: Mehr Hoffnung als Wahrheit
Jenseits des Fußballs stagniert der deutsche Frauenteamsport. Der deutsche Handballmeister HB Ludwigsburg meldet drei Monate vor der Heim-WM Insolvenz an. Auch bei den Basketballerinnen und Volleyballerinnen bewahrheiten sich Wachstumsversprechen nicht

Von Frank Heike
Der Start ins Halbjahr des Frauenhandballs misslang. Statt „Hands up for more“, so der Slogan der WM, die der Deutsche Handballbund (DHB) zusammen mit den Niederlanden am Jahresende austrägt, legte man in Ludwigsburg die Hände in den Schoß und ging in die Insolvenz.
Nun startet die Handballbundesliga der Frauen (HBF) an diesem Wochenende mit elf Teams in die Saison 2025/26. Ein großer Teil der Nationalmannschaft verdiente sein Geld dort, musste sich neue Klubs suchen, den Lebensmittelpunkt verlegen. Die ganze Szene ist aufgeschreckt und fragt sich, warum in Deutschland als Teamsport offenbar nur Fußball bei Frauen und Männern funktioniert.
Wer die Möglichkeiten des (halb)-professionellen Frauen-Teamsports hierzulande beschreiben will, spricht – vor allem, wenn es Fachleute von Unternehmensberatungen sind – gern vom „Wachstumspotenzial“. Das klingt gut. Doch dieser Terminus ist trügerisch, sagt er doch nur wenig aus: Wer sich im Handball, Basketball oder Volleyball in den Frauen-Bundesligen mit einem geringen Etat über die Runden quält, hat natürlich theoretisch die Chance, ein höheres Budget zu erwirtschaften. Ergo: „Wachstumspotenzial“.
Auch dem deutschen Frauenhandball attestiert die Verbandsspitze des DHB im Jahr der Heim-WM ein solches, untermauert vom „Gender Shift“, dem gesellschaftlichen Trend zur Gleichstellung. Da kam die überraschende Insolvenzankündigung des Meisters aus Ludwigsburg Ende Juli zur Unzeit. Sechs Nationalspielerinnen haben inzwischen einen neuen Verein gefunden, nachdem der renommierte Klub seine Profis um die erfahrenen Xenia Smits und Antje Döll Anfang August für Wechsel freistellte. „Wir haben uns alle hier sehr wohlgefühlt“, sagte Smits, die aktuelle Handballerin des Jahres. Inzwischen ist sie nach Metz gewechselt.
Zwar hatte Ludwigsburg die HBF vor Abgabe der Lizenzunterlagen am 1. März informiert, das Budget wegen Marketingverschiebungen beim langjährigen Hauptsponsor „Olymp“ (Herrenoberhemden) kürzen zu müssen. Die Liquidität sei bis Ende der Saison jedoch gewährleistet. Und auch in die neue Saison werde man starten – mit vermindertem Etat. Das war aber wohl mehr Hoffnung als Wahrheit.
Auch Andreas Thiel, der ehrenamtliche Präsident der HBF, wurde von der Ludwigsburg-Pleite überrascht. „Unseren Wachstumskurs befördert das sicher nicht“, sagt der erfahrene Jurist und bittet um Geduld. Thiel, 65 Jahre alt, früher ein Torwart der Weltklasse, wehrt sich schon lange gegen zu hohe Erwartungen und zeitgeistige Versprechungen: „Der Frauenteamsport mit Ausnahme des Fußballs ist in Deutschland ein Mauerblümchen.“
Bezogen auf den Bundesligahandball zeige sich das schon an durchschnittlichen Etatzahlen – 1,35 Millionen Euro beträgt das durchschnittliche Budget dort. In der zweiten Liga der Männer sind es 2,5 Millionen Euro. Stolz hat die HBF in diesem Jahr einen Namen-Sponsor präsentiert (Alsco Berufsbekleidung). Deren Engagement pro Jahr bewegt sich bei einem Zehntel dessen, was die HBL von Daikin bekommt.
Der Ludwigsburger Kollaps hat die strukturellen Probleme des professionellen Frauensports in Deutschland offengelegt. Eine stabil gewachsene Bundesliga stellt aktuell keine größere Sportart auf die Beine; im Basketball zog sich Traditionsverein BG Göttingen aus dem Oberhaus zurück, weil 100.000 Euro am benötigten Etat von 250.000 Euro fehlten. Im Volleyball wurden sogar die Anforderungen heruntergeschraubt und Vorgaben gelockert, um genug Klubs in die vermeintliche Eliteklasse zu locken. Im Tischtennis und Eishockey gibt es ähnliche Beispiele; Klubs verzichten wegen zu hoher Kosten und Anforderungen auf die Champions League oder Ligen tun sich länderübergreifend zusammen, um einen Spielbetrieb zu gewährleisten.
Die Soziologin und Genderforscherin Fabienne Bartsch von der Deutschen Sporthochschule Köln sieht in den vielfältigen Problemen des Frauensports in Deutschland die Folge einer Monokultur. Die mangelnde Präsenz von Frauen im Sport, sagte die Wissenschaftlerin der ARD-„Sportschau“, habe sich „institutionell verfestigt – sowohl in den finanziellen als auch in den medialen Strukturen des Sports“. ARD und ZDF tragen eine Mitschuld. Weder die heimische Hockey-EM noch die vergangene Handball-WM gab es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Dort wird lieber die 3. Fußball-Liga gezeigt.
