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„Die Hanseaten sind eine konstruierte Gemeinschaft“

Foto: privat

Markus Tiedemann, 29, hat Geschichte, Klassische Philologie und Erziehungswissenschaften in Hamburg studiert. Er lehrt Geschichte und Latein an einem Lüneburger Gymnasium.

taz: Herr Tiedemann, sind Sie ein Hanseat?

Markus Tiedemann: Möglicherweise besitze ich die ein oder andere als „hanseatisch“ geltende Eigenschaft, aber auf die Benennung als „Hanseat“ verzichte ich gerne.

Ob ja oder nein: Woran würden Sie das festmachen – oder anders gefragt: Was ist es denn nun genau, dieses Hanseatische?

Eine klare Definition dessen, wer oder was „hanseatisch“ ist, hat es nie gegeben. Zu den wiederkehrenden Inhalten des Begriffes gehören Charaktereigenschaften wie Nüchternheit und Pragmatismus, aber auch politische Ideale wie Toleranz und Internationalität.

Und so ein Hanseat zu sein, das vertrug sich traditionell nicht damit, Arbeiter zu sein, und also: Sozialdemokrat?

Vom 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts beschränkte sich der Kreis der „Hanseaten“ nach vorherrschender Meinung noch auf die bürgerliche Oberschicht der Städte Bremen, Hamburg und Lübeck. Über ihren Unternehmergeist, ihren Sinn für das Gemeinwohl, aber auch ihren politischen Führungsanspruch definierte sich die wirtschaftliche Elite der Stadt als „Hanseaten“. Für eine nach Mitbestimmung strebende Arbeiterpartei war nach dieser Deutung kein Platz in der Gemeinschaft.

Welche Rolle spielte die Hamburger SPD bei der Beseitigung des Widerspruchs – oder hat das am Ende Helmut Schmidt allein erledigt?

Die Hamburger SPD hat in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik besonderen Wert auf eine Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien gelegt und damit bewusst die Sozialdemokratie an das „alte“ Hamburg herangeführt. Bereits die Bürgermeister Max Brauer und Paul Nevermann fingen an, das „Hanseatische“ auch für die Sozialdemokratie zu reklamieren. Durch diese Vorarbeit konnte Helmut Schmidt erst zum Hanseaten schlechthin aufsteigen.

Das „Hanseatische“ ist geprägt worden, als die Hanse lange tot war. Demnach sehr viel später geprägt worden. Besteht da eine Verwandtschaft etwa mit einem Begriff wie „deutsch“, der ja lange Zeit auch mehr für eine Idee stand, für einen Wunsch, aber nicht für etwas tatsächlich Existierendes?

Für die Zeit der Hanse existiert der Begriff „Hanseat“ tatsächlich noch nicht. Er ist eine Erfindung des späten 18. Jahrhunderts. Die Parallele zum Nationsbegriff ist insofern vorhanden, dass jeweils eine konstruierte Gemeinschaft beschrieben werden soll, deren Mitglieder zu unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedlich festgelegt werden können.

Interview Alexander Diehl

Buchvorstellung „Gute Hanseaten – Sozialdemokraten“ mit Markus Tiedemann: 18.30 Uhr, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Beim Schlump 83