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Muslime tun was fürs „Stadtbild“Die Kehrenbürger der Sonnenallee

Der Neujahrsputz von Muslimen der Ahmadiyya-Gemeinde hat Tradition. Wegen der „Stadtbild“-Debatte kommen dieses Jahr viele Medienvertreter gucken.

Faris Ahmad (l.) und Zeeshan Ahmad helfen mit beim Aufräumen in Neukölln Foto: Nicolai Kary
Nicolai Kary

Aus Berlin

Nicolai Kary

Der „Bierbaum 2“ auf der Sonnenallee in Neukölln ist am Neujahrsmorgen um 10 Uhr gut besucht: Bei lauter Schlagermusik trinken und rauchen Standhafte den Silvester-Kater weg. Auf der Sonnenallee ist es so ruhig wie nur selten im Jahr, hin und wieder rauscht ein Auto die Straße entlang. Vereinzelt hört man aus der Ferne Böller knallen. In den Pfützen vermischt sich das Schwarzpulver der Raketen mit Verpackungsmüll, Sektflaschen und Böllerresten.

Eine Gruppe junger Männer hat sich an diesem Morgen zum Ziel gesetzt, den Müll auf der Sonnenallee zusammenzufegen. „Kehrenbürger“ steht auf ihren Westen, die sie für ihre Aktion von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) gestellt bekommen haben. Ausgestattet mit Besen, Schaufeln, Schubkarren und Müllsäcken, arbeiten sich die 20 Männer schnell voran. Auf Höhe Wildenbruchstraße/Erkstraße fangen sie an. Bis zum Hermannplatz wollen sie putzen, also rund 1,5 Kilometer entlang der Sonnenallee. Den Müll kehren sie auf Haufen zusammen. Später wird er von der BSR abgeholt.

Es sei nicht so viel Müll wie in den Jahren zuvor, sagt der 17-jährige Zeeshan Ahmad der taz. Er mutmaßt, das könne mit der hohen Polizeipräsenz im Stadtteil zusammenhängen. Noch am Abend zuvor glich die Sonnenallee einer Hochsicherheitszone. Mit Hamburger Gittern waren Teile der Sonnenallee abgesperrt, die zur Böllerverbotszone erklärt worden waren.

Wie man sein Haus sauber hält, hält man sein Land sauber

Scharjil Khalid, Imam

Zeeshan geht in die 12. Klasse, macht bald sein Abitur. Sein Vater ist vor rund 25 Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen. Zeeshan selbst ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Am Neujahrsputz beteiligt er sich, seit er sieben Jahre alt ist. Ihm macht die Aktion trotz der Eiseskälte sichtlich Spaß.

Motto „Das Stadtbild verbessern“

Seit rund 30 Jahren gibt es die Neujahrstradition. Organisiert wird der Putz in Berlin von Gemeindemitgliedern der Khadija-Moschee in Heinersdorf, die zum muslimischen Verband Ahmadiyya Muslim Jamaat gehört. Nach dem morgendlichen Gottesdienst und Gebet um 6.30 Uhr und einem anschließenden Frühstück verteilen sich die Gemeindemitglieder in der Stadt, um an ausgewählten Orten den Müll vom Silvesterabend zusammenzufegen. In Berlin sind es laut Scharjil Khalid, dem Imam der Gemeinde, rund 100 Teilnehmende.

In diesem Jahr haben sie sich in Pankow und Neukölln verteilt. In Neukölln räumen sie die Karl-Marx-Straße und die Sonnenallee auf. Bundesweit beteiligen sich laut dem Verband jährlich etwa 10.000 Mus­li­m:in­nen an der Neujahrsputzaktion. Auch in Städten wie Frankfurt, Mannheim und Bielefeld räumen Gemeindemitglieder die Straßen am Neujahrsmorgen auf.

In diesem Jahr ist allerdings etwas anders. Neben den rund 40 Aktionsteilnehmern in Neukölln sind rund ein Dutzend Me­di­en­ver­tre­te­r:in­nen gekommen. Das diesjähriges Motto „Wir reden nicht über das Stadtbild. Wir verbessern es“ knüpft direkt an die „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz an, der im Oktober von „Problemen im Stadtbild“ im Zusammenhang mit Migration gesprochen hatte. In der Folge entbrannte eine breit geführte, kritische Debatte. Die Aussage sorgte insbesondere in migrantischen und muslimischen Communitys für Verunsicherung.

Imam Khalid freut sich über das große mediale Interesse. „Es wäre schön, wenn Kai Wegner davon was mitbekommen würde“, sagt er. „Ich glaube, man unterschätzt, wie stark die Entfremdung von Mus­li­m:in­nen gegenüber Deutschland derzeit ist.“ „Fast alle“ würden darüber nachdenken, auszuwandern. Grund sei das politische und wirtschaftliche Klima im Land. „Es war nie so schlimm wie jetzt, und das besorgt mich extrem“, so Khalid.

„Problematisierende Debatte“

Mit dem Neujahrsputz wolle man zeigen, dass man „nicht in der Opferrolle ist“, so der Imam. Man müsse „weg von der problematisierenden Debatte über Muslime.“ Zugleich sei es auch eine „intrinsisch religiös motivierte Aktion“, sagt Khalid: „Wie man sein Haus sauber hält, hält man sein Land sauber.“

Um kurz nach 11 Uhr sammelt sich die Gruppe zum Abschluss noch einmal am Hermannplatz. Die Bilanz: Rund 150 Müllsäcke konnten sie in diesem Jahr füllen. Der BSR kommt das sehr gelegen: „Über dieses starke Engagement der Bür­ge­r:in­nen für ihre Kieze und unsere Stadt freuen wir uns sehr“, erklärt ein Sprecher.

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