Bildungsmisere in Bremerhaven

Dienstags schulfrei für Klasse 2b

Dramatischer Lehrermangel in Bremerhaven: Einzelne Schulen mussten ganze Klassen tageweise nach Hause schicken. SPD-Chef Günthner gesteht Fehler ein.

Klasse leer: In Bremerhaven fällt Unterricht tageweise aus. Foto: Peter Endig/dpa

BREMERHAVEN taz | Der Brief an die Eltern der Altwulsdorfer Grundschule in Bremerhaven hatte es in sich. „Leider müssen wir ihnen mitteilen, dass der Krankenstand aktuell sehr hoch ist“, hieß es da Anfang vergangener Woche. Um die Ausfälle der Lehrer gleichermaßen zu verteilen, möge immer eine Klasse zu Hause bleiben: am Dienstag die Klasse 2b, Mittwoch die 3a, Donnerstag und Freitag folgten 4a und 4c.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Krankenstand in Altwulsdorf zu einem dramatischen Unterrichtsausfall führt. Und nicht die erste Schule. Vor den Herbstferien sah es etwa an der Oberschule am Ernst-Reuter-Platz ähnlich aus. Der bundesweite Lehrermangel trifft Bremerhaven besonders stark. Anfang des Schuljahres blieben hier 35 Lehrerstellen unbesetzt. In Krankheitsfällen, wie nun an der Altwulsdorfer Schule, gibt es keine Aushilfslehrer, die einspringen könnten.

„Wir stellen ein“

Bremerhaven ist als Arbeitsplatz schlicht nicht attraktiv. Dabei wird schon einiges versucht: Wer einen Lehrer in die Stadt vermittelt, bekommt eine Prämie von bis zu 500 Euro, erklärt Schuldezernent Michael Frost. Für diejenigen die sich verpflichten, später in Bremerhaven zu arbeiten, gibt es Stipendien fürs Lehramtsstudium.

Michael Frost, Schuldezernent Bremerhaven

„Wir sind auf Kante genäht“

Frost fasst es in einem Satz zusammen: „Wir stellen jederzeit Lehrer ein.“ Manche Eltern glaubten, es liege am Geld. „Aber das Geld ist in diesem Fall nicht das Problem. Wir finden einfach nicht genügend ausreichend qualifizierte Bewerber.“ Die Situation in der Altwulsdorfer Schule zumindest werde nun wohl etwas besser: Einige Lehrkräfte würden kurzfristig Stunden aufstocken und am Donnerstag fange eine neu eingestellte Lehrkraft direkt dort an. Für die anderen Schulen ist der Aushilfspool weiter leer. „Wir sind auf Kante genäht“, sagt Frost.

Während es laut Frost zumindest bei den Lehrerstellen nicht am Geld hapert, kritisiert die Lehrergewerkschaft GEW massive Kürzungen bei den Mitteln für Investitionen und Lernmittel. Damit es im nächsten Haushalt nicht zu weiteren Kürzungen kommt, ruft die Gewerkschaft für Donnerstag zu Protesten vor der Stadtverordnetenversammlung auf.

Investitionsetat: null Euro

Die veranschlagten 650.000 Euro an Investitionsbedarf wurden 2016 komplett nicht bewilligt, erklärt Frost. Haushaltskonsolidierung, Schuldenbremse – der Schuletat war bei den Investitionen von Sparmaßnahmen ebenso betroffen wie andere Bereiche der Stadt. 2017 wurden im Frühjahr zumindest 360.000 Euro für die Schulen nachbewilligt.

Eine Referendarin, die an einer Bremerhavener Schule arbeitet, erklärt die Situation so: „Wir haben in einer Klasse für 18 Schüler acht Bücher im Schrank, die sie zudem nicht mit nach Hause nehmen dürfen. Wenn dann noch der Kopier-Etat gedeckelt wird, wie soll man da noch unterrichten?“

Von einem „dramatischen Einschnitt“ spricht auch Frost. Es gehe nicht nur um Schulbücher, sondern auch um die PC-Ausstattung oder um Werkstattgeräte in den Berufsschulen: „Ohne investive Mittel lässt sich nicht mehr zeitgemäß unterrichten.“ Und die Ausstattung gehöre auch zu den Dingen, die einen Arbeitsplatz für Lehrer attraktiv machten.

„Sündenfall“ der Koalition

Bei der SPD scheint man einzulenken. „Bildung soll im nächsten kommunalen Haushalt ein Schwerpunkt werden“, sagte Bremerhavens SPD-Chef Martin Günthner in der Nordsee-Zeitung. Laut Günthner sei es „ein Sündenfall“ gewesen, dass die Große Koalition in Bremerhaven bei den Sachmitteln für die Schulen gekürzt habe. Der stellvertretende Landeschef Elias ­Tsartilidies wird im gleichen Bericht mit dem Vorschlag zitiert, Unterrichtsstunden wegen des Lehrermangels etwa im Fach Deutsch zu reduzieren.

Ausfall „katastrophal“

Sülmez Doğan, grüne Schulpolitikerin aus Bremerhaven, kann diesen Vorschlag kaum fassen. Deutsch sei gerade das Fach, in dem man am wenigsten reduzieren sollte, sagte sie der taz. Insgesamt sei der Unterrichtsausfall für Bremerhaven, als Stadt mit großer Kinderarmut, „katastrophal“: „Das geht gar nicht, es gibt genug alleinerziehende Frauen, die arbeiten müssen und da­rauf angewiesen sind, dass ihre Kinder zur Schule gehen.“

Kristina Vogt, Vorsitzende der Bremer Linksfraktion, sieht auch das Land Bremen in der Pflicht. „Neben dem Schuldezernenten Frost ist auch Bildungssenatorin Bogedan in der Verantwortung, hier für schnelle Abhilfe zu sorgen.“ Vogt schlägt vor, die Aufstockung von Teilzeitstellen als Modell zu entwickeln.

Bei der Bildungssenatorin sei die Situation in Bremerhaven Thema, sagt deren Sprecherin. Bei den Referendariaten, für die das Land zuständig sei, habe man bereist aufgestockt. Bei der Lehrergewinnung aber sei die Kommune Bremerhaven autark.

Protestkundgebung der GEW: Donnerstag (26.10.2017), 14 Uhr vor der VHS, Eingang Loydstraße, Bremerhaven

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