Inspektor im Delirium

„Er ist eine Art Höllenmaschine“

Gary Victor und sein Übersetzer Peter Trier lesen aus dem Roman „Suff und Sühne“, der die Korruption Haitis und der UN-Mission MINUSTAH aufgreift

Schutz durch die UN: Wer gut ist, wer böse, das ist in Haiti nicht auf Anhieb zu erkennen. Foto: Andres Martinez Casares (dpa)

taz: Monsieur Victor, Warum sind Ihrem Inspektor Dieuswalwé Azémar die zwei W in seinem Vornamen so wichtig?

Gary Victor: Azémar stammt vom Lande, und in seiner Geburtsurkunde steht ja der Vorname Dieusoitloué, also Gottseigelobt. Solche Namen geben die Bauern in Haiti manchmal ihren Kindern.

Und er hat ihn kreolisiert?

Ja, er hat ihn kreolisiert – und legt damit diese provinziellen Ursprünge ab, die der Name verrät. Auf diese Namensänderung ist er sehr stolz, weil sie seinen sozialen Aufstieg spiegelt.

General Urano Teixeira da Matta Bacellar hatte seit September 2005 das militärische Kommando der "UN-Mission zur Stabilisierung Haitis" MINUSTAH inne. Der Katholik und Vater zweier Kinder wurde am Samstag, 7. Januar 2006, nur in Unterwäsche bekleidet, erschossen auf dem Balkon seiner Hotelsuite aufgefunden, wo er bis kurz vor seinem Tod im Liegestuhl gesessen und wohl ein Buch gelesen hatte.

Sein Tod wurde nach zweitägiger Untersuchung als Suizid eingestuft, obwohl keine Hinweise auf eine Depression und kein Abschiedsbrief vorlagen .

Vorgelegen hatten allerdings Streitigkeiten um die Ausrichtung der Mission, erinnerte im Februar 2006 das Mitglieder-Magazin der Médécins Sans Frontières anlässlich des "suspekten Todes" des Generals. Beim Streit soll Teixeira, anders als sein Vorgänger und sein ziviler Widerpart, abgelehnt haben, sich im Sinne der USA in politische Angelegenheiten Haitis einzubringen.

Laut Menschenrechts-Beobachtern der Miami University (2004) und der Harvard Law-School (2005) scheint diese Einmischung zuvor auch die Rückendeckung für wenn nicht Beteiligung an gegen Anhänger von Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide gerichtete Terror-Kommandos durch Blauhelme umfasst zu haben, bei denen es zu gezielten Tötungen kam.

Diese Version stützen 2011 von wikileaks veröffentlichte, von Aftenposten und vom The Guardian ausgewertete diplomatische Depeschen. Sie bestätigen die von der haitianischen Traditionszeitung Le Nouvelliste vier Tage nach dem Leichenfund gestellte Prognose, Brasilien werde nicht auf Aufklärung des Todesfalls drängen, weil es dadurch seine Chancen auf einen Sitz im UN-Sicherheitsrat schmälere.

Auch sonst hat MINUSTAH eine düstere Bilanz. Sie war Ursache der Cholera-Epidemie mit 754.000 Erkrankten und 9.000 Toten und ist laut einem Rapport von elf haitianischen NGOs schuld am Anstieg von Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Ein im Januar vorgelegter unabhängiger Bericht bestätigte diesen Vorwurf: Allein für die Zeit von 2008 bis 2015 benennt er die Zahl von 564 Opfern, die zu einer persönlichen Aussage bereit waren. (bes)

Die zwei W helfen ihm in „Suff und Sühne“, sich der Realität zu vergewissern: Er befindet sich mitten in einer Alkohol-Entziehungskur, vollgekotzt und delirierend. Trotzdem muss man sich auf seine Wahrnehmung verlassen.

Auch der arme Inspektor muss sich auf seine Wahrnehmung verlassen, obwohl er stark an ihr zweifelt. Es bleibt ihm nichts übrig, als sich zu sagen: Egal, ich muss voran machen, bis ich verstehe, was hier vor sich geht.

Das macht die erzählte Wirklichkeit ungewiss. Wäre der Plot sonst zu unwahrscheinlich?

