: Energie für die Freiheit
Russland greift in der Ukraine gezielt die Energieinfrastruktur an. Nun wird umgebaut: erneuerbarer, dezentraler. Das soll nicht nur die Umwelt schützen, sondern auch das Land sicherer machen

Aus Sheptyskyi, Sokal, Schitomir und Koblewe Bernhard Clasen und aus Berlin Nick Reimer
Mehr als 80 Mal ist das Kraftwerk von Kurachowe im Osten der Ukraine seit Kriegsbeginn beschossen worden. Für den Energiekonzern DTEK – übersetzt Donbass-Treibstoff-Energie-Gesellschaft – ist Beschuss mittlerweile nichts Neues mehr. 28 Kraftwerksblöcke betreibt oder betrieb DTEK in verschiedenen Städten der Ukraine, fast alles Kohle, ein bisschen Gas. Die Firma ist Arbeitgeberin für 55.000 Menschen im Land. Alle Blöcke, die der Firma gehörten, wurden seit Beginn des russischen Angriffskrieges mindestens einmal zerstört.
Die russischen Angriffe zielen seit Beginn der Invasion besonders auf die Energieversorgung der Ukraine. Krankenhäuser, Schulen und öffentliche Verwaltungsgebäude sind von regelmäßigen Stromabschaltungen betroffen. Weil zentrale Energieinfrastruktur beschädigt ist, sind die Abschaltungen unumgänglich geworden.
Immer mehr greift in der Ukraine die Erkenntnis um sich, dass dezentrale und erneuerbare Energiequellen mehr Versorgungssicherheit bieten. Gerade bei regelmäßigen russischen Luftangriffen auf das Energiesystem. „Natürlich können auch Windräder zerstört werden“, sagt Dmytro Sakharuk, Manager von DTEK. Aber wenn ein Windkraftwerk kaputt ist, stehen die anderen noch. Millionen von Solarzellen komplett zu vernichten, ist nahezu unmöglich. Ein Fossilkraftwerk lässt sich dagegen schon mit einer Raketen zerstören.
Diese Erkenntnis hat selbst große Konzerne wie DTEK zum Umdenken gebracht. Mehr als ein Viertel der ukrainischen Stromerzeugungskapazität hängt an dem Unternehmen. „Bei uns steht nicht der Klimaschutz im Vordergrund, sondern die Versorgungssicherheit“, sagt Sakharuk. Fossilkraftwerke seien mit weithin sichtbaren Kühltürmen leicht anvisierbare Orte. „In Windparks arbeiten dagegen kleine Einheiten auf großer Fläche. Deshalb setzen wir voll auf erneuerbare Energien.“
Inzwischen betreibt DTEK Windräder mit einer Leistung von gut 2.000 Megawatt. Der Windpark Tyligulska in der Region Mykolajiw ist einer der größten in Osteuropa, knapp 100 Kilometer von der Front entfernt. Zudem versuchen DTEK-Mitarbeiter immer wieder, getroffene Fossilkraftwerke zu reparieren. Das ist oft langwierig, weil bestimmte zerstörte Bauteile nicht handelsüblich und deshalb schwer zu beschaffen sind: Transformatoren, Turbinen, Generatoren. Sie müssen oft erst bestellt werden, nicht selten dauert es zehn Monate, bis zerstörte Kraftwerke wieder Strom liefern können. Und die erfolgreiche Reparatur ist oft nicht von langer Dauer. Irgendwann treffen die Russen erneut.
Seit Beginn der Invasion hat der Konzern, der zum Imperium des ukrainischen Milliardärs Rinat Achmetow gehört, nach eigenen Angaben bereits mehr als eine Milliarde Euro in die Ukraine investiert, viel davon in Windenergie. Allerdings bleibt ein Dilemma: „Investieren können wir nur, wenn wir Strom auch verkaufen“, so Sakharuk. Wenn also Geld in die Kassen kommt. Aber ob der Strom die Kunden erreicht, liegt nicht nur in der Hand des Konzerns. Denn die Russen attackieren nicht nur Strom produzierende Kraftwerke, sondern auch Energie-Infrastruktur wie Umspannwerke oder Überlandleitungen.
