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Roma von der Straße geholt

Integration Das Projekt "Nostel" für obdachlose Roma-Familien legt eine erste Bilanz vor. Es erhält Lob von Senat und Opposition

Viel war bislang nicht bekannt über das Projekt „Nostel“. Man wusste, dass es elf Wohnungen sind für obdachlose Roma-Familien. Man wusste, dass die Familien dort nur einen Monat bleiben sollen und dass ihnen der Verein Phinove in dieser knappen Zeit helfen will, das Leben zu ordnen: Wohnung und Arbeit, Schule und Kita für die Kinder, Gesundheitliches. Doch ob dieses ehrgeizige Vorhaben gelingt, darüber war bislang wenig zu erfahren. Am Donnerstag legte nun die Projektleiterin von Nostel, Anna Hanf, im Integrationsausschuss des Abgeordnetenhauses erstmals Zahlen vor.

Danach brachte Phinove im Zeitraum von Oktober 2014 bis Ende 2015 in den elf Wohnungen 27 Familien mit insgesamt 116 Personen unter; 18 Familien waren bis Ende 2015 wieder ausgezogen. Von diesen 18 hatten nach Hanfs Darstellung 13 am Ende ihres Nostel-Aufenthalts eine legale Arbeit (vor der Unterbringung nur zwei). Elf Familien bekamen als Aufstocker Hartz IV oder andere Sozialleistungen. Fünf Familien verdienten laut Hanf so viel, dass sie keine Sozialleistungen benötigten, zwei Familien wollten keine staatliche Hilfe.

Zudem konnte Phinove von den 18 Familien sieben in Wohnungen oder Wohnprojekten unterbringen. Weitere sechs Familien wurden einem Obdachlosenwohnheim oder einer Pension zugewiesen. Letzteres sei, räumte Projektleiterin Hanf ein, nur eine „Notlösung“. Aber es sei wegen der existierenden Vorurteile gegenüber Roma oft schwierig oder sogar unmöglich, Wohnraum für die Familien zu finden.

Drei Familien kamen zudem bei Freunden oder Familie unter, zwei Familien kehrten nach Rumänien beziehungsweise Bulgarien zurück. Aus diesen beiden Ländern stammten alle in den Nostels betreuten Familien, erklärte Hanf. Zu der Vorgabe, die Familien sollten nur vier Wochen in den Nostels bleiben, erklärte die Projektleiterin, dies sei eine „sehr optimistische Idee“ gewesen.

Tatsächlich blieben die Menschen im Durchschnitt vier Monate. Dies liege unter anderem daran, erklärte Hanf, dass die Jobcenter nur sehr langsam die Anträge auf Leistungen bearbeiteten. Zudem würden fast alle Anträge erst einmal abgelehnt. „Wir müssen fast alles einklagen“, sagte Hanf.

Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) zeigte sich nach der Präsentation erfreut: „Das Projekt funktioniert gut, wir sind mit der Arbeit zufrieden.“ Auch die Abgeordneten hatten wenig Kritik an Phinove anzubringen. Die Linkspartei-Abgeordnete Elke Breitenbach wies darauf hin, dass die Unterbringung von Kindern in Einrichtungen für Obdachlose „nicht zumutbar“ sei. Aber alles in allem, erklärte Pirat Alexander Spieß, seien die Nostels angesichts der Wohnungsnot zwar ein „Tropfen auf den heißen Stein, aber begrüßenswert“.

Auch der CDU-Abgeordnete Burkhard Dregger wies darauf hin, dass die Größe des Nostel-Projekts „eher überschaubar“ sei, was ihn zu der Frage führte: „Wie schätzt der Senat das Kosten-Nutzen-Verhältnis ein?“ Senatorin Kolat erklärte, die Kosten für das Projekt beliefen sich auf jährlich 150.000 Euro. Bei rund 100 Menschen, denen 2015 geholfen wurde, seien das ja nur 1.500 Euro pro Person – „gut angelegtes Geld“, befand sie. Dass 2015 für die Nostels zusätzlich 250.000 Euro Bundesmittel ausgegeben wurden, erwähnte sie nicht. Susanne Memarnia

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