Kohleausstieg in der Lausitz: Wasser könnte knapp werden
Liegt Berlin nach dem Kohleausstieg auf dem Trockenen? Die Frage steht seit einem Gutachten im Raum, doch die Politik lässt sich mit Antworten Zeit.
Wir haben alles im Griff. So in etwa lautet die Antwort der Berliner Wasserbetriebe auf die Frage, ob die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt nach dem Kohleausstieg in der Lausitz noch sicher ist. „Das bestehende System der Förderung von Grundwasser für die Trinkwasserversorgung, welches zum großen Anteil aus Uferfiltrat aus Spree und Havel gespeist wird, kann aufrechterhalten werden.“
Die Frage hatte die Grünen-Abgeordnete June Tomiak im Sommer schriftlich an das Berliner Abgeordnetenhaus gestellt. In ihrer Antwort hat die Senatsverwaltung für Umwelt die Wasserbetriebe zu Rate gezogen. Die wiederum bemühen sich seit geraumer Zeit, den Ball flach zu halten und verweisen auf den Masterplan Wasser von 2022. Nur, ist der denn noch auf der Höhe der Zeit?
Denn an alarmierenden Meldungen mangelt es nicht. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung des Masterplans hatte das Umweltbundesamt 2023 in einem Gutachten festgestellt, dass der Spree nach dem Kohleausstieg das Wasser ausgehen könnte. „In Berlin und Brandenburg könnte im schlimmsten Szenario das Wasser empfindlich knapp werden, wenn nicht entschlossen gegengesteuert wird“, sagte UBA-Chef Dirk Messner bei der Vorstellung des Gutachtens.
Es ist vor allem abgepumptes Grundwasser aus den Braunkohletagebauen, das der Spree fehlen wird. Bisher werden diese so genannten Sümpfungswässer in die Spree geleitet. Wird kein Grundwasser mehr abgepumpt, so das Umweltbundesamt, fehle der Spree die Hälfte der bisherigen Wassermenge. In den Sommermonaten könnten es sogar drei Viertel sein.
Das hat auch Auswirkungen auf Berlin. Fast zwei Drittel des Berliner Trinkwassers stammt aus sogenanntem Uferfiltrat aus Spree und Havel. Berlin ist damit eine der wenigen Großstädte in Europa, die ihr Trinkwasser selbst gewinnen. Was aber, wenn das Wasser ausbleibt? Oder, wie es June Tomiak gefragt hat: „Welche direkten und indirekten Auswirkungen erwartet der Senat auf die Trinkwasserversorgung Berlins – insbesondere hinsichtlich Wasserverfügbarkeit, Qualität und Versorgungssicherheit?“
Wettlauf mit der Zeit
Spätestens an dieser Stelle wird es spannend. In ihrer Antwort verweisen die Berliner Wasserbetriebe auf eine bislang gängige Praxis. Denn nicht nur aus reinem Grundwasser besteht der Wassermix, der in Berlin aus dem Hahn kommt, sondern auch aus gereinigtem Abwasser, das in die Oberflächengewässer, also Flüsse und Seen, geleitet wird. Nachdem es beim Versickern gereinigt wird, wird es über die Pumpen der Wasserwerke wieder gefördert – als Trinkwasser.
„In Folge der zurückgehenden Abflüsse wird der Anteil des gereinigten Abwassers aus den Kläranlagen in Spree und Havel im Berliner Raum ansteigen“, lässt die Umweltverwaltung die Wasserbetriebe antworten. „Ohne Gegenmaßnahmen würde es zu höheren Konzentrationen von Spurenstoffen (z.B. Arzneimittelrückstände) im Oberflächenwasser, im geförderten Grundwasser und schließlich im Trinkwasser kommen.“
Um diese Rückstände aus dem Abwasser zu filtern, sollen die Berliner Wasserwerke allesamt mit einer sogenannten vierten Reinigungsstufe ausgestattet werden. Es ist eine Rieseninvestition, vor der die Wasserbetriebe da stehen. 532 Millionen Euro, also mehr als eine halbe Milliarde, werden derzeit für die Ertüchtigung oder den Neubau der Klärwerke Schönerlinde, Münchehofe, Ruhleben, Waßmansdorf und Stahnsdorf veranschlagt.
René Schuster, Grüne Liga
Gleichzeitig ist der geplante Ausbau ein Wettrennen mit der Zeit. Außer Schönerlinde, dessen vierte Reinigungsstufe 2027 fertig werden soll, bewegen sich die avisierten Fertigstellungen der übrigen Wasserwerke in einem Zeitraum von 2032 bis 2036. Wer weiß, wie sich Bauprojekte in der Hauptstadt hinziehen können, ahnt, dass die Ertüchtigung gut und gerne auch nach dem Kohleausstieg 2038 kommen könnte.