Einige der Projekte für Wiederaufbau und Umbau werden nicht nur von privaten Firmen getragen, sondern auch im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit unterstützt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) etwa fördert neben konkreten Anlagen auch die Ausbildung von Fachkräften. „Der Mangel an qualifizierten Fachkräften im Bereich Energie ist eine Herausforderung“, sagt GIZ-Mitarbeiter Robert Künne, der vorwiegend von Kyjiw aus Projekte betreut. Viele Menschen haben ihre Heimat verlassen oder kämpfen im Krieg. Das erschwert die Umsetzung von Projekten zur Energiewende und zur Verbesserung der Energieeffizienz.
Die Zerstörung von Energie-Infrastruktur ist laut Expert:innen ein Kriegsverbrechen, weil die Genfer Konventionen und damit humanitäres Völkerrecht verletzt wird. Deshalb hat das Kreml-Regime auch lange Zeit bestritten, für Angriffe auf Kraftwerke, Trafostationen oder Überlandleitungen verantwortlich zu sein. Dann allerdings bot der Kreml in den von den USA vermittelten Gesprächen zu einer Friedenslösung genau das an: auf Angriffe der Energieinfrastruktur zu verzichten. Die Ukraine wirft Russland jedoch vor, dass solche Angriffe unvermindert stattfinden. Der Sicherheitsvorteil erneuerbarer Energien bleibt also relevant.
Bis kurz vor dem Angriff im Februar 2022 war die Ukraine über ein gemeinsames Stromnetz eng mit Russland verbunden. Nur vier Stunden vor Beginn der Invasion hat sich das ukrainische Netz vom russischen abgekoppelt. Das Stromnetz der Ukraine ist jetzt in die EU integriert. Für die Klimabemühungen der Union ist das kein schlechter Deal. Im Jahr 2022 waren mehr als zwei Drittel der in der Ukraine produzierten Elektrizität kohlenstofffrei. Atomkraft produzierte knapp die Hälfte, Wasserkraft steuerte 10 Prozent bei, Wind und Sonne 6 Prozent.
Der Umstieg auf Erneuerbare wurde nun noch einmal beschleunigt: Im Januar 2025 schloss DTEK einen Vertrag mit dem dänischen Windkrafthersteller Vestas über die Lieferung von 64 neuen Windrädern. Die Lieferung der Vestas-Turbinen werde noch Frühjahr beginnen, erklärt DTEK-Vorstand Maxim Timchenko. „Das hilft der Ukraine auch, ihre Klimaverpflichtungen zu erfüllen.“ Im Jahr 2023 betrugen die Pro-Kopf-Emissionen der Ukrainer:innen 3,7 Tonnen, was unter dem weltweiten Durchschnitt von 4,7 Tonnen pro Person liegt. Der neuerliche Rückgang ist auf den Krieg zurückzuführen: Die industrielle Produktion und der Energieverbrauch sanken deutlich – freilich nicht freiwillig.
Nicht nur DTEK setzt in der Ukraine auf Windkraft. So unterschrieb etwa der Potsdamer Projektentwickler Notus 2023 einen Vertrag mit dem ukrainischen Netzbetreiber Ukrenergo über den Bau eines Windparks in der Sperrzone von Tschernobyl. Nach einer Machbarkeitsanalyse bietet die verstrahlte Fläche rund um das 1986 havarierte Atomkraftwerk Potenzial für 1.000 Megawatt Windleistung. Das wäre genug, um halb Kyjiw mit Strom zu versorgen.
Noch vor drei Jahren sei hier Schimmel gewesen, sagt Natalia Jurtschischin und zeigt auf Wände, die inzwischen wieder weiß sind. Jurtschischin ist Direktorin des Gymnasiums von Sokal samt angegliedertem Wohnheim. 20.000 Einwohner hat die westukrainische Stadt, allein 3.500 Personen sind im renovierten Wohnheim untergebracht.
In ihrer Fachschule können Jugendliche ab der 9. Klasse eine Ausbildung machen. Zu Fahrzeugtechnikern, Elektro-Gas-Schweißern, Fliesenlegern, Köchen, Barkeepern oder Schneiderinnen.
