Kolumne German Angst

Entwicklungstechnisches Ödland

Das deutsche Leid ist grenzenlos – zumindest wenn man es an der Oder-Neiße-Grenze misst – und immer eine diplomatische Katastrophe.

Erika Steinbach mit kostümierten Menschen

Die Oder-Neiße-Grenze erkannte sie nicht an, aber dafür diese Kostüme: Erika Steinbach (ohne Kostüm), hier 2010, als sie noch BdV-Vorsitzende war. Foto: reuters

Sechzig Millionen Menschen sind in diesen Monaten weltweit auf der Flucht. So viele, wie nie zuvor gezählt wurden. Warum gibt es in Deutschland eigentlich keine Bundesstiftung, die für das Thema zuständig ist?

Ah, gibt es doch. Es gibt die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, diesen Klotz am Bein der Bundesregierung. Sie war gegründet worden, um „an die Vertreibung von 60 bis 80 Millionen Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ zu erinnern. Das 21. Jahrhundert könnte also ihre große Zeit sein! Ist es aber nicht.

Im Stiftungsrat nämlich dominiert der Bund der Vertriebenen (BdV). Zwei Direktoren wurden über das Jahr verschlissen. Nachdem der Wunschkandidat der Vertriebenen, Winfried Halder, auserwählt worden war, verließen alle nichtdeutschen Mitglieder den wissenschaftlichen Beraterkreis. Halder trat dann trotzdem nicht an.

Im BdV geht es indes leisetreterisch zu, seit die notorische Revisionistin Erika Steinbach auf Twitter abgeschoben wurde ( „;-)“ ). Die war noch gegen den EU-Beitritt Polens, stand 1991 eisern gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. In ihrer 16-jährigen Amtszeit prägte sie vor allem das Bild des BdV als nationalistisch und revisionistisch. So ist es eben. Wenn die Deutschen an ihr Leid erinnern, verlieren sie das Maß. Das deutsche Leid ist grenzenlos, zumindest wenn man es an der Oder-Neiße-Grenze misst, und immer eine diplomatische Katastrophe.

Aber nun ist es so weit. Die Landsmannschaften haben kapituliert. Nicht so, wie Sie jetzt denken. Vor dem Zahn der Zeit. Die realitätsverneinende Volksdeutschigkeit beginnt sich in Zeitgeistfloskeln aufzulösen, seit die echten Vertriebenen eine Rarität geworden sind.

Der neue BdV-Präsident Bernd Fabritius betont die Gemeinsamkeiten der neuen und der alten Vertriebenen. Es heißt nun „binationale Identität“, „mehrfacher kultureller Hintergrund“ oder „Diskriminierungserfahrung“. Tatsächlich berät der BdV auch Flüchtlinge, bisher wusste man das nur nicht. Die Russlanddeutschen könnten deren Lage besonders gut nachvollziehen, betonte jüngst auch der Regierungsbeauftragte für Aussiedlerfragen, Hartmut Koschyk, auf einer Berliner Konferenz. Und auch die anwesenden Landsmannschaften lobten Merkels Flüchtlingspolitik.

Top-down-Prinzip. Das kennen die alten Kameraden noch ganz gut. Funktioniert trotzdem nicht. Bis vor Kurzem konnte man die Konservativen zur Weißglut bringen, nannte man die Geflüchteten von heute Vertriebene. Nun tun sie das selber.

Aber 70 Jahre reaktionäre Politik tun das ihrige in den ergrauten Köpfen: nichts. Entwicklungstechnisch bleibt dort Ödland. Geistiges Stalingrad. Darum bekommt ein alter Mann im Publikum viel Applaus. Er hatte nach einer finalen territorialen Rehabilitierung verlangt und gerufen: „Kaliningrad ist deutsch.“ In den letzten Jahrzehnten hat er wohl vergessen, dass er Königsberg meint.

Wie reagiert man nun auf diesen müden Volkssturm? „Ich habe Sie nicht ganz verstanden“, antwortete der russische Botschafter kühl. „Möchten Sie zurück nach Russland?“

Treffer. Versenkt.

.

Vollzeitautorin und Teilzeitverlegerin, Gender- und Osteuropawissenschaftlerin.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben