Atommüllzwischenlager in Gorleben: Bürgerinitiative will keine Beteiligungssimulation
Die Betreiberin muss sich das Zwischenlager Gorleben über 2034 hinaus genehmigen lassen – und will Bürger mitreden lassen. Gegner sind skeptisch.
Behörden und Betreiberin haben, so hat es zumindest den Anschein, aus dem gescheiterten Endlager-Projekt in Gorleben gelernt. Statt wie in der Vergangenheit einen Atommüll-Standort von oben durchzudrücken, wollen sie nun die Bürgerinnen und Bürger einbeziehen. Als erster Testlauf soll die Verlängerung der Betriebserlaubnis für das Zwischenlager von hochradioaktiven Abfällen in Gorleben dienen. Umweltschützer aber kritisieren das jetzt gestartete Verfahren als „Beteiligungssimulation“.
Eigentlich sieht das Standortauswahlgesetz vor, dass bis 2031 feststeht, wo das Atommüllendlager entstehen wird. Tatsächlich aber wird sich die Suche noch Jahrzehnte hinziehen. Und bis das Endlager dann gebaut ist und befüllt werden kann, dauert es wohl bis ins nächste Jahrtausend.
Das hat Konsequenzen für die Zwischenlagerung der hochradioaktiven Abfälle. Sie müssen viel länger als geplant in den insgesamt 16 oberirdischen Hallen verwahrt werden – diese stehen an den Standorten der abgeschalteten Atomkraftwerke sowie in Gorleben (Niedersachsen), Ahaus (Nordrhein-Westfalen) und Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern).
Diese Zwischenlager wurden allerdings nur für bis zu 40 Jahre genehmigt. Als erstes wird die Betriebserlaubnis für das Zwischenlager Gorleben auslaufen – und zwar im Jahr 2034. Dort strahlen, verteilt auf insgesamt 420 Stellplätze, 113 Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen vor sich hin. Insgesamt befinden sich in den deutschen Zwischenlagern etwa 1.750 Castoren.
Genehmigungsverfahren in Gorleben eingeläutet
Der Betreiber der Anlage, die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), hat jetzt das Genehmigungsverfahren für eine verlängerte Zwischenlagerung in Gorleben eingeläutet und will auch die Öffentlichkeit beteiligen. Bürger:innen, die ihren Wohnsitz im Landkreis Lüchow-Dannenberg haben, können sich bis zum 18. Januar 2026 für die Teilnahme in einer sogenannten Dialoggruppe bewerben. Sie erhielten eine fachliche Einordnung und könnten dann den weiteren Prozess mitgestalten, teilte die BGZ mit.
Geplant sei, dass sich die Gruppe im kommenden Jahr viermal trifft. Sie soll aus 25 Personen bestehen, darunter Vertreter:innen zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie von Vereinen und Gruppierungen in der Region. Weitere acht Personen sollen dazu gelost werden.
In der Dialoggruppe kämen „idealerweiseunterschiedliche Perspektiven zusammen“, so die BGZ. Ein erstes Treffen ist für den 19. Februar angekündigt. Außerdem plant die BZG öffentliche Veranstaltungen für alle Interessierten aus der Region, bei denen ebenfalls Informationen zur verlängerten Zwischenlagerung im Fokus stehen sollen.
Bürgerini kritisiert das Verfahren
Diese Einladung zum Dialog hat die örtliche Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg auf den Plan gerufen. „Gegen einen regionalen Dialog zu den Problemen der Zwischenlagerung für die nächsten 100 Jahre spricht natürlich nichts“, sagt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Allerdings sei das Timing fragwürdig und das Wort „Beteiligung“ irreführend.
Die Bürgerbeteiligung werde nicht viel bringen wird, fasst Ehmke die Kritik der BI zusammen: Die Gesellschaft für Zwischenlagerung wolle bis Mitte 2026 die Betriebsverlängerung beantragen, die Treffen der Dialoggruppe seien jedoch bis Ende des Jahres angesetzt. Die Dialoggruppe bleibe bei dem Antragsverfahren also praktisch außen vor. Tatsächlich gebe es keinerlei Mitwirkungs- und Mitspracherechte für die Öffentlichkeit.
Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Danneberg
„Ein neues Zwischenlagerkonzept muss mit tatsächlichen Mitentscheidungsbefugnissen der Zivilgesellschaft erarbeitet werden“, fordert Ehmke stattdessen. Der springende Punkt sei die finanzielle Ausstattung für Gutachten und für juristischen Beistand einer solchen Begleitgruppe.
Die BI will sich deshalb nicht für einen Platz in der Dialoggruppe bewerben. „Sollte unsere fachlichen Anregungen und Fragen von Interesse für die Dialoggruppe oder die geplanten Veranstaltungen sein, werden wir uns einer Einladung dennoch nicht verschließen“, sagt Ehmke.
Sicherheitskonzepte im Fokus der neuen Zwischenlager
In dem neuen Genehmigungsverfahren in Gorleben dürfte es vor allem um Sicherheitsaspekte gehen. Das Zwischenlager wurde nach einem älteren Konzept gebaut, von möglichen Drohnenangriffen und -abstürzen etwa war damals noch nicht die Rede. Die Außenwände der Lagerhalle sind daher auch nur etwa 50 Zentimeter dick, die Betondecke der Halle hat eine Dicke von lediglich 20 Zentimetern. Neuere Zwischenlager wie das in Lubmin weisen dagegen Wand- und Deckenstärken von deutlich über einem Meter auf.
Im vergangenen Jahr wurde aber mit dem Bau einer zehn Meter hohen zusätzlichen Schutzmauer um das Zwischenlager begonnen. Ab März 2026 soll über den Gorlebener Atomanlagen ein von Atomkraftgegnern seit langem gefordertes Überflugverbot gelten.
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