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Wenn das Studium zum Holzweg wird

Studienabbrecher gefragt: Experten sprechen von guten Chancen im Handwerk und auch im Handel

Von Joachim Göres

„Ich habe schon gearbeitet, eine Tanzschule geleitet und bin jetzt am Ende des Studiums durch die Jura-Prüfung gefallen. Habe ich mit über 30 überhaupt noch eine Chance auf eine Ausbildung?“ Eine von vielen Fragen auf dem Informationstag „Studienabbruch – was nun?“ kürzlich im Berufsinformationszentrum Hannover. Ein Thema, das auch vielen Jüngeren auf den Nägeln brennt. Schließlich verlassen allein in den Fächern Bauingenieurwesen, Mathematik, Elektrotechnik und Maschinenbau laut Institut für Hochschulforschung in Hannover rund die Hälfte der Studierenden ohne Abschluss die Universität oder die Hochschule. Neben der ungewissen Zukunft ist damit oft auch das Gefühl des Scheiterns und ein angeknackstes Selbstbewusstseins verbunden – man spricht nur ungern darüber.

„Das sollte man aber unbedingt tun“, rät Eduard Altergot, der auf dem Informationstag von seinen Erfahrungen berichtete. Der 22-Jährige hatte an der TU Braunschweig mit dem Studium Wirtschaftsingenieur begonnen, von dem er schnell merkte, dass es nichts für ihn war. Im 3. Semester war für ihn an der Uni Schluss, nachdem er einen Ausbildungsplatz als Automobilkaufmann bei BMW bekommen hatte. „Beim Bewerbungsgespräch wird man nach den Gründen für den Studienabbruch gefragt. Ich habe gesagt, dass mir das Ganze zu theoretisch war und selbst Professoren zugaben, dass man Dinge lernen muss, die man später nicht gebrauchen kann. Damit war das Thema erledigt“, erzählt Altergot.

Nach seinen Worten werden bei seinem Arbeitgeber bevorzugt Studienabbrecher eingestellt, weil sie grundlegende Fertigkeiten mitbringen. „Wegen des Alters braucht man sich keine Gedanken zu machen. In unserer Berufsschulklasse haben wir auch 30-Jährige“, sagt Altergot, dessen Ausbildung auf zweieinhalb Jahre verkürzt wurde.

Christian Rühmann studierte in Karlsruhe zwei Semester Maschinenbau, danach stieg er auf Wirtschaftsingenieurwesen um. „Das habe ich dann nach drei Semestern abgebrochen, Mathematik und technische Mechanik waren zu schwer. Ich hätte Prüfungen wiederholen und mich durchs Studium quälen können, aber das bringt es auf Dauer nicht“, sagt der 23-Jährige.

Mehr Studiende, mehr Zweifler

Er zog zurück zu seinen Eltern nach Hannover („Das war gewöhnungsbedürftig, hat mir aber auch eine gewisse Sicherheit gegeben“) und überlegte, welche Studieninhalte ihm gefallen hatten. Er fand einen Ausbildungsplatz in einem Metallbauunternehmen, wo sein Interesse für Betriebswirtschaft und technisches Zeichnen gefragt war.

Die Ausbildung ist Teil des trialen Studiums Handwerksmanagement, bei dem neben dem Gesellenbrief auch die Meisterqualifikation erworben und zudem ein Studium an der Fachhochschule des Mittelstandes mit dem Bachelor-Titel abgeschlossen wird, alles zusammen innerhalb von viereinhalb Jahren. „Arbeitgeber im Handwerk sehen Studienabbrecher positiv, denn die wissen, was sie wollen und was ihnen liegt“, sagt Rühmann und fügt hinzu: „Ich zeichne Konstruktionen von Geländern, Treppen und Balkonen, die die anderen Mitarbeiter bauen. Für mich ist das triale Studium die perfekte Kombination, zumal das Interesse an Fachkräften im Handwerk groß ist.“

Für Theresia Bernard-Falkner, Berufsberaterin und Hochschulkoordinatorin bei der Agentur für Arbeit Hannover, nimmt mit der Zahl der Studierenden auch die der Studienzweifler zu. „Ein Studium ist heute selbstverständlicher geworden. Viele beginnen damit, ohne sich über die Anforderungen klar zu sein. Außerdem fehlt nicht selten die nötige Selbstständigkeit und Motivation.“ Sie empfiehlt Ratsuchenden, die Berufsberatung der Arbeitsagentur für Hochschüler oder das Career Center der Hochschulen in Anspruch zu nehmen und betont: „Viele Firmen sind sehr an Studienabbrechern interessiert.“ Eine Einschätzung, die Handels- und Handwerkskammern teilen.

Rühmanns Tipp: „In zahlreichen Studiengängen wird stark ausgesiebt. Man muss sich klarmachen, dass es viele trifft und nicht nur einen selber.“ Altergot ergänzt: „Man sollte die Entscheidung zum Abbruch so früh wie möglich treffen und dann dazu stehen.“