Seegraswiesen unter Druck: Kollabiert die Lunge des Mittelmeers?
Seegraswiesen erfüllen wichtige Aufgaben in Meeren und für das Weltklima. Durch Klimakrise und Schifffahrt stehen sie massiv unter Druck.
Wer vor den Inseln des südfranzösischen Mittelmeer-Naturschutzgebietes Port-Cros schnorcheln geht, taucht in eine andere Welt ab. Weite Seegraswiesen breiten sich vor den Taucherbrillengläsern aus, Schwärme von Mönchsfischen und schillernde Brassenarten schwimmen vorbei. Sogar einzelne vom Aussterben bedrohte Wrackbarsche tummeln sich am Meeresgrund.
Doch die Unterwasserwelt hier in Südfrankreich leidet in Zeiten des Klimawandels. Marine Hitzewellen bedingen ein immer größeres Artensterben. Betroffen sind auch Seegraswiesen. Ein Problem. Schließlich gelten die als Lunge des Mittelmeers.
Grüße vom Katamaran „Waka Okeanos“: Eine Gruppe von Nachwuchsjournalist*innen hat eine Woche lang auf dem Boot im französischen Mittelmeer recherchiert, um mehr über die Krise der Ozeane zu lernen. In ihrer Berichterstattung angeleitet wurden sie von Journalismus-Professor Torsten Schäfer, der an der Hochschule Darmstadt unterrichtet. Das Projekt wurde von der Stiftung Okeanos unterstützt. Die taz veröffentlicht die Ergebnisse als Medienpartnerin.
„Mit dem Seegras lebt und stirbt das Mittelmeer“, betont Manuel Marinelli. Der österreichische Meeresbiologe hat das Project Manaia ins Leben gerufen, das sich den Schutz und die Aufforstung der Seegraswiesen zum Ziel gesetzt hat. Seit acht Jahren schon ist Marinelli mit seinem Team auf dem Mittelmeer unterwegs. Dabei vermessen sie, ob die Seegrasbestände kleiner oder größer, dünner oder dichter werden. „Unterm Strich sieht es leider so aus, dass wir von einem Jahr auf das nächste ungefähr 20 Prozent an Seegras verlieren“, erzählt der Forscher.
Ein großer Verlust, denn Seegraswiesen können weitaus mehr als sich im Rhythmus der Wellen zu bewegen. Sie produzieren große Mengen an Sauerstoff und binden dabei Kohlenstoff, etwa 83 Millionen Tonnen pro Jahr. Auch für den Klimaschutz sind sie deshalb wichtig.
Klimawandel und Yacht-Fahrer*innen
Die bandartigen Blätter halten außerdem Mikroplastik auf, bevor es weiter ins Meer hinaustreibt. Das starke Wurzelgeflecht der Pflanzen im Sand trägt zur Stabilität der Küsten bei. Zudem können Seegraswiesen die Wellenkraft um ungefähr 40 Prozent senken, können also Überschwemmungen abmildern. Und nicht zuletzt sind sie im Mittelmeer das ganze Jahr lang vorhanden und stellen gerade im Winter einen besonderen Lebensraum für viele Lebewesen dar.
Beim Blick von oben durch das klare Wasser wiegen sich die Seegrashalme im sanften Takt der Wellen und ähneln einem weichen Kissen. Doch der Eindruck von unberührter Natur trügt. Auch im Naturschutzgebiet Port-Cros leidet das Seegras.
Die Art, die hier im Mittelmeer vorkommt, heißt Neptungras oder Posidonia oceanica. „Es gibt eine Menge an Bedrohungen für Posidonia“, sagt Alain Barcelo, wissenschaftlicher Leiter des Nationalparks Port-Cros. „Wir sehen einen linearen Rückgang in den Buchten bei Port-Cros und wir können den Trend nicht rückgängig machen. Wir verstehen immer noch nicht alles.“
Neben der Erderwärmung stellt auch die unachtsame Ankertätigkeit von Yachten und Kleinbooten eine Bedrohung für die Seegraswiesen dar. „Wenn wir die Regelungen zum Ankern strenger machen, werden sich die Probleme verbessern“, so Barcelo.
Doch neue Regeln allein seien keine Lösung, fürchtet Manuel Marinelli. „Jedes Gesetz ist nur so gut wie die Kontrolle dahinter“, so der Meeresbiologe. Auf Ibiza ist Posidonia sogar Unesco-Weltnaturerbe. In anderen Ländern gelten auch Regelungen zum Schutz der Seegraswiesen. „Theoretisch ist die Art unantastbar. Praktisch interessiert es niemanden“, sagt Marinelli. Im Mittelmeer sei rund ein Drittel allen Lebens direkt abhängig von Posidonia. Deshalb sei es so wichtig, junge Generationen aufzuklären, weshalb Seegras geschützt werden sollte.
Kann sich das Seegras im Mittelmeer anpassen?
All die Aufklärung reicht jedoch nicht aus, wenn das Klima nicht mitspielt. „Seegras im Mittelmeer scheint bei 30 oder 31 Grad seinen Kipppunkt zu erreichen. Wir waren an Buchten in Sardinien, die wunderschönes Seegras hatten. Ein paar Tage später waren wir wieder da und die Wiese war tot“, erzählt Marinelli. Müsste es resilientere Seegrasarten geben, wenn das Klima immer wärmer wird?
In deutschen Gewässern forscht hieran bereits das Projekt Sea Store. „Da es im Meer bestimmte Habitate wie Lagunen oder Sandbänke gibt, die im Sommer sehr warm werden, lassen sich von dort Spenderpopulationen auswählen, die 2 bis 3 Grad mehr aushalten als andere Populationen“, sagt Meeresbiologe Thorsten Reusch. Er forscht am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.
Die noch bevorstehende Aussaat angepasster Populationen werde allerdings ein langer Prozess sein. Seegras wächst nämlich nur etwa 2 bis 3 Zentimeter pro Jahr. Nach Forschungen des Sea-Store-Projekts dauert es ungefähr 12 bis 18 Jahre, bis eine neue Seegraswiese die maximale Menge an Kohlenstoff binden kann.
„Das Bewusstsein für den Seegrasschutz wird besser“, erzählt der 23-jährige Südafrikaner Dylan Robinson. Er ist Kapitän des Katamarans „Vaka Okeanos“ der Stiftung Okeanos, die sich für Bildung zum Meeresschutz einsetzt. Auf seinem Handy hat er die App Donia. Darauf sind alle Seegraswiesen entlang der mediterranen Küste in einer Karte eingezeichnet. „Wenn wir ankern, achten wir immer darauf, den Anker über Sand und nicht über einer Seegraswiese niederzulassen.“
Allein die Schönheit der Unterwasserwelt bei einem Tauchgang zu bestaunen, könne die Sensibilität zum Umweltschutz stärken, findet Robinson. Er zieht seine Flossen an und taucht mit geschmeidigen Wellenbewegungen in die Tiefe.
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