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Tausche Kindheit gegen Klimaschutz

Die indische Aktivistin Licypriya Kangujam erlebte durch Tropenstürme schon als Siebenjährige, wie verheerend die Folgen des Klimawandels sein können. Seither kämpft sie für mehr Gerechtigkeit – in Madrid, Dubai und auf dem Schulhof

Licypriya mit acht Jahren in ihrem Elternhaus im nord­indischen Noida Foto: Anushree Fadnavis/reuters

Aus Delhi Natalie Mayroth

Vor einem rollenden Kiosk mit Solardach steht Licypriya Kangujam auf dem Schulhof. Auf der Theke reihen sich Töpfe mit Bäumchen, Päckchen mit Reis und Schulsachen. In ihrem Plastic Money Shop können ihre Mit­schü­le­r:in­nen und alle anderen Menschen Einwegplastik gegen Nützliches eintauschen. Damit möchte die 13-Jährige klarmachen, dass sie eine Welt, in der der Klimawandel künftige Generationen bedroht, nicht einfach hinnimmt. Der Pop-up-Tauschladen, den sie zu verschiedenen Schulen bringt, ist nur eine der Initiativen der Aktivistin. Außerdem steht sie auf unterschiedlichsten Bühnen.

Nach diesen Winterferien kehrte sie etwa von einem Zukunftsgipfel im südindischen Kerala an ihre Schule am Rande der indischen Hauptstadt Delhi zurück. Die Zukunft ist ein Thema, das ihr nahegeht, da aktuelle Klimaberichte ein düsteres Bild für junge Menschen zeichnen.

Das entmutigt Licypriya jedoch nicht. Sie versucht, etwas zu bewegen, und findet klare Worte. „Veränderung ist möglich, wenn wir alles daransetzen“, sagt sie bei einem Treffen in ihrer Schule im nordindischen Noida.

An diesem Tag ist der Himmel fast blau – ein seltener Anblick im winterlichen Delhi, wo abgebrannte Felder, Böller oder intensives Heizen die Luft trüben. Mit dieser Feinstaubbelastung „können wir nicht einmal richtig atmen“, klagt sie. Und nicht nur das: „Im Winter sind wir hoher Luftverschmutzung ausgesetzt, und im Sommer kämpfen wir gegen die Hitze.“ In Indien prallen Überschwemmungen, Dürren, Wirbelstürme, Heuschreckenplagen, Luftverschmutzung und Waldbrände aufeinander.

Da gerade junge Menschen unter Umweltkrisen leiden, „müssen unsere Stimmen gehört werden“, fordert die Klimaaktivistin. Doch in Indien ist es für junge Leute nicht einfach, sich Gehör zu verschaffen. Die politische Landschaft, insbesondere auf nationaler Ebene, wird von weitaus älteren Akteuren dominiert. So wurde im vergangenen Jahr der inzwischen 74-jährige Premierminister Narendra Modi wiedergewählt, obwohl das Durchschnittsalter im Land weniger als 29 Jahre beträgt.

Trotz ihres Alters scheut sich Licypriya nicht, ihre Stimme auf der Straße, im Netz und auf öffentlichen Plattformen zu erheben. Von dem indischen Premierminister verlangte sie ein Klimaschutzgesetz, mit Plakaten protestierte sie gegen klimaschädliche Großkonzerne.

„Ich habe mich in jungen Jahren für den Aktivismus entschieden, da Politiker versagt haben“, sagt sie mit bebender Stimme. Sie sieht Indien zwar als globalen Vorreiter in Klimafragen, doch: „Uns läuft die Zeit davon. Wenn wir nicht sofort und entschlossen handeln, riskieren wir den totalen Zusammenbruch.“ Sie hofft, dass die Regierung mehr unternimmt, um das Bewusstsein für den Klimawandel in der Bevölkerung zu stärken.

Ihre Familie ermöglichte ihr den Zugang zu großen Bühnen und unterstützte sie beim Tauschladen. Doch anfangs war ihre Mutter skeptisch: „Sie machte sich Sorgen um meine Schulbildung. Ich versprach ihr, beides miteinander zu vereinbaren – und ich habe mein Versprechen gehalten.“ Als sie 2019 zur Klimakonferenz nach Madrid eingeladen wurde, fehlte ihr zunächst das Geld, um dort hinzukommen. Ihre Mutter tauschte Schmuck ein und finanzierte Licypriya einen Teil der Reise.

Es gibt aber auch kritische Stimmen gegen ihren Vater, er nutze die Bekanntheit seiner Tochter zu seinem Vorteil. Laut Medienberichten wurde gegen ihn ein Verfahren wegen Betrugs eingeleitet. Zwischenzeitlich wurde er deswegen verhaftet, später gegen Kaution freigelassen. Ein abschließendes Urteil im Prozess steht noch aus.

