Regisseur über Rache: „Kunst kann Gefühle transformieren“

Was haben Menschen davon, Rache zu üben? Regisseur Akın Emanuel Şipal über starke Emotionen und sein Stück „Mutter Vater Land“ am Bremer Theater.

Eine Frau sitzt vor einer schwarzen Wand und schaut bedrückt in die Ferne.

Wenn sich Ungerechtigkeit vererbt: Die Mutter im Stück „Mutter Vater Land“ am Theater Bremen Foto: Jörg Landsberg / Theater Bremen

taz: Herr Sipal, sind Sie rachsüchtig?

Akın Emanuel Şipal: Nein. Aber als Gegenstand von Literatur und Kunst finde ich Rache faszinierend. Rache ist ganz stark an Gerechtigkeit gekoppelt. Wo uns Unrecht geschieht, wollen wir etwas ausgleichen. Irreparablen Schaden reparieren.

Aber Rache ist doch nicht gerecht!

Es geht beim Ausüben von Rache nicht um Gerechtigkeit, aber das subjektive Erlebnis von Ungerechtigkeit geht der Rache voraus. Rechtsprechung will Gerechtigkeit herstellen und ist eher das Gegenteil von Rache. Aber es kann trotzdem genugtuend sein, wenn Recht gesprochen wird. Wobei, ob Rache Genugtuung auslösen kann, weiß ich nicht.

Sollten Sie sich mit Rache nicht auskennen?

1991 in Essen geboren, Dramatiker, Drehbuchautor und Filmregisseur, war von 2017 bis 2019 Dramaturg und Hausautor am Theater Bremen. Sein Theaterstück „Mutter Vater Land“ steht dort weiter auf dem Spielplan und ist gerade als Buch im Suhrkamp Verlag erschienen.

Ich sehe mich eher als Laien und Max Czollek als Experten. Er hat eine Ausstellung über Rache fürs jüdische Museum in Frankfurt kuratiert. Mein Stück „Mutter Vater Land“ ist eher ein Kaleidoskop, in dem Rache auch eine Rolle spielt. Es ist eine Generationengeschichte und die Erfahrung der Ungerechtigkeit wird leider vererbt. Sie formt eine Art von Druck, auch die Ungerechtigkeit vorangegangener Generationen auszugleichen. Es gibt das alte Motiv der einfallenden Vorhut der Osmanen, ein altes europäisches Feindbild, aber auch eine militärische Realität. Ist es Rache, dass dieses Motiv so überformt Einzug gehalten hat in die europäische Geistesgeschichte, das Bild des Türken als unbarmherziger plündernder Soldat? In meinem Stück wird ein Schüler diskriminiert und beschwört so eine historische Rachefantasie.

Worum geht es bei Rache, wenn nicht um Gerechtigkeit?

Selbstermächtigung finde ich ein sehr zentrales Moment. Ich gebe mir Macht, indem ich etwas zerstöre. Eine emotionale, gewalttätige, selbstermächtigende Art der Aufarbeitung.

Selbstermächtigung klingt ja gar nicht so schlecht.

Rache – eine Kulturgeschichte: Der Dramatiker Akın Emanuel Şipal diskutiert am 8. November im Rahmen der Globale° mit dem Lyriker und Publizisten Max Czollek über Rache, Theater Bremen, Foyer, 19.30 Uhr

Oh, persönlich würde ich immer von Rache abraten. Aber wir sind nicht nur vernunftgesteuerte Wesen. Emotionen wollen auch bespielt werden. Rache ist einfach da. Die Kunst kann helfen, sie abzuleiten. Wie kann man Emotionen kanalisieren und in etwas Wertvolles überführen? Kunst ist nicht Realität, sie kann Negatives, Destruktives in Produktives, Erbauliches transformieren. Kunst ist humanisierend.

Also wollen Sie mit der Podiumsdiskussion die Rachegelüste der Menschen ableiten?

Wir haben nicht so einen pädagogischen Anspruch, aber ich würde mich grundsätzlich freuen, wenn Menschen weniger rachsüchtig wären.

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