Film „Flow“ von Gints Zilbalodis: Eine Katze empört sich
Bei Flut müssen Tiere zusammenhalten: Der für einen Oscar nominierte Animationsfilm „Flow“ trägt sein Publikum durch eine traumhaft reduzierte Welt.
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Als die Wasser immer höher steigen, klettert die dunkelgraue Katze auf eine Katzenstatue, die sich in der Landschaft erhebt. Während schließlich auch die Ohren der Statue in den Wassern versinken, nähert sich in der Abendsonne ein Segelboot. Doch kaum ist die Katze auf den Rand des Boots gesprungen, steht sie vor einem Problem: Sie ist nicht allein. Vom Bug her röhrt irritiert ein Capybara.
Die Katze springt kurz entschlossen ins Innere des Boots. Als das Capybara interessiert auf sie zutapst, hält sie es zunächst mit einem Schlag ihrer Tatze auf Abstand. Dann kratzt sich das Capybara, gähnt und lässt sich auf die Seite fallen, um weiter zu schlafen. Mit dem Nagetier hat die Katze ihren ersten Reisegefährten gefunden, der sie in „Flow“, einem Animationsfilm des lettischen Regisseurs Gints Zilbalodis, begleiten wird.
Eine Flutwelle bedroht die Tierwelt
„Flow“ beginnt mit einem Streifzug der Katze durch eine idyllische Waldlandschaft. In einer verlassenen Hütte eines Bildhauers mit einem Faible für Katzenskulpturen findet sie ein Nachtlager. Als sie am nächsten Tag vor einer Hundemeute flieht, der sie einen Fisch geklaut hat, treibt eine Flutwelle ihr plötzlich alle Tiere des Waldes entgegen.
„Flow“. Regie: Gints Zilbalodis. Belgien/Lettland/Frankreich 2024, 88 Min. Ab 6. 3. 25 im Kino
Bevor sich die Katze retten kann, wird sie von den Fluten mitgerissen. Zunächst sind einige Landstriche noch nicht unter Wasser und wie die übrigen Tiere sucht auch die Katze auf immer enger werdendem Raum Zuflucht – bis ihr schließlich nur noch der Sprung auf das Segelboot bleibt.
Zilbalodis zeigt eine Naturwelt, die vor der Zerstörung steht. Auf den Spuren seiner Protagonistin treibt der Film durch die überspülten Landschaften. Zilbalodis verzichtet darauf, den Tieren Stimmen zu verleihen. Stattdessen besteht eine der Faszinationen des Films darin, wie sich die Tiere mit ihren verschiedenen Verhaltensweisen und Lauten zusammenfinden und lernen, miteinander zu kommunizieren.
Sobald sich die Irritation der Katze über das Capybara gelegt hat, trifft das Boot auf den nächsten künftigen Reisegenossen, einen Lemuren mit einem ausgeprägten Ordnungs- und Besitzsinn. Eifersüchtig wacht der Lemur über einen Korb, in dem er diverse Fundstücke zusammengesammelt hat. Nach und nach findet sich auf dem Segelboot eine Reisegemeinschaft zusammen, zu der neben der Katze, dem Capybara und dem Lemuren noch ein Labrador und ein Sekretär-Vogel gehören.
Niedlichkeit und Magie liegen nahe beieinander
Die Bilder des Films sind ebenso eindrucksvoll wie aufgeräumt. Die Tiere setzen sich mit ihrer angedeuteten Fellstruktur vor den klaren Texturen der Hintergründe wie dem Pflanzengrün der Waldlandschaften oder dem Holz des Schiffes ab wie vor einem Bühnenraum. Immer wieder liegen in den Bildern, die aus diesem Kontrast entstehen, Niedlichkeit und Magie nahe beieinander.
Das wichtigste Gestaltungselement des Films sind jedoch die weit aufgerissenen, orange leuchtenden Augen der Katze, in denen sich feline Empörung über die plötzliche Veränderung der Welt, zaghafte Neugier und Einschüchterung über die Naturgewalten spiegeln.
„Flow“ entstand wie Zilbalodis’ Langfilmdebüt „Away“ (2019) als unabhängiges Ein-Mann-Projekt, bei dem der Regisseur auch das Drehbuch schrieb, den Film produzierte, die Animation verantwortete und sogar die Musik beisteuerte (bei „Flow“ unterstützt vom Komponisten Rihards Zaļupe).