Nein. Im Gegenteil. Ich glaube, die Wirklichkeit übertrifft die Fiktion. Ich sage mir, während ich schreibe: Leider, leider wird die Realität in Haiti mal wieder locker darüber hinaus gehen. Und ich kriege immer den Beweis dafür, dass dem auch so ist: So heftig wie die echten Intrigen, das schaffe ich nicht.

Sie spielen im Roman auf den Tod des zweiten militärischen Oberbefehlshabers der UN MINUSTAH-Mission an: General Urano Teixeira da Matta Bacellar soll sich einfach so erschossen haben,…

Exakt. Das ist eine Geschichte, über die nicht viel berichtet wurde. Auch in Haiti hat man sie schnell untern Teppich gekehrt – obwohl es zahllose zweifelhafte Verwicklungen gab, die einer tieferen Untersuchung bedurft hätten.

Für die bräuchte man eine Figur wie Ihren Inspektor: Ehrlich und unerschrocken. Haben Sie ihn deshalb erfunden?

Alles zusammen genommen war es eher, um zu zeigen: Wenn man in Haiti ehrlich und unerschrocken ist, bewegt man sich an der Schwelle zum Wahnsinn. Wir haben eine Gesellschaft, in der diejenigen, die anständig bleiben wollen in einer ewigen Zerrissenheit leben: Sie müssen für ihre Ehrlichkeit bezahlen und ihre Folgen tragen.

58, Romancier, Politiker und Journalist, 1996 bis 2000 Generalsekretär des Senats (Departementskammer) von Haiti, Autor von 18 Romanen und über 100 Erzählungen

…und wie Azémar selbst zum Mörder werden?

Nein. Er wird Alkoholiker. Er trinkt um dem sozialen Druck standzuhalten – denn wenn Sie in einer korrupten Gesellschaft leben, erwarten alle von Ihnen, dass Sie sich der anpassen, allein schon damit Sie Geld kassieren und Ihrer Familie helfen können. Aber, nein, er würde sich nicht als Mörder betrachten. Das nicht. Man kann sagen, dass er in einer Gesellschaft, deren Justiz versagt, die Gesetze nicht respektiert. Er befolgt zum Beispiel nicht das Gesetz, nachdem Killer ins Gefängnis gesteckt werden müssen.

Ein paar erschießt er.

Das macht er aber nicht, weil er das will. Er ist eine Art Höllenmaschine zur Herstellung von Gerechtigkeit.

Er führt den Zustand der Entfremdung aber mitunter selbst herbei, etwa als er sich von einem Magier ein Amulett unter die Haut nähen lässt…?

Das sollte man nicht zu wörtlich nehmen: Azémar ist eher Rationalist. Er glaubt nicht so sehr an diese Vorstellungen. Er ist aber, wie gesagt, ziemlich fertig in diesem Buch, und gerät in absolute Grenzsituationen. Da greift er auf solche Praktiken zurück, die seine Nachtseite wachrufen.

Ihr Rückgriff auf Dostojewski, der sich nicht auf den Titel beschränkt, legt nahe, ihr Buch als Haiti-Diagnose zu lesen: Hatten Sie das so vor?

Meine bescheidene Intention war schon, diese Diskussion über Gut und Böse aufzugreifen, ausgelöst von den Fragen: Wie ist es möglich und wann ist es notwendig, aus unsicheren Lebensumständen heraus, wie denen meines Landes, zur Tat zu schreiten? Wo wird das Handeln durch unsere Vorstellung von Moral gehemmt? Und wie lässt sich handeln, ohne den Unterschied zwischen Gut und Böse preiszugeben? Diese philosophische Reflexion über die Ungleichheit ist die meines Landes. Sie liegt auch diesem Buch zu Grunde. Sie ist hochkompliziert und schrecklich aktuell. Denn wer sich moralischen Werten unterwirft und entschlossen ist, sie zu bewahren, muss doch für sich klären, ob er die Mittel hat, sie gegen jene zu verteidigen, die Böses tun. Und wie ihm das gelingen kann, ohne das aufzugeben, was er verteidigt.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de