Queerfeindliche Gewalt in Deutschland: „Das sind auch meine Kieze“
Eigentlich war Quang Paasch für ein Date verabredet, doch dann griff ihn eine Männergruppe an. Paasch wehrt sich und macht den Fall öffentlich.
Es ist ein Samstagabend Anfang Januar, gegen 20 Uhr, als Quang Paasch vor einem Wohnblock im Berliner Stadtteil Neukölln wartet. Kinder spielen im Schnee, Menschen kommen mit Einkaufstüten vorbei. Paasch hat sich über eine Dating-App verabredet, schreibt noch mit seinem vermeintlichen Date. Der sagt, er komme gleich herunter. Dann nähern sich zwei junge Männer, Paasch schätzt sie auf Anfang 20. Sie sind der Grund, warum Paasch nicht bei einem Date, sondern wenig später auf der Polizeistation landen wird.
Die Männer hätten ihn geschlagen und getreten, Pfefferspray gesprüht und versucht, ihm den Mund zuzuhalten. Kurz darauf seien zwei weitere Männer dazu gekommen. Paasch sei sofort zu Boden gegangen, habe seinen Kopf geschützt und um Hilfe geschrien. „Ich lag da und habe direkt realisiert: Okay, hier passiert gerade etwas mit mir, wovon ich schon oft gehört habe“, sagt der 24-Jährige. Der Angriff dauert nur wenige Minuten, aber von den Folgen wird sich Paasch noch lang erholen müssen.
Für Paasch sei früh klar gewesen, dass es sich um ein Hassverbrechen handelt, mit einem queerfeindlichen Motiv. Denn er war nur wegen der Verabredung vor Ort, er wurde gezielt hierhergelockt. Die Täter hätten ihn nicht durchsucht, nicht in seine Taschen gegriffen, hätten lediglich sein Handy mitgenommen, das neben ihn gefallen war. Später habe Paasch es nur wenige hundert Meter entfernt geortet. Er sei einem der Täter hinterhergelaufen und habe es noch zurückgefordert. „Ich habe den Schmerz direkt gespürt und nichts gesehen, aber das Pfefferspray hat erst etwas später so richtig gebrannt. Wahrscheinlich durch den Schock“, sagt Paasch in einem Telefonat mit der taz. Mit einer Person, die seine Schreie gehört habe, sei er zur nahegelegenen Polizeistation gegangen. Drei Stunden habe er dort gesessen und offen erzählt, was passiert sei. Auszusprechen, dass er von einem queerfeindlichen Motiv ausgeht, fällt ihm schwer. „Mein erster Gedanke war: Kann ich der Polizei die Wahrheit sagen? Werde ich ernst genommen?“
Mit diesen Zweifeln ist der 24-Jährige nicht allein. Eine Dunkelfeldstudie der Europäischen Agentur für Grundrechte von 2020 zeigt, dass 96 Prozent der befragten LSBTIQ*-Personen Hatespeech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht anzeigen. Als Gründe nannten sie unter anderem, die Taten seien „zu gering/nicht ernst genug“ (33 Prozent) oder sie hätten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei (23 Prozent).
Gezielte Angriffe bei Online-Dates
Der Angriff folgt einem Muster, das Ermittlungsbehörden und Beratungsstellen seit Längerem beobachten: gezielte Angriffe bei Online-Dates. Anfang 2025 wurde eine entsprechende Gewaltserie im Main-Taunus-Kreis bekannt. Fünf Jugendliche sollen laut Polizei Hessen mindestens acht Menschen über Dating-Apps kontaktiert, zu Treffpunkten gelockt und dort gemeinsam angegriffen haben. Auch in Berlin kommt es immer wieder zu solchen Fällen. Das Vorgehen reiche von Diebstahl und Raub bis zu Sexualdelikten, teilte die Polizei Berlin der taz mit. Ungewöhnlich in Paaschs Fall ist, dass der Angriff in einer belebten Wohngegend stattfand – häufig werden Betroffene eher in abgelegene Orte gelockt.