Auch auf europäischer Ebene hat man sich Gedanken darüber gemacht, den parallelen Weg zu verlassen. Bei einem Hintergrundgespräch in Wien sagte EHF-Präsident Michael Wiederer jüngst bezogen auf die European League, man möge bei den Frauen wieder kleiner denken, um geeignete Formate und Settings zu entwickeln. Alles den Männern anzugleichen, aber weder Publikum noch Sponsoren und Preisgeld in ausreichender Höhe zu erreichen, sei letztlich sinnlos.
Für Thiel ist das vollkommen logisch: „Es ist einfach nicht genug Geld im System Frauenhandball. Ich bekomme Wachstum nur über Hauptamtlichkeit in den Vereinen. Das Hauptamt muss ich aber bezahlen, sonst ist es wie vergangene Saison bei uns in Leverkusen: Drei bis fünf Leute kümmern sich vor jedem Spiel um alles, vom Catering bis zum Hallenboden. Ehrenamtlich. Die geben nur. Und bekommen wenig.“
Bayer 04 Leverkusen mit Trainer Michael Biegler wagt nach dem Abstieg gerade einen Neuanfang in der zweiten Liga – die durch ihre Eingleisigkeit viele Klubs vor finanzielle und organisatorische Herausforderungen stellt, wenn Reisen von Flensburg nach Regensburg zum Spielbetrieb gehören.
Standards anheben, ohne die Vereine „mitzunehmen“, funktioniert nicht. Eine von oben, also von den Ligen-Vereinigungen diktierte Professionalisierung findet unten nur Anklang, wenn sie machbar ist – und den Vereinen konkrete Vorteile bringt. Sonst entstehen die klassischen Vorwürfe der Fläche an die Zentrale.
Gerade die gesunden, traditionsbewussten Nordklubs im Frauenhandball, Buxtehude und der VfL Oldenburg, schütteln oft den Kopf, was sie alles machen sollen. Sie haben das Gefühl, selbst am besten zu wissen, was bei ihnen nötig und möglich ist, um Profihandball an ihren Standorten zu bewahren. Oft werden die Vorgaben aus der Zentrale als Bevormundung begriffen.
Andreas Thiel, HBF-Präsident
Das hat die HBF schon begriffen. Es funktioniere einfach nicht, den Frauenteams Standards wie im Männersport vorzuschreiben (Boden, Banden, Marketing, Social Media), sagt Thiel, da vergleiche man Äpfel mit Birnen: „Wir öffnen unseren Klubs alle Türen und geben ihnen bei der Professionalisierung mehr Zeit.“ Schon der einheitliche Bodenbelag war über Jahre ein großes Diskussionsthema im Handball. Andererseits muss es der HBF missfallen, wenn das Tempo der Klubs allzu langsam ist.
Was Andreas Thiel überhaupt nicht gefiel oder gefällt, ist der Trend in der Liga, den anderen Klubs nicht das Schwarze unterm Nagel zu gönnen und das auch deutlich auszusprechen. Die Aussagen vom Thüringer HC, dessen Trainer Herbert Müller davon sprach, Ludwigsburg habe sich Titel „erschlichen“, gingen seiner Meinung nach zu weit und am Ziel vorbei: „Man tritt nicht noch auf Gefallene. Wir sollten nicht unser aller Produkt beschädigen. Da haben wir als HBF noch viele Meter zu gehen.“ Anders als die Kollegen bei der HBL, wo solche Ausfälle zur Seltenheit geworden sind – allerdings auf der Basis ganz anderer Wachstumspotenziale.
Bleibt die Frage, welche Wirkungen der tiefe Fall der HB Ludwigsburg auf das Nationalteam bei der Weltmeisterschaft hat – diese soll ja den ganzen Frauenhandball auf ein neues Niveau heben; sie erscheint dadurch schon jetzt von Erwartungen überfrachtet. Während Thiel meint, das dürfe auf Profis keinen Einfluss haben („Sie sind über Wochen in der DHB-Blase, da spielt das keine Rolle“), ist DHB-Sportvorstand Ingo Meckes skeptischer: „Sie waren in einem stabilen Umfeld, spielten in einem Topteam, hatten ihren sicheren Bereich. Jetzt müssen sie sich anderswo schnell zurechtfinden. Das ist für die WM nicht optimal und wird Auswirkungen haben.“
Bezogen auf einen allgemeinen Qualitätsschub im Frauenhandball könnte der Einstieg der großen Marken Kiel, Magdeburg, Flensburg hilfreich sein. Der Fußball macht es vor: Zehn der zwölf Teams dort sind querfinanzierte Ableger von Männer-Bundesligisten. Im Handball sehen die Macher vor Ort das nicht als Lösung an – die meisten Männer-Etats sind derart auf Kante genäht, dass kein Cent für ein mögliches Frauenteam übrig bliebe.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen