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Anne Haeming Der WochenendkrimiWenn ein 90-Minüter um einen einzigen Schnitt in den ersten vier Filmminuten kreist

Okay, es ist noch nicht so lange her, dass ich den Stuttgarter „Tatort“-Kollegen ein Sabbatical empfahl – Moment, mal fix nachschauen – ach, tatsächlich erst vorletzte Kolumne, also Ende November. Diese Allgegenwart wirkt übrigens nur so: Seit drei Jahren läuft immer eine Lannert-Bootz-Folge im November und dann gleich wieder im Januar. Sprich: Wir haben nach diesem „Ex-It“, so der Folgentitel, nomen est omen, endlich Ruhe. Also vermutlich bis kurz vor Adventsbeginn.

Aber dafür bringt dieser Sonntagabendkrimi nun den raren Charme der permanenten Überraschung. Wenn die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) und wir alle immer wieder neu nicht wissen, was hier gerade Sache ist.

Es ist einnehmend und irgendwie lässig erzählt, wie das Ganze beginnt: Es gießt wie aus Kübeln, tiefste Sommernacht, als Pony Hübner (Kim Riedle) mit ihrem dicken SUV durch enge Straßen gurkt, auf dem Heimweg von einem Abend bei ihrer Schwester. Sie will nur kurz halten, Kippen am Kiosk holen, trotz Uhrzeit, trotz Wetter, so dringend.

Am Kiosk: kein Parkplatz. Erst paar Ecken weiter. Die beiden Kinder pennen eh … Also los, im azurblauen Glitzerfummel, weißen Lackstiefeletten, die edle Einkaufstüte als Regenschutz. Nächste Szene: Sie stolpert fast in eine Polizeiwache, schreiend, triefend, barfuß, die Schuhe in der Hand: Das Auto ist weg. Also auch die Kinder. Stellt sich raus: Eines ist tot, das andere verschwunden. Da sind keine vier Minuten um.

Buch und Regie greifen genau ineinander. Dauernd ändert sich die Lage. Informations­bro­cken verschieben die Geschichte

Der Rest der anderthalb Stunden kreist um jene Zeitspanne, die der simple Schnitt – vom Kiosk zur Wache – überspringt. Der Rest jener anderthalb Stunden ist genau deshalb unterhaltsam, weil spannend gebaut, Wolfgang Stauchs Buch und Friederike Jehns Regie greifen genau ineinander. Weil sich die Lage dauernd ändert. Weil einzelne Informationsbrocken die Geschichte immer wieder verschieben; auch wenn das Publikum mitunter mehr weiß als die Ermittler – es weiß dennoch nicht genug. Weil die Prämisse der ganzen Story schon so absolut absurd wirkt. Oder wie Bootz es formuliert: „Welches Arschloch klaut ein Auto mit zwei Kindern drin, verliert die Kontrolle über das Ding und senkt es in den Neckar?!“ Eben.

In diesem Sinne: Himmel, was für einen super Kotzbrocken Hans Löw („Hedi Schneider steckt fest“, auch schon wieder zehn Jahre her) als Ponys Ehemann Stefan hinlegt. Und welchen Raum Stauch und Jehn dem Paar geben, sich spinnefeind im Luxusanwesen, inmitten der frischen Tragödie – und des älteren Dramas.

Er macht irgendwas mit Yellowpress, sie zehrt vom einstigen Status als sogenanntes It-Girl in seinen Blättern, „Ex-It“ halt; drumrum ihre Schwester samt Mann, die lange schon Zuhauseersatz bieten, dazu ihre Herkunft, aufgewachsen mit wenig Geld.

Ja, das „It-Girl“-Ding wirkt ganz schön altbacken. Es wäre fraglos austauschbar gewesen gegen andere symbolträchtige Aspekte. Aber dafür stört’s nicht weiter. Derweil verschiebt sich die Tektonik des Falls weiter, Stück für Stück.

Und um noch mal kurz auf den vorigen Stuttgarter Fall zu kommen: Es ist immer wieder bemerkenswert, wie schlechtes Spiel Aufmerksamkeit auf sich zieht – und damit allem anderen die Show stiehlt. Davon kann hier keine Rede sein. Im Gegenteil.

SWR-„Tatort“: „EX-IT“, Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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