Viel Tourismus, wenig Politik

Das Gedenken an den D-Day ist ein Wirtschaftsfaktor in der Normandie, doch das diplomatische Programm ist in diesem Jahr bescheidener als vor fünf Jahren. Donald Trump aber kommt

Den Filmen über die Landung verdankt die Region einen großen Teil ihrer touristischen Anziehungskraft

Was hätten wohl die GIs, die Tommys und anderen Soldaten, die an der Landung in der Normandie beteiligt waren, davon gehalten, dass 75 Jahre später ihre blutige Schlacht eine Touristenattraktion und eine Art Karneval mit verkleideten Uniformierten sein würde? Ein paar wenige der heute meist weit über 95-Jährigen sind auch 2019 wieder bei den Feierlichkeiten als Ehrengäste geladen. Mit Orden ausgezeichnet, gedenken sie ihrer gefallenen Kameraden.

Einer von ihnen, der Kalifornier Tom Rice, lässt es sich trotz seiner 97 Jahre nicht nehmen, bei Carentan in Begleitung eines Trainers mit dem Fallschirm abzuspringen. Dort war er zusammen mit seiner Luftlandedivision, der seither berühmten 101st Airborne, eingesetzt worden. Auf diese spektakuläre Aktion hat sich der rüstige Rice seit Wochen intensiv vorbereitet. Er zählt zweifellos zu den authentischen Stars dieser Feierlichkeiten.

Viele andere Uniformierte dagegen sind nur Kostümierte, die an den zahlreichen Inszenierungen der historischen Luft- und Bodenoperationen oder an Paraden mit alten Militärfahrzeugen und anderem Rüstungsmaterial teilnehmen. Solche Veranstaltungen gibt es während der D-Day-Woche entlang der gesamten Landungsküste und ziehen Besucher aus aller Welt an.

Was sie sehen wollen, sind nicht zuletzt die Schauplätze der heroischen Filme, die diese „Schlachtenbummler“ gesehen haben: Klassiker unter den Kriegsfilmen wie „Der längste Tag“, oder für die Jüngeren „Der Soldat James Ryan“ und die Serie „Band of Brothers“, deren Darsteller im Rahmen des „World War II Film Festival“ am Freitag im Normandy Victory Museum für ihre Fans leibhaftig zugegen sind, um ihnen Autogramme zu geben.

Den Filmen über die Landung mit dem Codenamen „Overlord“ verdankt diese sonst wenig attraktive Region der Normandie einen großen Teil ihrer touristischen Anziehungskraft. „Thank you Hollywood“, meint die Zeitung Le Dauphiné aus aktuellem Grund. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der auswärtigen Besucher mehr als verdoppelt. Und wenn wie in diesen Tagen außerordentliche Jubiläumsfeiern anstehen, sind die Hotels an den einstigen Kriegsschauplätzen oft schon seit einem Jahr im Voraus ausgebucht. Neben den Relikten von Bunkern, Wracks und Landungsbrücken können mehr als hundert Gedenkstätten und Museen besucht werden.

In den ersten Jahren nach dem Krieg wollten die Einheimischen, die unter den Bombardements und Vergeltungsaktionen der Besatzer schwer gelitten hatten, diese für den Kriegsverlauf entscheidende Episode am liebsten verdrängen. Nach den Veteranen und deren Nachkommen kommen heute selbst Busse aus Paris mit Touristen aus China für einen eintägigen Abstecher an die „Front“ und in die Geschichte.

Auch Donald Trump hat sein Interesse bekundet. Im Anschluss an eine internationale Feier für das D-Day-Jubiläum im britischen Portsmouth wird er in Colleville-sur-Mer auf dem großen Friedhof der US-Soldaten von Präsident Emanuel Macron erwartet, der seinen amerikanischen Gast in Caen zu einem anschließenden Arbeitsessen eingeladen hat. Der französische Präsident bevorzugt am 75. Jahrestag der Landung die bilateralen Treffen. Vor seinem Tête-à-tête mit Trump ist eine Begegnung mit der britischen Premierministerin Theresa May vorgesehen. Die internationale Zeremonie im ehemals kanadischen Sektor der „Juno Beach“ in Courseulles-sur-Mer überlässt Macron seinem Premierminister Edouard Philippe.

Die Absenz des französischen Präsidenten beim „Hauptanlass“ mit Staats- und Regierungschefs wurde in der Normandie lange diskutiert. Vor fünf Jahren hatte der damalige Staatschef François Hollande Staatsgäste aus aller Welt, unter ihnen Barack Obama, Wladimir Putin, Angela Merkel und die britische Queen Elizabeth II., zu einer großartigen Feier der Versöhnung eingeladen. In diesem Jahr stand Putins Name weder in Portsmouth noch in der Normandie auf der Liste der Ehrengäste. Auch in der Jubiläumsdiplomatie ist es zwischen Kaltem Krieg und ewigem Frieden ein weiter Weg. Rudolf Balmer