piwik no script img

Kulturkampf von rechtsZwischen Vielfalt und Qualität

Sollen Bibliotheken auch rechtsextreme Bücher zur Verfügung stellen? Die Zentrale Landesbibliothek von Berlin findet: Ja.

Maximilian Krah steht in der Abteilung „Die Grünen. Piratenpartei. Weitere Parteien“ gleich viermal im Regal Foto: Klarissa Krause

Berlin taz | Die Regale im Lesesaal der Amerika-Gedenk-Bibliothek (AGB) in Berlin-Kreuzberg sind prall gefüllt. Manche Bücher tragen Namen wie „Revolte gegen den Großen Austausch“, „Völkerpsychologie: Was uns unterscheidet“ oder „Alles Einzelfälle: Massenmigration und Sexualdelikte“.

Diese Bücher sind im Antaios-Verlag erschienen, der von dem rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek betrieben wird. Schon seit Jahren versuchen Vertreter der Neuen Rechten, über das Betreiben von Buchclubs, Buchmessen, Zeitschriften und Verlagen Einfluss auf Lesende zu nehmen. In Bibliotheken wird die Aufnahme derartiger Bücher in den Bestand kontrovers diskutiert.

„Bibliotheken haben grundsätzlich immer ein Dilemma zwischen Informationsqualität und Meinungsvielfalt“, sagt der Direktor der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), Volker Heller der taz. Über 3,5 Millionen Medien kann man in ihren beiden Standorten – der AGB und der Berliner Stadtbibliothek – ausleihen.

Die Gewährleistung der Meinungsvielfalt sei für der ZLB sehr wichtig, so Heller. „Wenn man anfängt, zensierend einzugreifen, öffnet man die Büchse der Pandora und kriegt sie nie wieder zu.“ Wohin das führen könnte, sehe man derzeit in den USA. Zudem sei es nötig, rechte Medien bereitzustellen, „damit sich Nut­ze­r*in­nen ein eigenes Bild auch über Meinungen machen können, die sie selbst nicht teilen.“

Bewusster Umgang wichtig

Dieses Anliegen hat auch das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz). Das apabiz ist das umfangreichste öffentlich zugängliche Facharchiv zur extremen Rechten nach 1945. „Wir achten auf den Hintergrund der Recherche, nicht jeder kann bei uns rechtsextreme Zeitschriften lesen“, sagt eine Mitarbeiterin der taz. Man arbeite für Menschen, die sich mit der extremen Rechten beschäftigen und sich gegen diese engagieren.

In der AGB sind mehrere, teilweise sehr zerlesene Bücher des Antaios-Verlages an prominenter Stelle unter der Rubrik „Politik“ zu finden, andere sind ausgeliehen.

„Wir empfehlen Bibliotheken, einen bewussten Umgang mit Werken mit menschenfeindlichen Inhalten zu pflegen“, sagt Simon Brost von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). Man könne zum Beispiel die Nutzung auf den Gebrauch im Lesesaal zu beschränken. Eine Kontextualisierung dieser Medien sei auch empfehlenswert. Beispielsweise könne man ein Themenregal mit Sekundärliteratur zur „Neuen Rechten“ einrichten oder Sticker mit Hinweisen auf diskriminierende Inhalte an den Büchern anbringen.

Die ZLB hält das nicht für nötig. „Publizierte antidemokratische Irrwege“ würden von der Bibliothek aber mit ihrem „öffentlichen Eintreten für eine vielfältige, liberale und demokratische Gesellschaft kommentiert und bekämpft“, führt Heller aus. Dazu gehöre auch die Bildungsarbeit, die man durch vielfältige Veranstaltungen in der Bibliothek leiste.

Bei der „Nacht der Bibliotheken“ am Freitag beispielsweise können sich Groß und Klein in der ZLB ab 13 Uhr über Fake News informieren.

Mit reinem Gewissen wissen

Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Naiv, ziemlich fahrlässig gar. Das allgemeine Engagement und Veranstaltungen geht an der Masse vorbei, die nur ihren Alltag lebt. Die Abgedrifteten freuen sich, dass es ihre Fake News in den normalen Kanon geschafft haben, die anderen sind irritiert - bestenfalls. Wenn dann geht es nur durch deutliche Kontextualisierung, Berichtigung, Einordnung in reale Debatten. Deren Perspektiven in denen mögliche Wahrheiten hart erörtert werden sind die tatsächliche Meinungsfreiheit. Bedeutungsverschiebungen sind das nicht.

  • Man sollte durchaus genauer hinsehen, damit man Meinungsvielfalt und -freiheit nicht einschränkt, aber Hetze und Lügen sind nun mal keine Meinungen.

    • @Ciro:

      Sie widersprechen sich selbst.



      Denn was Hetze und Lüge ist, darüber gehen ja schon die Meinungen auseinander.



      Friedrich Merz und seine Anhänger werden es wahrscheinlich auch als Hetze und Lüge empfinden, wenn er als Lügner und Wahlbetrüger bezeichnet wird.



      Wobei tatsächliche Hetze justiziabel ist, da steht jedem der Rechtsweg offen.



      Aber was ist Lüge ?



      Soll das in Zukunft ein Wahrheitsministerium festlegen ?



      Und warum ?



      Zumal die meisten Lügen eh niemanden interessieren.



      Soll sich tatsächlich ein Gericht damit befaßen, weil jemand glaubt, die Erde sei eine Scheibe ?



      Dann müßten in letzter Konsequenz alle Religionen verboten werden, denn die basieren nun mal auf Glauben, können aber nichts davon beweisen.