DJane Jennifer Cardini: „Man will meine Gagen drücken“

Die französische DJane und Produzentin Jennifer Cardini über die Notwendigkeit des Warm-ups und das schwierige Standing von Frauen in der elektronischen Popmusik.

„Mit meinem Label möchte ich untypische Clubmusik pushen“: Jennifer Cardini, DJane und Produzentin. Bild: Kompakt

taz: Jennifer Cardini, stimmt es, dass Sie Ihr Label Correspondant während einer Phase der Schlaflosigkeit gegründet haben?

Jennifer Cardini: Ja, das stimmt. Schlaflosigkeit ist schrecklich. Wenn ich nur bis 6 Uhr morgens nicht schlafen könnte, wäre das perfekt. Das bin ich ja von den Wochenenden gewöhnt. Aber leider ist bei mir alles umgekehrt: Ich falle um 19 Uhr ins Bett und wache mitten in der Nacht auf. Ich gehe nun auf die 40 zu und musste einiges an meinem Leben ändern. Zum Beispiel den Alkoholkonsum habe ich komplett auf null gefahren. Das hat meinen Körper, meinen Kopf und meinen Schlaf komplett durcheinandergebracht. Anstatt dann literweise Kaffee zu trinken und Zigaretten zu rauchen, habe ich angefangen, mich mit dem Label zu beschäftigen. Das wollte ich sowieso schon lange machen.

Warum?

Wenn ich auftrete, geben mir DJ-KollegInnen und Partygäste immer Demos mit. Mit der Zeit hatten sich ziemlich viele angesammelt, die ich spannend fand. Die Tracks meiner Compilation sind zwar alle tanzflächenkompatibel, zeichnen sich aber durch einen relativ gemächlichen Rhythmus aus. Bedächtiger Minimaltechno, mag ich sehr. Mit dem Label möchte ich gerne untypische Clubmusik pushen.

Seit über 15 Jahren gehört Jennifer Cardini zu den prägendsten Figuren der elektronischen Musikszene Frankreichs. Zunächst vom Chicago House und Detroit Techno beeinflusst, entwickelte sich ihr Stil bald in Richtung Experimental- und Minimaltechno. 1998 zieht sie von Nizza nach Paris und legt als Resident-DJ in zwei der einflussreichsten Clubs der damaligen Zeit auf: dem Pulp und dem Rex – beide zugleich Labor der regionalen Szene als auch legendäre Gastgeber neuester Entwicklungen aus aller Welt. Bis heute veranstaltet sie im Rex ihre Partyreihe „Correspondant“, wodurch der berlintypische Minimal Sound in Frankreich erst bekannt wurde. 1996 erscheint ihre erste Single, der Acidhouse-Track „Trash Cocktail / Puss Och Kram“ bei Pumkin Records. Es folgen Veröffentlichungen bei Crosstown Rebels, Mobilee und Kill the DJ. Seit 2008 lebt die 39-Jährige in Köln und steht als Künstlerin bei Kompakt unter Vertrag. 2010 gründet sie ihr eigenes Label – ebenfalls „Correspondant“ genannt. Vor Kurzem ist der von ihr zusammengestellte Sampler „Correspondant“ erschienen.

Live: 20. April, „Distillery“, Leipzig

Galt es da etwa, eine Lücke in der Labellandschaft zu schließen?

Nein, nicht direkt. Angesichts des traurigen Zustands der Musikindustrie könnte man sogar meinen, ein neues Label braucht keiner. Aber es ist anders: Als Musikerin, die unter Vertrag steht, muss ich ja auch meine eigenen Tracks produzieren. Dabei bin ich sehr langsam, fühle mich unsicher, es fällt mir schwer. Die Labelgründung war vielleicht eine Art Entschuldigung, um nicht mehr selbst ins Studio gehen zu müssen.

Correspondant – so heißt sowohl Ihr 2010 gegründetes Label als auch die Partyreihe, die Sie im Pariser Rex Club seit über zehn Jahren veranstalten. Sie scheinen an dem Namen zu hängen.

Ja. Der Name kam, als ich die Reihe zunächst im Nouveau Casino gestartet habe. Damals habe ich viele deutsche DJs nach Paris eingeladen, wie beispielsweise Michael Mayer. Das war ein wenig wie früher als Kind, wenn man einen Correspondant (Brieffreund) aus einem anderen Land hatte. Man hat sich gegenseitig geschrieben und besucht. Die DJs haben bei mir übernachtet und ich habe für sie gekocht. Umgekehrt lief es genauso. Statt Briefe haben wir viel Musik ausgetauscht.

