Kommentar Bluttest auf Down-Syndrom

Entscheidungsfreiheit zählt

Es ist in Ordnung, wenn der Bluttest in Einzelfällen zur Kassenleistung wird. Aber wir müssen über den Umgang mit Behinderungen reden.

Praena-Test

Der „Praena-Test“ auf Trisomie 21 Foto: dpa

Es ist verrückt: Da können Schwangere schon seit einigen Jahren ihr Blut testen lassen, ob sie womöglich ein Kind mit Down-Syndrom erwarten oder nicht, der privat zu zahlende Test kostet ab 130 Euro aufwärts, also nicht die Welt. Aber erst jetzt, wo die Krankenkassen in bestimmten Fällen die Kosten für diesen Test übernehmen werden, toben die Protestwellen durch das Land: „Diskriminierung, Selektion!“ heißt es.

Behindertenverbände befürchten ein „Screening“ des mütterlichen Blutes aller Schwangeren per Krankenkasse, mit dessen Hilfe bestimmte Menschen mit Behinderungen quasi schon im Vorfeld „aussortiert“ werden. Die Welt soll angeblich hässlicher, unmenschlicher werden, als sie jetzt schon ist, nur weil die Kasse die Kosten für den Bluttest übernimmt.

Das ist übertrieben, nicht nur, weil der Gemeinsame Bundesausschuss aus Vertretern der Ärzte und Krankenkassen am Freitag entschieden hat, dass die Kassenleistung künftig ausdrücklich nur für Risikoschwangere gelten soll, und darunter auch nicht automatisch für die älteren werdenden Mütter über 35, es muss schon ein nachweisbares individuelles „Risiko“ vorliegen.

Es muss sich also um werdende Mütter handeln, die, gäbe es den Bluttest nicht, womöglich die für den Fötus viel riskantere Fruchtwasseruntersuchung gemacht hätten. Der Beschluss des Bundesausschusses für eine Kassenfinanzierung in Einzelfällen ist, so gesehen, in Ordnung. Doch der Protest und die Debatte um den Test hat auch etwas in Bewegung gesetzt, und das ist zu begrüßen.

Behindertenverbände beklagen den „Rechtfertigungsdruck“ auf Eltern mit einem behinderten Kind, der sich verstärken könnte, sollten Reihenuntersuchungen auf chromosomale Abweichungen tatsächlich Schule machen. So nach dem Motto: „Wer heute noch ein behindertes Kind bekommt, ist doch selbst dran schuld.“

An dieser Befürchtung der Verbände ist was dran. Die Schuldzuweisung an Familien mit einem Kind mit Behinderung ist historisch betrachtet schon immer eine Methode für Nicht-Betroffene gewesen, das Thema Behinderung, überhaupt Abweichung von der Norm, weit von sich zu weisen.

Der Blick in den Spiegel

Dabei ist dies ein fruchtloser Versuch: In Wirklichkeit macht eine alternde Gesellschaft inzwischen in jedem Leben, in jeder Familie, die Erfahrung, was ein Leben mit Einschränkungen, mit Behinderung bedeutet.

Anstatt die Behinderung, die Abweichung, abzulehnen, sollten wir uns damit beschäftigen: Zur sozialen Kompetenz heute müsste es gehören, wie man mit einem Menschen mit Demenz, mit Sehbehinderung, mit Taubheit, im Rollstuhl umgeht. Denn genau diesem Menschen werden wir wahrscheinlich in unserer Familie oder im Freundeskreis begegnen. Und vielleicht auch dann, wenn wir uns irgendwann mal im Spiegel betrachten.

Der Umgang mit Behinderungen, mit Abweichungen von irgendwelchen Normen ist das eine. Nur sollte man die notwendige Inklusion eben trennen von der Freiheit zum Wissen und zur Entscheidung und von der Verantwortung und Belastung der Mütter und Väter.

Eine Schwangerschaft abzubrechen, weil der Fötus eine Abweichung aufweist, der man sich nicht gewachsen fühlt, bedeutet nicht, dass man grundsätzlich gegen Inklusion ist oder Behinderte diskriminiert. Genauso wenig, wie man Menschen mit Behinderungen und deren Familien diskriminieren darf, sollte man Mütter herabsetzen, die sich für einen Bluttest und im Falle eines positiven Ergebnisses für den Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

Das dürfte meist ein Trauma sein, eine schwere Entscheidung und kein schmerzloses „Aussortieren“ oder „Selektieren“ – Behindertenvertreter sind da mitunter auch etwas leichtfertig in ihrer Terminologie.

Es kann nicht darum gehen, Gräben aufzureißen. Stattdessen muss alles möglich und akzeptiert sein: Eltern, die erst gar keine Tests machen; Eltern, die mit einem Kind mit Behinderung ein glückliches Familienleben haben; Eltern, die sich für einen Test entscheiden und sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen müssen. Das Unglück kann überall wohnen. Und das Glück auch.

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Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, Psychologie, Alter, Flüchtlinge. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch).

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