„Diese Szenen waren so klar für mich“

Im Zentrum von Akın Şipals „Mutter Vater Land“ steht eine Fernbeziehung zwischen Wanne Eickel und Istanbul: Wie schädlich es ist, gemeinsame Geschichte auf Konflikte zu reduzieren und warum sein Stück auf die Bühne drängt, erklärt der Dramatiker im Interview

Distanz ist auch jenseits der Seuchenschutzbestimmungen ein Thema von „Mutter Vater Land“. Dafür hat das Theater Bremen stimmige Bilder entwickelt, denen nur das Auge der Betrachtenden noch fehlt Foto: Jörg Landsberg / Theater Bremen

Interview Luna Groß García
und Benno Schirrmeister

taz: Herr Şipal, Ihr Stück „Mutter Vater Land“ spielt in der Vergangenheit, beginnt und endet aber mit dem Blick ins Jahr 2063. Sind Prolog und Epilog für die Hoffnung zuständig?

Akın Şipal: Alles, was in dieser Zukunftsvision eine Rolle spielt, sind Fliehkräfte, die sowieso wirken. Insofern ist diese Szene mit Hoffnungen verbunden, oder einem Hinweis, auf das, was sein könnte. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass alle Dinge passieren, von denen dort die Rede ist. Aber es ließ sich so zeigen, welche Ressourcen und welche Kräfte eigentlich unter den Erzählungen dieser Länder liegen: Deutschland und der Türkei.

An manchen Stellen wirkt es, als wollten Sie eine Botschaft vermitteln. Ist das so?

Hm, gute Frage. Was es auf jeden Fall gibt, ist ein Anliegen: Es war von Anfang an die Idee gewesen, einen deutsch-türkischen, dramatischen Bildungsroman zu schreiben im doppelten Sinne: einerseits wollte ich das Aufwachsen und Heranreifen einer jungen Hauptfigur mit türkisch-deutscher Familiengeschichte zeigen, in der Bildung, besonders Kunst und Literatur, zentrale Themen darstellen. Die Familienmitglieder finden durch Kunst und Literatur zusammen, stoßen sich aber auch ab.

Und warum will dieser Bildungsroman auf die Bühne und ein Theaterstück sein?

Zum einen: Es hat einfach so angefangen. Ich habe nicht gesagt, ich schreibe jetzt ein Stück über meine Familiengeschichte, das wird mein nächstes Drama. Ich habe Szene für Szene einfach aufgeschrieben, und sie gesammelt. Das waren oft sehr kleine Szenen, nur fünf, sechs Repliken, Miniaturen mit zwei, drei Figuren. Dabei habe ich gemerkt, dass in diesen Dialogen sofort kristallklar diese Konflikte zutage traten. Das waren sozusagen Theaterszenen par excellence, von vornherein. Das war mir beim Schreiben so noch nie passiert.

Es gibt auch monologische Passagen …

Ja, aber die sind später gekommen. Als erstes waren wirklich diese klaren Theaterszenen da, die für mich auch etwas von Traum-Szenen haben: Sie hatten so einen Nachhall, als hätte ich sie schon vorher in meinem Kopf gehabt. Manche habe ich zwei- oder dreimal geschrieben – weil sie immer wieder gekommen sind. Das waren so prototypische Situationen, die mich beschäftigt haben.

Zum Beispiel?

Die Aussprache zwischen Vater und Sohn, die Dialoge zwischen der Mutter und der Tochter, die ihr Kind in der Türkei allein zurücklässt, um nach Deutschland zu gehen und zu arbeiten. Diese Szenen waren so klar für mich! Das ist das Eine: Form und Inhalt sind da zusammengefallen, ohne dass ich selbst daran noch hätte lange drehen müssen.

Und das Andere?

Ich habe gemerkt: Es ist mir wichtig, dass diese Geschichten auf der Bühne gespielt werden. Ich will nicht, dass das türkisch-deutsche Verhältnis auf politische Konflikte reduziert wird. Für mich ist dieser Hintergrund wichtig, einer Familie – meiner Familie – die sich mit Kunst beschäftigt und Literatur und über beide Länder verteilt lebt. Die Ehe zwischen dem Istanbuler Schriftsteller-Großvater und der in Breslau geborenen Großmutter ist ja eine über 60 Jahre währende Fernbeziehung zwischen Istanbul und Wanne-Eickel.

Solche Stücke gibt es wirklich selten...

Die türkisch-deutsche Beziehungsgeschichte ist vielschichtig und multidimensional. Ich habe das Gefühl, da verpufft so viel – zum Beispiel das Lebenswerk meines Großvaters. Der hat noch nicht einmal einen Nachruf bekommen, in Deutschland! Es hat hier keiner Notiz davon genommen, dass er gestorben ist. Das Goethe-Institut in Istanbul hat noch nicht einmal kondoliert.

Dabei hat er so viel übersetzt …!

Er hat unendlich viel für den Transfer deutscher Kultur in die Türkei getan. Aber so ergeht es vielen Übersetzer*innen: Ihre Arbeit erfährt zu wenig Wertschätzung!

Er ist vergangenes Jahr gestorben – war das ein Grund, das Stück zu schreiben?

Nicht wirklich. Er ist ja erst gestorben, als ich schon mit dem Schreiben begonnen hatte. Aber mein Großvater spielt einerseits natürlich eine Rolle in diesem Familiengefüge. Er spielt auch eine Rolle in der Konstruktion des Stücks, da er eben auch Schriftsteller war und autobiographisch geprägte Romane geschrieben hat. Ich spiele auch deshalb mit dem Genre der Autofiktion, um seine literarische Praxis aufzunehmen. Zugleich war er sehr wichtig für den deutsch-türkischen Austausch in Kunst und Literatur.