Wasser aus der Elbe
Das Gleiche gilt für die technischen Lösungen, die das Umweltbundesamt in seinem Gutachten vorgeschlagen hat. Neben der Nutzung des Cottbuser Ostsees als Wasserspeicher ist das vor allem eine geplante Überleitung von der Elbe in die Spree. Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) sieht das als richtigen Schritt. Solche Überlegungen, heißt es in der Antwort auf die Anfrage, würden „grundsätzlich positiv bewertet“.
Allerdings steht die Finanzierung eines solchen mit ebenfalls 500 Millionen Euro veranschlagten Infrastrukturprojekts noch in den Sternen. Die Spreeanrainer Berlin, Brandenburg und Sachsen sehen den Bund in der Pflicht. Der aber duckt sich bislang weg.
Ohnehin scheinen die Beteiligten derzeit alle Zeit der Welt zu haben. Erste Ergebnisse einer Modellierung des Wasserverbrauchs soll es 2027 geben. Bis dahin stehen die Zeichen in Berlin, aber auch in Brandenburg eher auf ein Weiter so.
Ganz anders sehen das das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW und die TU Berlin. In einer im Mai 2025 vorgelegten Studie plädieren sie für einen radikalen Kurswechsel. So könne zum Beispiel der Wasserpreis für Industrieunternehmen angehoben werden, um Anreize fürs Wassersparen zu schaffen. „Eine einheitliche Erhöhung der Wasserentnahmeentgelte auf das Niveau des Berliner Grundwasserpreises“, hieß es bei der Vorstellung der Studie, „könnte die Wassernachfrage in den betroffenen Ländern Berlin, Brandenburg und Sachsen um bis zu 16 Prozent senken und damit die Wasserknappheit entlang der Spree verringern.“
Höhere Preise, weniger Nachfrage?
Eine solche „drastische Reduzierung der Wassernachfrage durch höhere Preise“ könnte auch die geplante Umleitung von Wasser aus der Elbe in die Spree überflüssig machen. „Rein technische Ansätze wie die Umleitung der Elbe sind keine nachhaltige Lösung. Es ist jetzt an der Politik, Fehlanreize zu korrigieren“, forderte Studienautorin Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin. „Statt künstliche Wasserknappheit in der Elbe zulasten Hamburgs zu verursachen, sollte der Wassermangel entlang der Spree durch vernünftiges umweltökonomisches Wassermanagement verringert werden.“
Dazu gehört auch, Fehler wie bei der Flutung des Ostsees im ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord nicht zu wiederholen. Denn mit dem Ende des Tagebaus Welzow Süd will der Betreiber LEAG das Tagebauloch ebenfalls fluten. Der neue See soll 1.960 Hektar groß sein und damit um 60 Hektar größer als der Ostsee. Und auch tiefer soll er werden.
Was für die LEAG die kostengünstigste Form der Rekultivierung ist, ist für den Wasserhaushalt in der Spree allerdings eine zusätzliche Belastung. Denn nicht nur soll die Spree den See fluten. Wegen der hohen Verdunstung ist auch in den Jahren nach der Flutung immer wieder Zufluss nötig.
Eine Verkleinerung der Flutungsflächen dagegen würde auch weniger Wasser beanspruchen und die Verdunstung verringern. Das betont seit Jahren auch René Schuster von der Grünen Liga in Brandenburg. „Die Genehmigung neuer riesiger Tagebauseen ist vor dem Hintergrund der voranschreitenden Klimakrise und langer Trockenheitsphasen in der Lausitz nicht mehr verantwortbar“, kommentierte Schuster einen Beschluss, den der Brandenburger Landtag bereits 2021 gefasst hat.
Zahme Politik gegenüber Braunkohlekonzern
Doch seitdem ist wenig passiert. Selbst die Gemeinsame Landesplanung GL der Bundesländer Berlin und Brandenburg sieht das Gebaren der LEAG inzwischen kritisch. „Auf der jüngsten Sitzung des Braunkohleausschusses hat die LEAG nicht wie gefordert die Unterlagen eingereicht“, sagt Schuster, der selbst in dem Gremium der GL sitzt, der taz.
Nicht zuletzt von der LEAG wird abhängen, wie viel Wasser nach dem Kohleausstieg in Berlin ankommen wird. Und wie viel Geld überhaupt für die Renaturierung des Tagebaus vorhanden sein wird. Denn inzwischen hat der Bergbaukonzern, der einem tschechischen Milliardär gehört, seine Holding neu strukturiert. Der gewinnträchtigen Grünen Sparte steht nun eine immer defizitärere Braunkohlesparte gegenüber.
Was, wenn die LEAG diese Braunkohlesparte in die Insolvenz schickt, fragen Grüne und Umweltverbände seit Jahren. Sie fordern, die Beihilfen für den Konzern in eine Stiftung zu überführen.
Die Antwort der Politik? Beredtes Schweigen.
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