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Nicht bloß tropfende Nasen

Danke, Klimawandel: Mehr als eine Million Minderjährige hierzulande leiden unter allergischen Symptomen – vom Heuschnupfen bis zu Schlimmerem: Etwa eine halbe Million haben Asthma

Nicht zu unterschätzen: Was mit einer Tropfnase anfängt, kann sich auswachsen zu sehr viel Ernsterem. Das hat viel damit zu tun, wie früh ein Kind an Allergien zu leiden beginnt Foto: Wigger/DAK

Von Joachim Göres

Der Klimawandel hat Einfluss auf Allergien in Deutschland. „Der Start des Pollenfluges hängt von den Temperaturen und der Feuchtigkeit ab. Das Klima verlängert die Pollensaison. Die Pollenmenge sowie die Menge der Allergene pro Pollen nimmt bei den meisten Arten zu“, so Carsten Schmidt-Weber, Direktor des Zentrums für Allergie und Umwelt der TU München, auf dem Deutschen Allergiekongress Ende September in Hannover.

Nach aktuellen Studien leiden in Deutschland mehr als eine Million Kinder und Jugendliche an Heuschnupfen, etwa eine halbe Million an Asthma. Das Risiko, dass sich das eine zum anderen entwickelt, aus Heuschnupfen Asthma wird, ist umso größer, je jünger Kinder erkranken.

Noch ein Trend: Der Anteil der Minderjährigen, die gegen mindestens eines von acht häufigen Inhalationsallergenen sensibilisiert sind, nimmt zu, bei den Jugendlichen ist fast jeder zweite betroffen. Die Sensibilisierung ist das Vorstadium, für Asthma und Heuschnupfen, ohne dass Symptome auftreten müssen; die acht Allergene in diesem Sinne sind: Lieschgras, Roggen, Birke, Beifuß, Katze, Hund, Hausstaubmilbe und der Schimmelpilz Cladosporium herbarum.

Eher selten leiden Kinder daran, die auf einem traditionellen Bauernhof aufwachsen. In Elternhäusern in Großstädten sind Allergien dagegen besonders häufig verbreitet. Laut Karl-Christian Bergmann vom Allergie-Centrum der Charité in Berlin ist der Anteil der erkrankten Kinder und Jugendlichen in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen. Demnach wären es bei Heuschnupfen rund neun Prozent der 3- bis 17-Jährigen, bei Neurodermitis sieben Prozent und bei Asthma vier Prozent. Das höchste Risiko für eine allergische Erkrankung bestehe bei denjenigen, die gegen Katzenallergene sensibilisiert sind.

Tipps für Eltern bietet online die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA) an – ob es nun um Hausstaubmilben geht, allergischen Schnupfen oder gar Schock: www.gpau.de/elternratgeber

Umfassendere Informationen finden sich in den Publikationen zu Themen wie Allergieprävention, Neurodermitis, Nahrungsmittelallergien, Spezifische Immuntherapie oder Allergie und Impfen: www.gpau.de/mediathek/die-zeitschrift/sonderhefte

Auch die Verbraucherzentralen haben sich neuerdings mit dem Thema Allergien (nicht nur) bei Kindern befasst:

www.verbraucherzentrale.de/wissen/umwelt-haushalt/umweltschutz-fuer-kinder/wie-sie-das-risiko-einer-allergie-verringern-koennen-5786

Der Osnabrücker Allergologe Thomas Lob-Corzilius weist auf steigende Belastungen hin, etwa durch Feinstaub und Ozon: „Wir stellen dadurch ein schlechteres Lungenwachstum bei Kindern unter zehn fest.“ Und Stickstoffdioxid aus Diesel-Abgasen sei ein Risikofaktor für Asthma.

Noch ein Klima-Effekt: Mit steigender UV-Strahlung nehme die Gefahr von Hautkrebs zu, so Lob-Corzilius. „80 Prozent der UV-Belastung entsteht in den ersten 18 Lebensjahren, deswegen ist der Schutz der Haut bei Kindern und Jugendlichen besonders wichtig.“ Beeinflusst wäre aber sogar die Psyche: „Die einen zeigen erhöhte Zukunftsangst und werden passiv, die anderen reagieren aktiv.“ Die nicht zuletzt von jungen Menschen getragene Bewegung „Fridays for Future“ fördert für den Mediziner die kollektive Resilienz: „Sie stärkt die psychische Widerstandsfähigkeit.“

Er selbst ist einer von mehr als 2.200 Unterzeichnern des Aufrufs „Gesundheit braucht Klimaschutz“ der Initiative „Health for Future“ (www.klimawandel-gesundheit.de).