das portrait

Ayse-Alice-Lena sucht eine Wohnung in Bremen

Ein fester Job als Krankenschwester reicht nicht für eine Wohnung: Der „deutsche“ Name muss her Foto: dpa

„Die Wohnung ist leider schon weg.“ Diesen Satz bekommt Ayse Gülbeyaz immer wieder zu hören. Die Mittzwanzigerin lebt allein, ist Krankenschwester und seit Monaten auf Wohnungssuche. Sie telefoniert mit Vermieter*innen aus den Bremer Stadtteilen Gröpelingen, Walle, Tenever und Schwachhausen.

Viele wollen wissen, was sie beruflich macht und fragen nach ihrem Einkommen. Für ihren türkischen Akzent hat Ayse hart trainiert – bei der Wohnungssuche kommt er schlecht an. Besonders in Schwachhausen, wo die Mieten hoch und die Bewohner*innen weiß sind, bieten ihr nur knapp ein Viertel der Vermieter*innen eine Wohnungsbesichtigung an. Mal bekommt sie fast unmittelbar, nachdem sie sich vorstellt, eine Ablehnung.

Alice ist etwas besser dran

Alice McGraw ist etwas besser dran. Auch sie ist alleinstehende Krankenschwester, Mitte zwanzig und verdient das Gleiche wie Ayse. Bei ihrem Akzent gehen die Leute davon aus, dass sie Amerikanerin ist, und erzählen ihr freundlich von Urlauben in den USA. Mit etwas Glück bieten sie ihr sogar eine Besichtigung an.

Wenn Lena Meyer kurze Zeit später bei den selben Vermieter*innen anruft, sind selbst die Wohnungen, die bei Ayse schon vergeben waren, plötzlich wieder frei. Lena hat als Krankenschwester das gleiche Einkommen wie ihre vermeintlich türkischen oder amerikanischen Kolleginnen. Das will jedoch kaum eine*r wissen – schließlich spricht Lena perfekt Hochdeutsch. Die Schwachhausener laden sie, im Gegensatz zu Ayse, nach fast 95 Prozent aller Gespräche zu einer Besichtigung ein.

Hinter Ayse, Alice und Lena stecken in Wirklichkeit nicht drei Krankenschwestern, sondern 18 Studentinnen der Uni Bremen. Über das ganze Semester führten sie fast 300 Telefonate und gaben sich als eine der drei Identitäten aus. Als Erste rief immer Ayse Gülbeyaz an. Innerhalb der nächsten Stunde erkundigten sich Alice McGraw und dann Lena Meyer nach der freien Wohnung. Die besten Chancen auf einen Besichtigungstermin hatte bei Weitem die „richtige Deutsche“ mit dem deutschen Namen und dem deutschen Deutsch.

Lena muss keine Fragen beantworten

„Wer sich als Lena ausgab, musste viel seltener Fragen zu Beruf und Einkommen beantworten“, sagt Inke Du Bois. Die Sprachwissenschaftlerin hatte das Experiment mit ihren Studierenden angeleiert und Akzente trainiert. Zwar gäbe es in Deutschland schon ähnliche Studien zu Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt – neu sei aber Forschung in unterschiedlichen Stadtteilen.

„Es gibt US-Amerikanische Studien, die belegen, dass in Stadtteilen mit größtenteils weißer Bevölkerung weniger diskriminiert wird“, sagt Du Bois. Das zeigte sich auch in Bremen: In Tenever, wo über 60 Prozent der Einwohner*innen einen Migrationshintergrund haben, bekam Lena nur minimal mehr Wohnungsbesichtigungen angeboten als Ayse oder Alice. Letztere erfuhr als „Amerikanerin“ sogar „positive Diskriminierung“: In Walle war sie erfolgreicher als Lena.

Du Bois spricht von „unbewussten Vorurteilen, die allein durch das Hören von Namen und Akzent schnell aktiviert werden“. Die Studie soll für diese Vorurteile sensibilisieren und der Diskriminierung entgegenwirken – egal ob auf dem Wohnungsmarkt, bei der Jobsuche oder vor Gericht. Was hier ein Experiment mit ernüchterndem Ergebnis war, gehört für die Ayses dieses Landes zum Alltag.

Carlotta Hartmann