Doch unter den Bewohnern des Wohnheims sind nicht nur Auszubildende. Auch Dutzende vertriebene Familien leben dort. Viele Binnenflüchtlinge, die nach dem 24. Februar 2022 auf dem Bahnhof von Lwiw eingetroffen sind, landeten im Wohnheim von Sokal. Manche waren nur ein paar Tage hier, bevor sie weiter Richtung Westen fuhren, andere leben seit fast drei Jahren an diesem Ort. Damals, im Jahr 2022, habe der Durchzug durch die nicht abgedichteten Fenster zu ständigen Erkältungen bei den Bewohnerinen und Bewohnern geführt, sagt Natalia Jurtschischin. Aber dann wurde umgebaut und aus dem alten Gebäude ein modernes mit guter Isolierung. „Bei uns muss niemand frieren“, sagt die Direktorin. Denn Energieunabhängigkeit lässt sich nicht nur durch die Form der Energiegewinnung verbessern, sondern auch indem der Verbrauch verringert wird – durch Sanierung und bessere Dämmung etwa.
Eine Solaranlage und Stromspeicher gibt es hier trotzdem. „Was Sie am Horizont sehen, ist schon Polen“, sagt Jurtschischin, während sie auf dem Dach neben einer Solarpanele steht und in die Ferne blickt. 3.000 Euro Einsparung bei den Stromkosten im Jahr habe der Umbau gebracht.
Schitomir, etwa eine Autostunde von Kyjiw entfernt, ist die ukrainische Vorzeigestadt, wenn es um Erneuerbare geht. Die Stadtoberen haben sich vorgenommen, eine landesweite Vorreiterrolle bei der Förderung grüner Energie einzunehmen. „Bis 2050 wollen wir die Stadt mit erneuerbarer Energie versorgen“, sagt Sergyj Kondratjuk, stellvertretender Bürgermeister der Stadt.
Kondratjuk sitzt in seinem Büro im Stadtzentrum unter einem großen Porträt von John Lennon. „You may say I’m a dreamer, But I’m not the only one“, scheint das Bild auf die Besucher des Rathauses herabzusingen. Das Träumen von einer grüneren Zukunft geschieht hier unter erschwerten Bedingungen. Da ist natürlich der Angriffskrieg. Aber auch die geografische Lage der Kleinstadt ist nicht ganz einfach: Wegen seiner Wälder hat Schitomir wenig Wind. Und auch die Sonneneinstrahlung ist in der Gegend nicht gerade üppig. Trotzdem installiert die Stadt Solar- und Windkraftanlagen. Auch ein größerer Solarpark und ein Blockheizkraftwerk sind in Planung.
Vor allem aber soll gespart werden. Bis 2030 will Schitomir 30 Prozent weniger Energie nutzen. Beim Gasverbrauch hat Schitomir es schon geschafft, ihn um 50 Prozent zu senken. Für die Beleuchtung städtischer Anlagen hat man auf LED-Lampen umgestellt. Die Beleuchtung kostet nur noch die Hälfte dessen, was man vor zehn Jahren bezahlt hat.
Das Chefarztzimmer von Ihor Timnjak ist das Herz der Krebsklinik in der ukrainischen Kleinstadt Sheptyskyi. In diesem Raum wird über den weiteren Behandlungsverlauf der Patienten entschieden, manchmal über Lebenswege. Die Schlange der wartenden Patientinnen und Patienten vor Ihor Timnjaks Tür reicht fast bis zum Haupteingang.
Direkt neben dem Chefarztzimmer im Erdgeschoss öffnet Timnjak eine große weiße Schranktür. Weiße, blaue, schwarze, silberne Kästen sind zu sehen. Eine Unmenge an Kabeln verbindet sie miteinander. Es ist die Schaltstelle der jüngsten Modernisierung des Krankenhauses: zuverlässige Stromversorgung, um die Patienten zu behandeln – in Zeiten des Krieges. Seit Oktober 2024 hat die Klinik eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und einen dazugehörigen Stromspeicher. Wie viele solcher Projekte wurde sie von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – kurz GIZ – finanziert und organisiert. Bei zunehmenden russischen Angriffen auf das ukrainische Stromnetz sei man nun für eventuelle Stromausfälle gerüstet, sagt Chefarzt Timnjak.
Die Installation von Solaranlagen und Batterien stellt zudem die lückenlose Stromversorgung sicher, um Unterbrechungen bei lebenswichtigen medizinischen Geräten zu verhindern. Denn grundsätzlich springen bei Stromausfällen zwar vielerorts Dieselgeneratoren als Notstromgeräte an, doch diese haben oft eine Verzögerung von 15 bis 30 Sekunden. Für manche Patienten kann das schon lebensbedrohlich sein. Ein Beispiel ist etwa die Frühchenstation der Geburtsklinik in Kyjiw mit über 20 Intensivbetten für frühgeborene Babys mit Beatmungspflicht. Wie in der Klinik in Sheptyskyi gibt es dort mittlerweile auch Photovoltaikanlagen und Batteriespeicher, damit ohne Verzögerungen Strom fließt.
