympia-Intermezzo bleibt. Helena Euringer, mit 19 Jahren die Jüngste im DSV-Team, sagt, dass diese Winterspiele für sie „quasi eine Generalprobe“ sind – für 2030, wenn Olympia in den französischen Alpen stattfindet. Sicher ist das nicht. Es kann sein, dass Skimo wieder aus dem olympischen Programm fliegt und es bei einem einmaligen Auftritt bleiben muss. Hermann Gruber, der Funktionär, sagt: „Wir hoffen natürlich, dass wir 2030 wieder dabei sind.“ Hauptfaktor sei das IOC, „die müssen entscheiden“.

Man will sich halt gut präsentieren. Die Skimo-Wettkämpfe finden am 19. Februar in Bormio statt, wo vorher auch die alpine Abfahrt der Männer angesetzt war. Wenn die Skimo-Athleten und -Athletinnen da im Zielbereich der alpinen Strecke ihre Olympiapremiere feiern, sind die Abfahrer allerdings schon fort. Tatjana Paller freut sich zwar auf das „olympische Flair“, das sie erstmals erleben darf, weiß aber, „dass beim Rennen nur Sportler unserer Sportart da sein werden“. Das Flair hofft sie, auf der Abschlussfeier erleben zu können. Dann sind alle da.

Wenn es gut läuft, feiert Paller dort sogar als Medaillengewinnerin. Bei der WM 2025 hatte sie nämlich Bronze gewonnen und schöpft daraus Zuversicht. „Da hat man gesehen, dass das nicht unrealistisch ist“, sagt sie. Aber sie weiß, dass eine Medaille zunächst einmal ein „Träumchen“ bleibt. Ähnlich sehen das ihre Teamkollegin und ihr -kollege. Helena Euringer sagt: „Ziel ist auf jeden Fall, das Halbfinale zu erreichen.“ Und Finn Hösch visiert einen Finalplatz an: „Das traue ich mir selber auf jeden Fall zu, und ob es so kommen wird, werden wir sehen.“

Streit im deutschen Alpenverein

Andreas Eder ist Skimo-Bundestrainer. „Wir wissen, dass wir konkurrenzfähig sind“, sagt er und rechnet vor, „dass wir die Top-Fünf definitiv erreichen können.“ Und Hermann Gruber sagt: „Wir bauen bewusst kein großes Ziel auf und hoffen auf einen super Tag. Wir wollen uns aber auch nicht kleinreden.“ Vor allem soll sich die bislang kaum bekannte Sportart gut einem großen Publikum präsentieren. Er fügt aber auch hinzu: „In einem olympischen Finale ist alles möglich. Man muss es nur erreichen.“

Dass ein Vertreter des Deutschen Alpenvereins so klar für den Wettkampfsport Position bezieht, ist nicht selbstverständlich. Im DAV wurde schon immer in seiner über hundertjährigen Verbandsgeschichte leidenschaftlich gestritten, ob Bergsteigen als Sport gelten dürfe – gleich ob im Sommer oder im Winter.

Florian Heumann, Geschäftsführer Leistungssport im DAV, sagt: „Wir sind ein Sportverband, der olympische Sportarten im Gepäck hat und trotzdem von sich sagen kann, dass er ein Naturschutzverband ist.“

Als sich München beworben hatte, die Olympischen Winterspiele 2018 auszurichten, hatte der DAV noch eine eher gebremste Zustimmung signalisiert. Als eine erneute Bewerbung für die Spiele 2022 vorbereitet wurde, positionierte sich der DAV mit großer Mehrheit dagegen. Für die Münchner Pläne bedeutete dies das Aus. Nun allerdings ist der DAV der einzige deutsche Sportverband, der bei allen Olympischen Spielen mit Athleten und Athletinnen vertreten ist: beim Sportklettern im Sommer und beim Skimo im Winter.

"Gutes ökologisches Gewissen"

Eine Zerreißprobe? „Nein, das muss die Demokratie aushalten“, sagt Florian Heumann. „Bei 1,6 Millionen Mitgliedern wirst du nicht immer hundert Prozent haben. Es gibt bei uns viele begeisterte Leistungssportler und viele begeisterte Naturliebhaber, da gibt es immer Unterschiede.“

Mit der Sportart Skimo glaubt der DAV nun, gut aufgestellt zu sein. „Man kann mit gutem ökologischen Gewissen unterwegs sein“, sagt Florian Heumann, und Hermann Gruber ergänzt: „Wir wollen ein bisschen an die Basis des Wintersports zurückkommen. Weg von den Skiliften mit Achtersesseln und Sektglashaltern.“ Skimo benötige keine Stadien, Schanzen oder Lifts. Das zeige sich auch jetzt in Bormio. „Wir gehen in den Zielraum und brauchen ein bisschen Schnee. Das funktioniert“, sagt Gruber. „Das ist unser großer Vorteil als Sportart. Wir sind sehr unabhängig. Wir brauchen keine große Erhebung. Das muss nicht der Alpenraum sein, das kann auch ein 50-Meter-Hügel in Hamburg sein. Schon mit einer bestimmten Schneeauflage können wir unseren Sport ausüben.“

Der Optimismus vor Olympia ist beim Deutschen Alpenverein sehr groß. „Es passt in den aktuellen Trend, in den Lifestyle hinein“, sagt Florian Heumann und fügt noch ein sportliches Lob an: „Ich glaube auch, dass es ein echter Publikumsmagnet werden kann.“ Das Wort lautet: Skimo.

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