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Die vielfältigen Proteste gegen die Razzien der Bundesbehörden ICE und CBP in Minnesota werden auch von Künst­le­r:in­nen und Kreativen getragen. Eine Reportage aus Minneapolis

Von Sheila Regan

Unmittelbar nachdem Renée Good, Lyrikerin und Mutter dreier Kinder, am 13. Januar in Minneapolis vom ICE-Fahnder Jonathan Ross in ihrem Auto erschossen wurde, machte sich Junauda Petrus auf den Weg zum Schauplatz der Tat. Hunderte hatten sich dort bereits versammelt, um gegen den tödlichen ICE-Einsatz zu protestieren und gemeinsam die Tragödie zu betrauern.

Petrus ist die als Poet Laureate amtierende „Stadtschreiberin“ von Minneapolis, eine Auszeichnung, die sie als Verantwortung versteht. „Ich möchte mich für meine Community stark machen und mich aktiv um sie kümmern“, sagt sie. „Gerade jetzt braucht es Trost, mentale Unterstützung und Fürsorge. Es ist mir wichtig, Hoffnung zu geben und dazu beizutragen, dass Orte entstehen, in die man sich zurückziehen und an denen man Inspiration finden kann.“

In ganz Minnesota setzen Künst­le­r:in­nen, Dichter:innen, Mu­si­ke­r:in­nen und De­si­gne­r:in­nen seit Wochen ihre Talente ein, um aktiv gegen die Massenfestnahmen von ICE und der US-Zoll- und Grenzschutzbehörde CBP zu demonstrieren. 3.000 Beamte sind im Rahmen der „Operation Metro Surge“ seit Dezember 2025 im Bundesstaat Minnesota unterwegs. Zwei US-­Bür­ge­r:in­nen wurden am helllichten Tag erschossen, und das nur, weil sie das brutale Vorgehen bei ICE-Razzien in den Straßen von Minneapolis beobachteten: Nach Renee Good starb der Krankenpfleger Alex Pretti am 24. Januar im Kugelhagel.

Petrus’Kunst ist seit jeher politisch motiviert. Als Reaktion auf die Erschießung des Afroamerikaners Michael Brown, der 2014 in Ferguson (Missouri) von dem Polizisten Darren Wilson bei einem Einsatz getötet wurde, verfasste sie das Gedicht „Can We Please Give the Police Department to the Grandmothers“ (Können wir die Leitung der Polizei bitte unseren Großmüttern übertragen). Es entwickelte sich bald zu einem Schlachtruf der Black-Lives-Matter-Bewegung. Es folgten ein Thea­ter­stück und ein Bilderbuch.

Vor Kurzem nahm die Künstlerin an einem Treffen ehemaliger und amtierender Stadt- und Staatsschreiber aus ganz Minnesota teil. Als Reaktion auf die anhaltende Präsenz von ICE lasen sie aus eigenen Werken vor und rezitierten abwechselnd Goods Gedicht „On Learning to Dissect Fetal Pigs“ (Über das Erlernen der Sezierung von Schweineföten), das 2020 mit dem Preis der Academy of American Poets ausgezeichnet wurde. Mit der Lesung setzten sie ein Zeichen für die Kraft des Wortes in einer Zeit, in der insbesondere Aktivist:innen, Au­to­r:in­nen und Jour­na­lis­t:in­nen von der US-Regierung ins Visier genommen werden.

Besonders riskant ist die freie Meinungsäußerung für Im­mi­gran­t:innen. Als bekannt wurde, dass Nichtweiße im öffentlichen Raum anlasslos von ICE-Greiftrupps kontrolliert werden und ihre Ausweispapiere vorzeigen müssen, drängte Steve Ozones Partnerin den Fotografen, während der Operation „Metro Surge“ zu Hause zu bleiben. Ozone, der japanische und chinesische Wurzeln hat, eilte dennoch zum Ort von Goods Erschießung. „Massiver Tränengaseinsatz brannte in den Augen“, berichtet er. Kurzerhand schloss sich Ozone einer Protestgruppe an, die sich regelmäßig auf einer Stadtautobahnbrücke in Minneapolis versammelt. Dort richtete er ein Freiluft-Porträtstudio ein, inklusive weißem Hintergrund, um Demonstrierende davor abzulichten. „Ich suche nach Bildern, die noch niemand gezeigt hat“, sagt er.