Im Rahmen der COP25 in Madrid forderte die damals Achtjährige die Staats- und Regierungschefs zu sofortigen Klimaschutzmaßnahmen auf. UN-Chef António Guterres ehrte ihr Engagement. „Ihre Anwesenheit erinnert uns an unsere Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen.“

Schnell wurde sie mit der neun Jahre älteren Klimaaktivistin Greta Thunberg verglichen, was ihr den Spitznamen „Greta von Indien“ bescherte. Doch so sehr die Schwedin für Licypriya ein Vorbild ist, so sehr besteht sie auf ihren Namen. „Ich bin Licypriya aus Indien. Warum sollte man mich Greta nennen, wenn ich meinen eigenen Namen, meine eigene Identität und Kultur habe?“

In Indien werden aus Hotspots der Biodiversität Hotspots der Klimakrise

Geboren im nordöstlichen Bundesstaat Manipur und aufgewachsen im östlichen Teil des Landes, erfuhr Licypriya früh, wie verheerend die Folgen des Klimawandels sein können. Mit sieben Jahren erlebte sie die Auswirkungen der Zyklone „Titli“ (2018) und „Fani“ (2019), die Teile Indiens und Bangladeschs hart trafen. Die Tropenstürme brachten nicht nur heftige Regenfälle mit sich, sondern entwickelten eine verheerende Kraft, die Menschenleben forderte: „Vor meinen Augen wurden Häuser zerstört. Ich musste mit ansehen, wie Kinder, ihre Eltern und ältere Menschen – unschuldige Leben – verloren gingen“, sagt sie.

2019 zog Licypriya mit ihrer Familie nach Delhi. Dort machte ihr die Erfahrung extremer Hitzewellen bewusst: Der Klimawandel ist keine ferne Krise, sondern ganz nah.Zuletzt sorgte Licypriya auf der COP in Dubai für Aufsehen, als sie aus Frust über die Untätigkeit auf einer hochrangigen Plenarsitzung die Bühne stürmte und mit einem Plakat den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen forderte.

„Es kann nicht sein, dass wir Schulkinder Gefahr laufen, durch Klimakatastrophen unser Leben, unsere Eltern, unser Zuhause zu verlieren“, sagt sie. Veränderungen bemerkt sie auch in ihrer Heimat Manipur, die eigentlich für ihre artenreiche Natur bekannt ist. Biodiversitäts-Hotspots hätten sich in Klima-Hotspots verwandelt. „Wir sind mit Wasserknappheit konfrontiert, Kinder holen aus großer Entfernung Wasser, statt in die Schule zu gehen, es findet massive Abholzung statt, wodurch der Lebensraum für Tiere schrumpft. Und es wird Schlafmohn angebaut, es gibt Gewalt“, sagt sie.

Vor zwei Jahren eskalierte ein ethnischer Konflikt in der Region, seitdem starben etwa 250 Menschen. Auf die gravierenden Folgen dieser Entwicklungen macht Licypriya immer wieder aufmerksam.

Zwischenzeitlich hatte sie wegen ihres Aktivismus Schwierigkeiten, in der Schule mitzuhalten. Reisen und Pro­test­ak­tionen nehmen Zeit in Anspruch. Nun sind internationale Konferenzen dazugekommen. Deshalb fehlt sie manchmal in der Schule. Unterstützung bekommt sie aber von der Schulleitung, von Leh­re­r:in­nen und auch von ihren Mit­schü­le­r:in­nen, die Verständnis haben, wenn sie nicht zum Unterricht kommt, und mit ihr Notizen teilen.

Die 13-Jährige Anfang des Jahres Foto: Natalie Mayroth

Bei Aktionen wie „Monday for Mother Nature“ pflanzt sie mit anderen jungen Menschen Bäume. Ihre Eltern begleiten sie zu Konferenzen, bei Protesten an Orten wie vor dem Parlamentsgebäude ist sie jedoch meist allein. Sie sagt selbst, dass sie ihre Kindheit hinter sich lassen musste, um sich für den Planeten einzusetzen. Aus der Kinderaktivistin mit geflochtenen Zöpfen ist eine meinungsstarke junge Frau geworden, die ihre Haare jetzt meistens als Pferdeschwanz trägt.

Trotz der Herausforderungen bleibt Licypriya optimistisch. Seit einiger Zeit ist sie Sonderbeauftragte für Klimafragen des Präsidenten des Inselstaats Osttimor und überzeugt, dass kleine Schritte wie das Trennen von Plastikmüll helfen, den Klimawandel etwas auszubremsen. Doch einen konkreten Wunsch hat sie: Die Industrienationen müssten für Schwellen- und Entwicklungsländer einen „gerechten Übergang“ aus der Nutzung von Kohle, Öl und Gas finden.

„Wenn Politiker und Regierungen mehr getan hätten, wäre ich mit sechs Jahren nicht aktiv geworden“, sagt Licypriya. „Stattdessen hätte ich mit meinen Freunden gespielt und meine Kindheit genossen.“

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