Dominic Johnson über die neuen Anschläge in Nigeria
: Westafrikas vergessener Terror

E gibt keine Stabilität in Westafrika ohne Stabilität in Nigeria. Dies ist nicht nur eine mathematische Erkenntnis – Nigeria hat so viele Einwohner wie alle anderen Länder der Region zusammen –, sondern müsste auch eine politische Leitlinie sein. Da können noch so viele Bundeswehrsoldaten in Mali die UN-Mission stärken und die lokale Armee ausbilden: Solange Boko Haram, Afrikas brutalste Terrorgruppe, nach Gutdünken ihr Unwesen treiben kann, strahlen der Dschihadismus und all seine Folgen über die Landesgrenzen aus. Die Folgen, das sind: Militarisierung der Staaten, Freund-Feind-Polarisierung innerhalb der Gesellschaften, ökonomischer Niedergang in fragilen Gemeinschaften, was zu Massenfluchtbewegungen und humanitären Krisen führt.

Die internationale Gemeinschaft hat sich daran gewöhnt, dass in Nigeria seit Jahren zwei Millionen Menschen auf der Flucht sind. Auch daran, dass fast jede Woche UN-Basen in Mali attackiert werden, dass lokale Selbstschutzmilizen erstarken und dass der Norden des einst friedlichen Burkina Faso inzwischen ein Rückzugsgebiet bewaffneter Islamistengruppen geworden ist.

Aber die lokale Bevölkerung gewöhnt sich nicht daran. Sie geht dabei drauf. Die Dschihadisten wissen derweil besser als die Regierungen, was sie tun. Die jüngste Attentatsserie in Nigeria traf das Land pünktlich zur Rückkehr von Präsident Muhammadu Buhari aus den USA, wo er sich von Donald Trump mit militärischen Ehren feiern ließ und US-Kampfflugzeuge kaufte. Aber Kampfflugzeuge nützen nichts gegen Selbstmordattentäter auf Märkten und bringen auch keine Bauern zurück auf ihre Äcker.

Man sollte sich nicht wundern, wenn bald wieder vermehrt Westafrikaner an Libyens Küste auftauchen und auf der Flucht im Mittelmeer untergehen. Westafrika ist nicht stabil, und das ist mehr als nur ein entwicklungspolitisches Problem. Es geht um Politikversagen – gerade bei den Regierungen, die sich Europa als engste Partner andienen.

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