Ich finde es wichtig, dass wir als Community zusammenkommen

Marlena Myles, Künstlerin

Wie Ozone hat auch die Fotografin Carrie Elizabeth Thompson die Invasion von tausenden ICE-Einsatzkräften fotografiert. Thompson fährt fast täglich mit ihrem Nachbarn, einem ehemaligen US-Soldaten, in einem mit 14 Dashcams ausgestatteten Fahrzeug Zivilstreife durch ihr Wohnviertel. „Wir patrouillieren durch die Straßen und können, wenn es darauf ankommt, per Knopfdruck Bilder aufnehmen“, sagt Thompson. Die beiden folgen den ICE-Beamten in ihren Autos und filmen sie dabei, wie sie wahllos Menschen festnehmen. Fotos dieser motorisierten Razzien ergänzt Thompson mit Aufnahmen, die sie mit ihrer Nikon-Handkamera macht. Auf diese Weise dokumentierte sie schon einige haarsträubende Situationen in Min­nea­po­lis. Einmal fotografierte sie, wie ein Demonstrant eine Tränengasgranate zurück in Richtung eines ICE-Milizionärs trat. „Ich drückte ab, als sein Auto komplett in Gas gehüllt war“, erzählt sie.

Singer-Songwriterin Valentine Low­ry-­Ortega von der Band Oceanographer arbeitet im Pillar Forum, einem Café, in dem auch Konzerte stattfinden und das sich zu einem Treffpunkt für Freiwillige entwickelt hat, die die Aktivitäten der Bundesbehörde ICE beobachten. Akti­vis­t:in­nen aus der Zivilgesellschaft wärmen sich hier auf, während sie auf Hinweise zu laufenden Einsätzen in der Umgebung warten. Lowry-­Or­te­ga hat sich selbst einer Patrouille angeschlossen, verfolgt das Geschehen über eine verschlüsselte Messenger-App und ist sofort zur Stelle, wenn sie gebraucht wird.

Darüber hinaus half sie mit, ein Benefizkonzert zu organisieren, um Spenden für Familien zu sammeln, die von ICE-Razzien betroffen sind. Zeitgleich bereitet Lowry-Ortega neue Songs vor, die sie im Cedar Cultural Center in Minneapolis komponiert hat. Die Musik setzt sich mit ihrer venezolanischen Identität auseinander. „Es fühlt sich komisch an, für meine eigene Arbeit Werbung zu machen“, sagt sie. „Ich frage mich oft, ob ich momentan überhaupt Leute bitten kann, zu einem Konzert zu kommen. Und dann fällt mir wieder ein: Ach ja, es geht in meiner Musik auch um meine Erfahrungen als Kind von Immigrant:innen. Vielleicht ist genau das die Geschichte, die die Leute jetzt hören müssen.“

Bei Künst­le­r:in­nen wie Sam Gould wird Kunst zum Mittel des Protests. Gemeinsam mit seinen Mit­strei­te­r:in­nen fertigte er ein riesiges Banner an. 14 Personen waren nötig, um es bei einer Demo am vergangenen Wochenende durch die Straßen von Minneapolis zu tragen. Es wurde mit einer öffentlich zugänglichen Druckerpresse hergestellt, die vom Künstler Piotr Szy­hal­ski entworfen wurde. Die Banner „verschriftlichen den öffentlichen Raum und bringen Poesie direkt zu den Menschen“, sagt Gould. „Das ist eine sehr direkte und zu gleich poetische Intervention, mit der wir einen kurzen Moment der Reflexion an einem Ort schaffen, der einen überwältigen kann.“

