Umweltschutz in Ukraine: Wie sich die Zivilgesellschaft für einen Wald einsetzt
In Charkiw in der Ostukraine leisten Bewohner:innen Widerstand gegen eine Kiesgrube. Sie wollen ihr Land ökologisch wieder aufbauen.

Auf dem Weg dorthin fallen Flugblätter auf, die an Masten und Straßenschildern angebracht sind. „Sie wollen uns den Wald und den Erholungsort wegnehmen“, ist darauf zu lesen. Sie warnen vor einer Abholzung von 11 Hektar Kiefernwald, einem beliebten Ausflugsziel der Bewohner von Charkiw.
Beliebt ist das Waldstück bei der Bevölkerung, weil es nahe gelegen ist und direkt an einen Baggersee grenzt. Hier kann man im Sommer baden, sich sonnen oder im Kiefernwald mit den Kindern picknicken. Die vielen Flugblätter zeigen, dass hier eine Initiative von Waldschützern am Werk ist, die in der Bevölkerung verankert ist. Die 11 Hektar Wald sollen einer Sandgrube weichen.
Die taz besuchte Swetlana Kuraksina, die selbst in Schichar lebt und vor Ort die Proteste gegen die geplante Rodung, juristische Auseinandersetzungen und den Kontakt mit den Behörden koordiniert. Seit Frühjahr 2024 stehen sich Umweltschützer und Anwohner auf der einen Seite und die Firmen „Fabrik Baumaterialien Charkiw“ und „Karjer Osnova“, die für die „Fabrik Baumaterialien Charkiw“ Sand abbaut, auf der anderen Seite, gegenüber. Denn da war bekannt geworden, dass die beiden Firmen lang gehegte Pläne einer Erweiterung der Sandgrube umsetzen wollen. Dafür soll das Forstunternehmen Schovtne Lisove Gospodarstvo den Wald roden. Gegenüber der taz bestätigte die staatliche Forstbehörde Derschlisagentstvo, dass sie dem Forstunternehmen Schovtne Lisove Gospodarstvo eine „Sondernutzung zur besonderen Nutzung der Waldressourcen“ gewährt habe, also das Recht, Holz zu schlagen.
Entscheidende Versammlung am Freitag
Regelmäßig versammelt Swetlana Kuraksina Umweltschützer und AnwohnerInnen auf dem besagten Waldstück, um gegen die Rodungen zu protestieren. Vielschichtig ist der Kampf der Umweltschützer*innen und Anwohner*innen für den Erhalt ihres Waldes. Sie stehen im Kontakt mit der Militärverwaltung, den örtlichen Behörden, dem Bürgermeister Ihor Terechow, der Bezirksverwaltung, dem Ministerium für Umwelt und natürliche Ressourcen und der Forstbehörde.
Im Juli 2024 hatte die Militärverwaltung Charkiw versucht, im Streit zwischen Anwohnern und Umweltschützern auf der einen Seite und den Betreiberfirmen auf der anderen Seite zu schlichten. Erfolglos. Umweltschützer und Anwohner wollten sich nicht auf den Vorschlag der Firmen „Fabrik Baumaterialien Charkiw“ und „Karjer Osnova“ einlassen. Diese hatten bei dem von der Militärverwaltung organisierten Gespräch angeboten, in das Naherholungsgebiet Schichar zu investieren und Bäume an einer anderen Stelle zu pflanzen, wenn Umweltschützer und Anwohner im Gegenzug ihren Widerstand gegen die Erweiterung der Sandgrube und die Rodungen aufgäben.
Nun ist für Freitag, den 4. April, eine neue Anhörung geplant. Bei dieser werden alle Beteiligten zu Wort kommen: die Anwohner*innen, die Umweltschützer*innen, die lokalen Behörden und Vertreter des in Kiew angesiedelten Ministeriums für Umwelt und natürliche Ressourcen, und der ebenfalls in Kiew angesiedelten Forstbehörde. Doch auch dabei ist keine Einigung zu erwarten. Zwar ist es für die Umweltschützer*innen und Anwohner*innen erfreulich, dass Bürgermeister Ihor Terechow, die Bezirksverwaltung und der örtliche Parlamentsabgeordnete Alexandr Bakumow auf ihrer Seite sind. „Aber Forstbehörde, Umweltministerium und Gerichte entscheiden im Sinne der Betreiberfirmen“ so Kuraksina.
Aktuell wird nicht gerodet. „Die ‚Karjer Osnova‘ führt keine Rodungen im Rayon Schichar der Stadt Charkiw durch“, teilte denn auch Anschelika Udalowa, die Direktorin der „Fabrik Baumaterialien Charkiw“, schriftlich mit. Für den Fall, dass doch gerodet wird, haben die Waldschützer schon einen Plan B. „Wenn sie wirklich roden werden, werden wir den Wald mit unseren Körpern schützen“, kündigt Kuraksina an. „Und an der Blockade der Fahrzeuge der Rodungsfirma werden sich auch einheimische Soldaten mit Fronterfahrung beteiligen.“
Die Ukraine ökologisch wieder aufbauen
Kuraksina ist Optimistin. Sie lächelt viel und ist fest davon überzeugt, dass der Krieg bald enden wird. Sie weiß, wovon sie spricht: Ihr Mann wurde vor knapp drei Jahren von einer russischen Splitterbombe getötet, ihr Sohn kämpft an der Front. „Wir müssen jetzt schon den Wiederaufbau vorbereiten, und dieser muss ökologisch sein“, sagt sie entschlossen. „Im Umweltschutz gibt es keine territorialen Grenzen. Wenn wir in Charkiw schlechte Luft und verschmutztes Wasser haben, betrifft das auch euch in Europa. Nur gemeinsam können wir auf dieser Welt überleben.“
Und sie hat schon ein weiteres Aufgabenfeld, den Kampf gegen das geplante Fracking in der Nähe von Charkow, wie Charkiw von ihrer russischsprachigen Bevölkerung genannt wird. Anfang der Woche war bekannt geworden, dass mit der umstrittenen Fracking-Methode im Gebiet Charkiw nach Gas gebohrt werden soll. Aus Furcht um die Trinkwasserqualität haben erschreckte Anwohner sofort eine Protestveranstaltung organisiert. Und auch in der zu erwartenden Auseinandersetzung um das Fracking-Gas steht Bürgermeister Ihor Terechow bei den Anwohnern. Er sei auf der Seite der vor Ort lebenden Menschen, zitiert das Portal Mediaport.ua den Bürgermeister. „Wichtige Entscheidungen dürfen nicht hinter dem Rücken der Menschen getroffen werden.“
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