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„Die Dinge, die mit dem Körper passieren, sind normal“

Manche Menschen reden lieber nicht über Sex, schon gar nicht mit ihren Kindern oder Jugendlichen. Gut, dass es Profis gibt wie die Sexualpädagogin Frauke Schussmann. Ein Gespräch über Schweiß, Scham und die richtigen Worte

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Frauke Schussmann arbeitet als Sexualpädagogin mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsen und studiert den Master „Angewandte Sexualwissenschaft“.

Zusammen mit Klara Landwehr hat sie das Projekt „letstalk“ ins Leben gerufen, dessen zweite Veranstaltungsreihe im kommenden Februar in Kooperation mit der Schwankhalle in Bremen beginnt – Motto: „Sexualität besprechbar machen“.

Interview Florian Maier

taz: Frau Schussmann, wie würden Sie den Beruf der Sexualpädagogin beschreiben?

Frauke Schussmann: Mein Beruf hat verschiedene Schwerpunkte. Ich würde lieber von sexueller Bildung sprechen als nur von Sexualpädagogik. Pädagogik beschränkt sich auf Kinder und Jugendliche. Der Lernprozess endet ja nicht, weil man 18 geworden ist. Deswegen gehört Erwachsenenbildung für mich genauso dazu.

Welche Bereiche deckt sexuelle Bildung alles ab?

Dazu gehört viel Aufklärung, also viel über Körperprozesse. Einerseits biologische, andererseits aber auch emotionale Fragen: Wie verändert sich mein Körper? Wie ist das erste Mal verliebt sein? Wie ist das erste Mal Sex haben? Dafür dann eine Sprache zu finden, sehe ich als meinen Beruf an – und dann mit den jeweiligen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Sexualkundeunterricht in der Schule ist oftmals sehr technisch. Wie lässt sich dagegen anarbeiten?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn man sich die Lehrpläne auf Landesebene anguckt, sollen Kinder und Jugendliche sehr viel lernen, beispielsweise auch sexuelle Vielfalt und Geschlechtsidentität. Es ist schwierig zu beurteilen, ob das auch wirklich beigebracht wird. Oftmals kommt es mir so vor, als würde ich die Lehrkräfte entlasten, die zu mir kommen. Dadurch können sie ihren Bildungsauftrag abgeben auf Außenstehende, die professionell sind. Gleichzeitig habe ich einen anderen Ansatz als in der Schule. Bei mir geht es ja nicht nur um Schwangerschaftsverhütung, sondern auch um einen lustvollen und sexpositiven Ansatz. Es wäre sehr schön, wenn mein Angebot ein Zusatz wäre, leider kommt es mir manchmal so vor, als sei es eine Auslagerung von Verantwortung – oder auch von unangenehmer Ausein­andersetzung.

Viele Lehrkräfte sind dafür ja auch nicht ausgebildet.

Das ist auch okay: Mir ist es lieber, wenn die Schulklassen zu mir kommen, als wenn sie mit ihre*m Biologielehrer*in ein sehr steifes Gespräch über Lust führen müssen. Wie soll das aber auch eine Person gut lehren können, die da selbst auch sehr unsicher ist?

Wie spricht man mit Schüler*innen über Lust am Sex?

Ich versuche das auf jeden Fall sehr vorsichtig zu artikulieren. Klar kommt es da auch auf das Alter an. Ein weiterer Faktor ist, ob sie schon sexuell aktiv sind. Beispielsweise sage ich auch, dass es sehr schön sein kann, sich selbst zu berühren, und das auch absolut okay ist. Ich persönlich finde, ich muss hauptsächlich eine Ebene mit den Jugendlichen finden. Ich kann die mit meinen erwachsenen Erfahrungen natürlich nicht überladen.

Wie kann ich mich als Elternteil über sexuelle Aufklärung informieren?

Auch dafür gibt es Beratungsstellen: Pro Familia hat beispielsweise auch Beratungsangebote für Eltern.

Welche Begriffe verwenden Sie für Genitalien?

Es ist ein Moment der Normalisierung, dass ich die Worte „Penis“ und „Vulva“ verwende. Aber was ich durchaus mit den Jugendlichen mache, ist fragen: Welche Begriffe verwendet ihr? Was könnte hier eine gemeinsame Sprache für uns sein? Gerade wenn ich gemischtgeschlechtliche Gruppen habe, werden von den Jungs oft Kraftausdrücke oder Schimpfwörter verwendet. Ich würde sagen, das ist auch Teil von deren Unsicherheit. Was aber spannend festzustellen ist: wie viel mehr positive Begriffe es für „Penis“ gibt – als für „Vulva“.

Wie bekommen Jugendlichen da eine Vorstellung insbesondere von der weiblichen Sexualität?

Mir persönlich ist es ein Anliegen, gerade auch die Klitoris zu zeigen. Ich habe dafür auch Modelle der Klitoris mit allen Schwellkörpern. Wenn ich mit Mädchen über Selbstbefriedigung spreche, zeige ich, wenn es passt, zum Beispiel einen Auflagevibrator. Meistens sind die Reaktionen unglaublich schambehaftet, aber ich denke mir: „Dann habt ihr es wenigstens schon mal gesehen oder davon gehört.“

Sollte allgemein mehr über Sex und Sexualität gesprochen werden, auch seitens Eltern, Lehrer*innen und so weiter?

Ja. Ich würde aber nicht von allen Eltern irgendwie verlangen, ihr Kind aufzuklären. Vielleicht eher in die Richtung, dass Dinge, die mit dem Körper passieren, normal sind: Periode, Haare oder Schweiß, alle diese Veränderungen, die in der Pubertät eintreten. Jugendliche sollen nicht das Gefühl haben, total ekelhaft und falsch zu sein. Die Gesellschaft tendiert leider dazu, unsichtbar und geruchslos zu sein, wenn es um Körperausflüsse oder Regungen geht. Da würde ich mir eine höhere Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit wünschen. Genau wie eine höhere Toleranz für Diversität.

Viele erste sexuelle Erfahrungen entstehen über den Konsum von Pornografie. Macht sich das in den Gesprächen bemerkbar?

Ich habe den Eindruck, dass die Mädchen eher wenig bis keine Pornos gucken. Da geht es eher darum, ob sie in der Schule rumgezeigt wurden. Alltagskonsum von Pornografie, würde ich sagen, gibt es mehr bei den Jungs als bei den Mädchen.

Im Porno geht es in den seltensten Fällen um Konsens …

Darüber rede ich mit den Jugendlichen. Aber nicht nur über Einvernehmlichkeiten beim Sex, sondern auch in Beziehungen: dass es auch ziemlich wichtig ist, dass es einem selbst in der Beziehung gut geht.