Für queere Menschen bedeutet diese Form geplanter Gewalt, dass selbst öffentliche Räume zu Gefahrenzonen werden. Laut Bundeskriminalamt wurden 2023 insgesamt 17.007 Fälle von Hasskriminalität erfasst, 1.785 davon richteten sich gegen LSBTIQ* – deutlich mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Straftaten in den Bereichen „sexuelle Orientierung“ und „geschlechtsbezogene Diversität“ haben sich demnach seit 2010 nahezu verzehnfacht.
Parallel berichten Beratungsstellen von einem massiven Anstieg der Nachfrage. Im Bremer Rat-und-Tat-Zentrum haben sich die Beratungen zu queerfeindlicher Gewalt innerhalb von zwei Jahren vervier- bis verfünffacht, schätzt der Vorstand in einem taz-Gespräch Ende 2025. Die Folgen: mehr Angst, weniger Sichtbarkeit, mehr Rückzug.
Organisierte Gruppen
Paasch kennt queerfeindliche Gewalt seit seiner Kindheit. Doch heute, sagt er, begegne sie einem anders. „Es ist nicht mehr nur der eine Mann, der nachts besoffen zuschlägt.“ Heute seien es Gruppen, organisiert und entschlossen. Welchem Milieu die Täter angehören, sei für ihn zweitrangig. „Ob Islamisten, fundamentale Christen, Nazis – an vorderster Stelle waren es gewaltbereite Männer.“ Das zeigt auch ein Monitoringbericht der Berliner Senatsverwaltung für Gleichstellung von 2024: „Die polizeilich ermittelten Tatverdächtigen sind fast ausnahmslos männlich, insbesondere bei Gewaltdelikten.“
Dass solche Männer an einem Samstagabend in einer belebten Gegend offen gewaltbereit agieren, ist für Paasch das eigentliche Problem. Um dagegen zu kämpfen, entscheidet er sich noch in der Tatnacht, öffentlich zu machen, was ihm passiert ist und postet ein Video auf Instagram. „Ich habe eine gewisse Reichweite und damit Verantwortung“, sagt Paasch. Er will warnen, nicht vor Onlinedating an sich, sondern vor der realen Gefahr. „Gerade sind wir angreifbarer. Und es kann alle treffen.“
Knapp zwei Wochen nach dem Angriff leidet Paasch unter Angst und Panik, wenn er das Haus verlässt. Seine Mutter mache sich große Sorgen. „Sie hat in den 1990ern die rassistischen Baseballschlägerjahre erlebt.“ Und nun wieder eine Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas? „Dafür bin ich nicht nach Deutschland gekommen, hat sie zu mir gesagt.“
Paasch will sich dennoch nicht einschränken lassen, nicht überlegen, in welche Bahn er einsteigt oder ob er das Haus verlässt. „Das sind auch meine Kieze.“
Polizei ermittelt
Es sei wichtig, gegen die gesellschaftliche Normalisierung von Queerfeindlichkeit anzugehen. Er hofft, dass die Ermittlungen weitergeführt werden: Zeugenbefragungen, Auswertung digitaler Spuren. Das Profil und der Chat auf der Dating-App sind gelöscht, doch die Polizei kann die Betreiber anfragen und IP-Adressen ermitteln.
Vor allem aber hofft Paasch, dass sein Fall nicht als Einzelfall behandelt wird. Sondern als Symptom einer Entwicklung, die längst begonnen hat. Dass vier junge Männer an einem Samstagabend lieber jemanden zusammenschlagen, als ins Kino oder in eine Bar zu gehen, sei Ausdruck einer Gewalt, die gelernt, geteilt und gesellschaftlich ermöglicht wird. „Wir müssen uns wappnen und dagegen organisieren“, sagt Paasch.
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