„Flow“ entstand über einen Zeitraum von fünf Jahren zwischen 2019 und 2024, nach dem Pitch des Films auf dem Animationsfilm-Koproduktionsforum Cartoon Movie in Bordeaux stiegen die belgische Produktionsfirma Take Five und das französische Animationsstudio Sacrebleu Productions in die Produktion ein.
Der Unterschied zu fotorealistischen Animationen großer Hollywoodstudios ist zum Beispiel im Verzicht auf die Animation des Tierfells unübersehbar, trägt aber eher zum Charme des Films bei, als dass dies ein Manko wäre. Es braucht einen Moment, bis man sich als Zuschauer auf den Stil eingesehen hat, aber dann überlässt man sich der Welt von der Animation.
Weltpremiere auf dem Filmfestival in Cannes 2024
Zilbalodis’ Langfilmdebüt „Away“ feierte 2019 zwar auf dem wichtigsten Animationsfilmfestival Westeuropas in Annecy Premiere und wurde international ein großer Erfolg, reüssierte aber zunächst vor allem auf Animationsfilmfestivals. Ganz anders „Flow“: Der Film feierte 2024 auf dem Filmfestival in Cannes im Rahmen der Reihe „Un certain regard“ seine Weltpremiere und lief danach auf vielen größeren Festivals der Welt, unter anderem in Toronto, Busan und Melbourne.
Der Film gewann unzählige Preise, darunter den Golden Globe als bester animierter Langfilm und Preise diverser Filmkritikerverbände in den USA. Aktuell ist der Film noch im Rennen um den Oscar als lettischer Beitrag und als bester animierter Langfilm.
Vor seinen beiden Langfilmen hat Zilbalodis insgesamt sieben Kurzfilme realisiert. Zilbalodis’ Talent für die Form des Animationsfilms zeigt sich nicht zuletzt darin, dass von diesen nur der erste, der eineinhalbminütige „Rush“ (2010), rückblickend wie eine Fingerübung wirkt.
Der zweite, „Aqua“ (2012), siebeneinhalb Minuten lang, ist hingegen einer der direkten Vorläufer von „Flow“ und funktioniert bis heute als selbständiger Film. Wie „Flow“ zeigt der Film eine Katze, die vor den Fluten fliehen muss, und wer die beiden Filme vergleicht, wird bis in einzelne Motive hinein wie das Schiff, auf das die Katze springt, große Ähnlichkeiten entdecken.
Die größte Differenz zwischen „Flow“ und allen Vorgängern ist der Stil der Animation. Noch bis „Away“ ist die Animation Zilbalodis deutlich flächiger, die Katze in „Aqua“ besteht gar einfach aus dunklen Flächen mit hellen Umrissen.
Quantensprung in der Animation
Die Animation von „Flow“ ist ein Quantensprung gegenüber den Vorgängern und einer der zentralen Faktoren, die zum Erfolg des Films beigetragen haben. Guillermo Del Toro schrieb kurz nach der Premiere in Cannes zu „Flow“: „Wenn ich mir eine Zukunft des Animationsfilms wünschen könnte, wären diese Bilder ihr großartiger, atemberaubender Anfang.“
Von Animationsfilmen, die nicht explizit als Kinderfilm entstanden sind, wird oft erwartet, dennoch den Spagat hinzubekommen, neben Erwachsenen zumindest auch Kinder anzusprechen – vor allem in einem Land wie Deutschland, in dem die ehemals vorhandene Animationsfilmkultur weitgehend ausgestorben ist und Animationsfilme von Kinobetreibern fast zwanghaft in der Nachmittagsschiene programmiert werden.
Zugleich passiert es bei langen Animationsfilmen nicht selten, dass über der Komplexität der Produktion und den Schauwerten der Animation die Narration vernachlässigt wird und sich erzählerische Durchhänger einstellen.
Wie im Traum durch die Handlung
Gints Zilbalodis’ „Flow“ löst beide Herausforderungen, indem er die Narration auf ein Minimum reduziert und sich vor allem darauf konzentriert, Elemente zu finden, die die Interaktion seiner tierischen Protagonist:innen in Schwung halten und so ihren Reiz zur Geltung zu bringen. Dadurch entsteht ein überraschend kurzweiliger Film, der wie im Traum durch seine Handlung treibt.
Getragen wird der Film ganz von den Welten, die er in seinen Bildern entwirft. „Flow“ ist der rare Fall eines ebenso unterhaltsamen Animationsfilms, der es bei aller Leichtigkeit nicht an Denkanstößen fehlen lässt. Gints Zilbalodis ist ein Glücksfall für den europäischen Animationsfilm und stellt das mit „Flow“ ein weiteres Mal unter Beweis.
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