Foto: Anna Schütz

Akın Şipal

1991 in Essen geboren, hat Film an der Hamburger Hochschule für bildende Künste studiert, ist Dramatiker und Autorenfilmer. Von 2017-2019 war er Hausautor am Theater Bremen, wo zuletzt die Hochzeitskomödie „Shirin & Leif“ uraufgeführt wurde, die er gemeinsam mit seinem Bruder Edis Şipal geschrieben hat. Sein Stück „Mutter Vater Land“ hätte bereits am 5. November Premiere feiern sollen, es ist fertig geprobt – aber die Premiere ist verschoben.

Als Figur im Stück macht er sich einen point d’honneur daraus, dass sein Opus Magnum nicht übersetzbar ist ...

Genau. Im Stück überspitze ich das natürlich. „Sırrımsın Sırdaşımsın“ heißt der Roman, auf den ich da anspiele. Ich weiß nicht, ob er wirklich unübersetzbar ist, aber mein Großvater hat gerade in diesem Roman eine sprachliche Dichte gesucht und gefunden, die es Übersetzer*innen nicht leicht machen dürfte.

Wäre das Stück eine Art Abrechnung mit denen, die ihn ignoriert haben?

Nein. Es ist schon so, dass ich das Gefühl hatte, ihm einen Raum geben zu sollen – einen deutschsprachigen literarischen Raum, in dem er auftreten kann, weil er den verdient hat. Aber ich denke nicht, dass man Wertschätzung einklagen kann. Da wir als Familie jedoch seinen Nachlass verwalten, fühle ich mich für sein Lebenswerk verantwortlich. Ich wünsche mir, dass weiter in beide Richtungen übersetzt wird und die bestehenden Verbindungen nicht durch das aufgeheizte politische Klima so sehr vergiftet werden, dass der Austausch stockt. Was türkische Lyrik betrifft sind zentrale Werke nicht übertragen worden.

Das schadet der Beziehung?

Das sind sozusagen ungehobene Schätze, die auch Teil der türkisch-deutschen Beziehungsgeschichte sind. Viele türkische Literaten sind durch die zahlreichen Akademiker*innen geprägt, die vor den Nazis geflohen sind und an türkischen Hochschulen gelehrt haben.

… und nach dem Krieg kamen da auch Nazi-Profs unter: Ihr Großvater ist ausgerechnet an einen von ihnen geraten. Ist das eine der echten historischen Figuren Ihres Stücks?

Ja, absolut.

Wir erzählen hier meistens die Gastarbeiter-Geschichte.

Die muss auch erzählt werden, aber sie muss um die anderen Kapitel der Beziehungsgeschichte ergänzt werden!

Es gibt eine Reihe von Diskriminierungssituationen, wie die in der Kneipe mit dem Filmprofessor von der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Sind das Szenen von denen Sie sagen würden, das habe ich so erlebt?

Es sind teilweise Dinge, die ich so erlebt habe, aber eben nicht alle. Ich habe Szenen zur Grundlage genommen, die ich erlebt habe, die ich bei anderen Mitmenschen, also bei Verwandten, Freunden oder Mitschülern, erlebt habe. Die Diskriminierungserfahrungen haben leider alle einen wahren Kern, aber für mich war entscheidend, sie noch einmal zu überspitzen um mit dieser Macht-Ohnmacht-Situation umzugehen, ohne sie aus einer Opferhaltung zu erzählen.

Also sollte ich besser nicht fragen, wer nun dieser peinliche Prof ist?

Der peinliche Filmprofessor von der Hamburger Hochschule für bildende Künste ist eine erfundene Figur

Da muss ich Sie enttäuschen: Das ist keine reale Person, sondern eine aus verschiedenen Erfahrungen und Erzählungen zusammengesetzte Bühnenfigur.

Gleichzeitig gibt es diese Szene, in der klar wird, das ist eine veritable Konjunktiv-Orgie, dass dieser ganze kulturelle Aufwand nicht vor Barbarei schützt, sondern im Gegenteil sie erst produziert.

Die Szene ist ambivalent. Die von der Hauptfigur heraufbeschworenen Tataren sprechen eine Turksprache, die sich vom heutigen Türkisch der Hauptfigur unterscheidet, es gibt Missverständnisse; für die Tataren ist das Reiten von Pferden essentiell, die Hauptfigur hingegen hat Angst vor Pferden. Die imaginierten Hilfstruppen aus der eigenen Vergangenheit tragen letztlich nicht zur Verbesserung der Situation bei. Aber ja; die Hauptfigur reproduziert etwas, dass sie eigentlich überwinden will. Es macht Spaß und gleichzeitig leidet sie darunter. Es ist durch und durch widersprüchlich.

Klingt kompliziert …

Das ist es aber nicht. Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Aber das ist das Spannungsfeld in dem ich mich eigentlich immer bewege: Einerseits spreche ich gerne über türkisch-deutsche Geschichte, andererseits ist es problematisch, wenn ich immer dazu befragt werde.

Weil es diskriminierend ist?

Nein. Nur läuft man, je mehr man sich mit seiner eigenen Geschichte befasst, Gefahr, da hängen zu bleiben. Es ist beides. Es lässt sich daraus Zerstörung ableiten. Und man kann davon auch zehren, es verwenden – und etwas Eigenes daraus machen.