Spurensuche in Aribert Heims Versteck: Das zweite Ich des Naziverbrechers

In Ägypten war Aribert Heim nur als zurückgezogener Mensch bekannt, der den Islam liebte und stets seine Hotelrechnung pünktlich bezahlte.

Dem Täter auf der Spur: Nach Aribert Heim wurde bereits seit Jahrzehnten gefahndet. Bild: dpa

Es ist ein vollkommen heruntergekommener, geschichtsträchtiger Ort. Nichts deutet daraufhin, dass dieses ehemalige Hotel im Zentrum Kairos jahrelang dem meistgesuchten Naziverbrecher als Fluchtort diente. Der Mann ist seit 17 Jahren tot, das Hotel ebenfalls seit langem geschlossen. Bei der Kairoer Telefonauskunft wird es nicht geführt und so dauert es ein Weile bis man das Haus 414 in der Moski-Strasse findet. Nur ein verstaubtest Schild mit der Aufschrift "Qasr Al-Madina" – zu deutsch "Stadtpalast" ist übrig geblieben.

Zumindest für die heutige Zeit ein eher irreführender Name. Der Aufzug ist kaputt. Die Treppe zum Zimmer Aribert Heims im siebten Stock ist verdreckt, ein paar Büros haben ihre Aktenkartons dort abgestellt.

Das Zimmer des Todesarztes von Mauthausen befindet inzwischen eine einfache Teeküche, in der Gamal Abu Ahmad seinen Tee und Kaffee zubereitet, den er unten auf der belebten Strasse den Passanten oder den Ladenbesitzern verkauft. "Hier stand früher sein Bett", erzählt Abu Ahmad und deutet auf eine Ablage der Teeküche auf der sich altes vertrocknetes Fladenbrot und ein Schüssel braune Bohnen befinden. Abu Ahmad hat früher in dem Hotel gearbeitet und kannte Heim persönlich. "Ein sympathischer und freundlicher Mann", erinnert er sich. Meist sei er mit Jeans und einem kurzärmeligen Hemd bekleidet gewesen. "Er hatte die Gesundheit eines Kamels, hat nicht geraucht und war nie krank" sagt er. Selbst damals, als der Aufzug noch funktionierte, habe Dr. Hussein, als der der zum Islam konvertierte Deutsche den Bewohnern und Mitarbeitern des Hotels bekannt war, stets immer nur mit schnellen Schritten die Treppe benutzt - "meist um in der nahe gelegenen Azhar-Moschee beten zu gehen", blickt Abu Ahmad zurück.

Freunde und Bekannte habe er keine gehabt, meist sei er nur mit den Leuten aus dem Hotel zusammen gewesen. Gegessen habe er meist alleine. "Einmal am Tag hat er für alle frischen Zitronensaft ausgepresst", entsinnt sich Abu Ahmad. Ansonsten sei er eher unauffällig gewesen, habe immer das Hotel pünktlich bezahlt und den Mitarbeitern des Hotels Umschläge mit ihrem Trinkgeld überreicht. Arabisch habe er nur gebrochen gesprochen - die Grußformel "Friede sei mit dir" oder "Wie geht’s". Mehr konnte er nicht.

Sieben Pfund am Tag habe das Hotel gekostet, heute umgerechnet ein Euro. Gearbeitet habe Dr. Hussein nie, alle drei Monate sei sein Sohn oder seine Tochter vorbeigekommen, um ihm Geld zu bringen. "Er hat nie irgendjemanden um irgendetwas gebeten. Selbst einkaufen ist er stets alleine gegangen."

Warum er diesen Ort gewählt hat? Abu Ahmad führt zum Fenster und deutet nach draußen. Draussen brummt und rumort das Zentrum der 18 Millionen Stadt Kairo. "Er hat die Altstadt geliebt und war in der Nähe der islamischen Azhar-Universität, wo er immer zum beten ging", erinnert er sich. Den Rest der Zeit habe er mit dem Lesen irgendwelcher ausländischer und religiöser Bücher verbracht.

Als er starb kam kurz die Polizei vorbei, um seinen Tod zu bestätigen. Dann wurde die Leiche von einem Krankenwagen abgeholt, erzählt Abu Ahmad. Die Krankenhausverwaltung habe beschlossen ihm in einem Armengrab zu bestatten. "Als er starb", sagt der ägyptische Teekocher, "war ich traurig, weil er so lange unter uns gelebt hat. Dr. Hussein war eine respektvolle Person, mit Charisma, groß und stark, mit gutem Herzen und großzügig", charakterisiert Abu Ahmad das zweite Ich des Naziverbrechers. Über die Vergangenheit "des Deutschen" wusste er nichts. Vor kurzem habe er gehört, dass Dr. Hussein früher in Deutschland ein großer Arzt gewesen sei. Was er dort aber genau gemacht hat? – Abu Ahmad zuckt mit seinen Schultern.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de