Die Photovoltaikanlage auf dem Klinikdach in Sheptyskyi lohnt sich schon jetzt. „Allein in den 20 Oktobertagen, in denen die Anlage in Betrieb war, hat sie 60 Prozent unseres Strombedarfes geliefert“, sagt Timnjak. Auch in den sonnenarmen Wintermonaten danach seien im Durchschnitt rund 50 Prozent des Strombedarfs der onkologischen Abteilung durch die Anlage und den Speicher gedeckt worden, im sonnigen Februar sogar über 95 Prozent.
Strom braucht die Klinik von Sheptyskyi sehr viel. 12.000 Patienten kommen pro Jahr. Allein auf der Krebsstation gibt es jährlich rund 380 Operationen. Zusätzlich zur Energieunabhängigkeit spielt auch das Geld eine Rolle. Die Solaranlage drückt die Energiekosten um rund 4.500 Euro jährlich.
Um die Anlange zu besichtigen, muss man eine schmale Leiter hochklettern und mit gesenktem Kopf durch den Dachstuhl gehen. „Gerade einmal neun Monate hat es von der Entscheidung bis zur Inbetriebnahme der Anlage gedauert“, erklärt Timnjak. Seinen Besuchern klopft er nach dem Aufstieg den Staub aus den Mänteln.
Etwa 70 Tonnen weniger CO2 sollen durch die Umstellung ausgestoßen werden. Grundsätzlich ist man in der Region vom Kohlekraftwerk im 100 Kilometer entfernten Dobrotwir abhängig. Die Ärzte sehen noch einen weiteren Vorteil der erneuerbaren Energien: Die Luft in der Region wird besser durch den Umstieg von Kohle auf Solar, das Krebsrisiko durch Luftverschmutzung sinkt.
Dass die Ukraine eine starke Atomlobby hat, erlebte Nikolaj Bisikow mit voller Wucht. Der ehemalige Bürgermeister wollte zu Beginn des Jahrhunderts, lange vor dem aktuellen Boom der erneuerbaren Energien, zehn Windräder in seiner Gemeinde bauen. Zehn Jahre hat er dafür gekämpft. Bisikow ist schon seit 2015 nicht mehr im Amt, aber sein Kampf prägt die Gegend noch heute.
Zwanzig Jahre lang war Bisikow Bürgermeister eines der Dörfer in der Dorfgemeinschaft Koblewe, 60 Kilometer von Odessa. Bisikow ist überzeugter Atomkraftgegner. Er hat mit seiner Frau für einige Jahre im kasachischen Semipalatinsk gelebt. Dort hatte die Sowjetunion zwischen 1949 und 1989 Atomwaffentests durchgeführt. Studien belegen eine starke Erhöhung von Krebserkrankungen und genetischen Schäden bei Neugeborenen in der Region. Auch Bisikows Frau ist schwer krebskrank. Nikolaj Bisikow ist sich sicher, dass das auf ihre gemeinsame Zeit in Semipalatinsk zurückzuführen ist. Es ist einer der Gründe dafür, warum der Ex-Bürgermeister so überzeugt ist, dass die Ukraine einen grünen Umbau braucht.
Dank Bisikow hat Koblewe nun ein Stück Vorsprung beim Ausbau von Windkraft. Zwölf Dörfer gehören zu der 8.000 Einwohner zählenden Dorfgemeinschaft. 100 Windräder gibt es dort. Nur wenige Hundert Meter von den Windrädern entfernt liegen zwei riesige Felder, die voller Solarzellen stehen. Geld für die Entwicklung von Koblewe schickt die dänische Regierung: Sie finanziert das Büro der Stadtverwaltung.
Die Dorfgemeinschaft will bis 2027 zwei Solarkraftwerke und eine Windkraftanlage bauen. Auch eine Speicheranlage und eine Fabrik für die Produktion und Reparatur von Windrädern ist geplant. Bis 2035 soll es hier eine eigene dezentrale Energieversorgung geben.
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