Auch Marlena Myles wandte sich als Reaktion auf die gewalttätigen Razzien von ICE dem Siebdruckverfahren zu. Die Spirit-Lake-Dakota-Künstlerin engagierte sich schon in der Vergangenheit, half etwa während der Proteste gegen den Bau Access-Pipeline in North-Dakota der Künstlerin Rory Wakemup, ein wasserfestes Tipi zu bauen. Von ihren Men­to­r:in­nen hat sie einiges gelernt. „Ich habe mich nie selbst als eine Anführerin betrachtet“, sagt sie. Das von ihr entworfene Siebdruckdesign spielt nun eine Hauptrolle in der Bewegung. Dessen Botschaft: „ICE OUT OF MNISÓTA MAKHÓČHE: NO ONE IS ILLEGAL ON NATIVE LAND“ (ICE raus aus Mnisóta Makhóčhe: Niemand ist illegal auf indigenem Land).

Bilder des Protests: Der Fotograf Steve Ozone porträtiert Demonstrierende auf einer Stadt-Autobahnbrücke in Minneapolis Foto: Steve Ozone

Bei einer Veranstaltung, organisiert von der Anishinaabe-Künstlerin Courtney Cochran und ihrem Modedesign-Studio im American Indian Center in Minneapolis, fanden Siebdruckworkshops statt. Interessierte konnten eigene T-Shirts und Plakate bedrucken. „Ich finde es wichtig, dass wir als Community an sicheren Orten zusammenkommen und nicht zu Hause unsere Zeit mit Doomscrolling vergeuden und uns hilflos und einsam fühlen“, sagt Myles. „Es gibt einem das Gefühl, Teil eines Teams zu sein.“ Die Veranstaltungen sind äußerst beliebt, viele bedruckte T-Shirts und Schilder tauchen bei den täglichen Protesten auf. „Das aktiviert den menschlichen Geist“, sagt Myles. „Es holt das Beste aus dem Menschen als Antwort auf das Schlimmste im Menschen.“

Einige Künst­le­r:in­nen aus Minnesota bekunden ihren Widerstand allein durch ihre Anwesenheit. Matt Allen, besser bekannt als HipHop-Produzent Nur-D, trieb es zur Kreuzung 26. Straße, Ecke Nicollet Avenue, als er erfuhr, dass Alex Pretti dort von zwei CBP-Einsatzkräften erschossen wurde. Sofort wurde Allen mit Tränengas eingenebelt, er bekam Gummigeschosse ab, wurde von Einsatzkräften brutal misshandelt und schließlich in Gewahrsam genommen. In einem Video kann man seine Stimme deutlich vernehmen, während ihn Einsatzkräfte unter Zwang festhalten: „Ihr werdet mich töten müssen. Ihr werdet mich töten müssen. Ihr werdet mich töten müssen.“

In diesem Moment agierte Allen weniger als Künstler, vielmehr als US-Bürger, der Worte sprach, die seine letzten hätten sein können. „Da entsteht ein Maß an Klarheit aus dem Wissen, dass alles, was kommt, gehört und gefühlt werden muss“, sagte er. „In solchen Momenten kann man vollkommen ehrlich sein.“ Seine Performerfähigkeiten kamen dem Künstler dabei zugute: „Ich weiß, wie man laut vor einer Gruppe spricht, weil ich mir antrainiert habe, bis ganz nach hinten im Saal durchzudringen“, sagt Nur-D. „Ich habe eine wichtige Botschaft vermittelt, aber ich glaube nicht, dass ich dabei künstlerisch vorgegangen bin. Es ging mir ums nackte Überleben und darum, die Dinge richtigzustellen.“

Aus dem Englischen von Beate Scheder

Sheila Regan ist Journalistin und Kunstkritikerin und lebt in Minneapolis.

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