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Bahnradsport in BremenMehr Spektakel auf dem Rad

Bei den Bremer Sixdays setzt man auf etwas weniger Show und mehr Sport. Das Publikum erfreut sich an knappen Entscheidungen und viel Dramatik.

Geschwindigkeit und Leidenschaft: Das Bremer Sechstagerennen wurde erstmals 1910 ausgetragen Foto: frontalvision.com/imago

Aus Bremen

Ralf Lieske

„Hier ist noch alles möglich“, fasste Erik Weispfennig, der sportliche Leiter der Bremer Sixdays, die hochbrisante Situation vor der finalen Jagd am Montagabend im Madison zusammen. Spannend wie selten ging es beim hochklassigen Radsportevent zu. Und bei den Fahrern freut man sich ohnehin immer auf die Tage in Bremen. Der Tour-de-France-Etappensieger Nils Politt aus Köln erklärt: „Die anspruchsvolle Bremer Bahn ist definitiv ein Highlight in meinem Rennkalender.“

Dieses Mal lohnte es sich mehr denn je für die Zuschauer, den witterungsbedingt doch recht beschwerlichen Weg in die Stadthalle für die 59. Auflage der Bremer Sixdays auf sich zu nehmen. Ihr Kommen war ohnehin ein Zeichen echter Leidenschaft. Leicht verändert präsentierte sich das traditionsreiche Spektakel. Die große Partyhalle aus früheren Jahren gab es nicht mehr, auch die Bühne fiel deutlich kleiner aus.

„Wir konzentrieren uns auf weniger Flächen, stärken die Aufenthaltsqualität und machen das Erlebnis noch intensiver“, erklärt Geschäftsführer Hans Peter Schneider. Ein betagter Besucher erinnert sich an frühere Sechstagerennen: „Das Radfahren war für uns nach dem Feiern eher Nebensache.“ Heute bietet die Halle an diesen Tagen eine gute Mischung aus Party und Sport. Unverändert gilt: Das 166,66 Meter kurze Holzoval, wo die Steilkurven bis zu 53 Grad überhöht sind, bleibt das Herzstück der Veranstaltung.

In der Disziplin Madison zählen Rundengewinne mehr als gesammelte Punkte. Diese schlichte Regel wurde den Italienern Simone Consonni und Michele Scartezzini am dritten Wettkampftag zunächst zum Stolperstein. Das Duo hatte fleißig in allen Disziplinen Zähler für sich verbucht und führte die Wertung mit 183 Punkten an. Doch eine einzige verlorene Umrundung warf sie auf Rang 3 zurück, während ihre härtesten Konkurrenten ohne Rundenrückstand blieben. Consonni, Olympiasieger in der Mannschaftsverfolgung, und Scartezzini, Vizeweltmeister im Madison, gerieten unter Druck.

Spannung bis zur letzten Runde

Mit perfektem Timing holten sich Moritz Augenstein und Roger Kluge durch eine Doublette in der großen Jagd die Spitzenposition. Der 28-jährige Augenstein krönte sich erst vor wenigen Monaten zum Weltmeister im Scratch und holte zudem Europameisterschaftsgold im Derny. „Moritz hat eine großartige Entwicklung zurückgelegt“, sagte Erik Weispfennig, der sportliche Leiter der Bremer Sixdays. An seiner Seite kämpfte der 39-jährige Kluge, dreifacher Madison-Weltmeister und fünffacher Europameister, der im Punktefahren olympisches Silber gewann.

Das Weltmeisterduo führte nach drei von vier Wettkampftagen mit 167 Punkten und ohne Rundenrückstand. Knapp dahinter lauerten Matias Malmberg und Nils Politt mit 163 Zählern, ebenfalls mit null Runden. Punktemäßig führten Consonni und Scartezzini – lagen allerdings bei minus eins Runden.

Am Montag, dem letzten Wettkampftag, bleibt im einstündigen Entscheidungsrennen die Spannung bis zur letzten Runde erhalten. 27 Umrundungen vor Schluss setzten die Italiener zum entscheidenden Rundengewinn an und egalisierten damit ihren Rückstand. Nun holten sie sich die fehlende Runde zurück.

Im Schlusssprint sicherten sich Consonni und Scartezzini mit 229 Punkten den Gesamtsieg; Augenstein und Kluge mussten sich mit 227 Zählern hauchdünn geschlagen geben. Nur zwei Punkte trennten die beiden Spitzenteams am Ende. „Es war unmöglich, die Italiener abzuschütteln. Sie sind über weite Teile des Rennens in unserem Windschatten mitgefahren und haben dabei die entscheidenden Körner gespart“, sagte Kluge. Für den Profi und seinen Partner bedeutete Bremen trotz der Niederlage einen wertvollen Härtetest.

Der Berliner Theo Reinhardt bildete mit dem Lokalmatador Kluge jahrelang ein erfolgreiches Madison-Team, bevor er sich im vergangenen Jahr bei den Berliner Sixdays emotional von seinem Publikum verabschiedete. Augenstein füllt aktuell diese Lücke mit beeindruckendem Erfolg. Am 30. und 31. Januar werden beide im Velodrom Berlin antreten, wo ein Weltrekordversuch über 1.000 Meter im Madison-Zeitfahren geplant ist. In Berlin werden Kluge und Augenstein erneut auf die Energie des Publikums bauen – jene Kraft, die den Unterschied ausmacht.

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