Verdienen weibliche DJs weniger als ihre männlichen Pendants? Zumindest für Berlin kann das die DJ und Bookerin Barbara Preisinger nicht bestätigen: „VeranstalterInnen versuchen das Honorar nach unten zu drücken – egal ob ein Mann oder eine Frau hinter den Plattenspielern steht.“ Der DJ-Markt sei generell enger geworden: „Da KünstlerInnen kaum noch Geld durch Plattenverkäufe verdienen, verlangen sie höhere Gagen.“ Doch in Berlin, wo ein Überangebot an DJs herrscht, lassen sich viele ausbeuten. Aus ihrer Erfahrung weiß Preisinger, dass weibliche DJs nach wie vor belächelt und seltener gebucht werden.

Die Bookerin Mo Loschelder stimmt ihr zu: „Unter seriöser Musik verstehen viele Veranstalter männliches Nerdtum.“ Es sei schwieriger, Frauen zu vermitteln – vor allem wenn die Veranstalter selbst Männer seien, was in der Clubszene verbreitet ist. Sie verweist auf das internationale Netzwerk Female Pressure, das von Künstlerinnen aus dem Bereich des elektronischen Pop gegründet wurde und Anfang Februar eine umfangreiche Statistik über die Präsenz von Frauen bei Raves und auf Festivals im Internet veröffentlichte. Die Zahlen belegen drastisch, wie unterrepräsentiert weibliche DJs weltweit sind. Veranstalter gäben mittlerweile zu, sie würden unbewusst Männer bevorzugen, und geloben Besserung. „Zu konkreten Veränderungen hat das noch nicht geführt, aber die Leute werden sensibilisiert“.

„So ein Quatsch!“, sagt ein Verantwortlicher des Berliner Clubs Watergate. „Ob Möse oder Schwanz, spielt beim DJ-Gehalt keine Rolle.“ Entscheidend seien die Qualität der Performance und die Plattenauswahl. Außerdem gebe es wirklich größere Probleme als die Sexismusdebatte, meint der Herr, der nicht mit Namen genannt werden will. Immerhin gibt er zu: „Typen sind gieriger, fordern mehr Geld, manchmal auch jenseits unserer finanziellen Kapazitäten.“ Frauen seien als DJ genauso versiert wie ihre Kollegen, wären im direkten Umgang aber viel teamfähiger und hätten generell mehr Einfühlungsvermögen. Beim Thema Honorar zeigten sie oft mehr Verständnis für die Gegenseite.

Zur Compilation haben Sie dann doch mit einem eigenen Track namens „Venom“ beigetragen.

Stimmt. Zwar hat der Lebensstil, den ich 20 Jahre lang geführt habe, meiner Kreativität geschadet. Aber durch das Label ist dann eine großartige Energie in mir freigesetzt worden, die von der Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen kommt. Das motiviert mich. Außerdem hatte ich im Laufe meiner Karriere das Glück, dass mir viele Leute geholfen haben. Jetzt möchte ich jungen und unbekannten Künstlern das Gleiche ermöglichen.

Das Video zu „Venom“ verwendet Ausschnitte aus Friedkins Film „Cruising“.

Momentan überlege ich, vielleicht eine ganze Reihe von Tracks zu machen, die als Ausgangspunkt Filme haben. Dieses drückende, futuristische Ambiente – wie man sich in den Achtzigern die Zukunft vorgestellt hat, so eine irre diskoide Stimmung findet sich auch in der Musik meiner Compilation wieder. Film ist jedenfalls eine wichtige Inspirationsquelle für mich.

Wie schwierig war es eigentlich, sich als DJ zu behaupten?

Mitte der Neunziger entstand die Technokultur in Frankreich gerade erst. Es gab kaum DJs, geschweige denn weibliche. Ganz ohne Skrupel: Ich habe von dem Hype um die wenigen „DJ Girls“ profitiert. Anfangs bin ich auch hauptsächlich auf Partys für Frauen aufgetreten, die von Männern organisiert wurden. Die Flyer waren rosa und darauf stand ganz groß in Pink: „Girls“. Das hat schon genervt. Wenn mich jemand buchen wollte, nur weil ich ein Mädchen bin, habe ich mir aber gedacht: Eines Tages werden sich meine Leidenschaft, Experimentierfreudigkeit und eine kompromisslose Musikauswahl auszahlen.

So rosig klingt das ja nicht.

Nein. Das wiegt auch die ganze Plackerei, die unzähligen Stunden im Plattenladen und zu Hause am Mischpult nicht auf. Es ist zwar inzwischen für Frauen leichter geworden, aber die Elektronikpopszene ist nach wie vor männerdominiert und leider chauvinistisch.

Wie zeigt sich das?

An den Gagen zum Beispiel. Das Honorar eines DJs wird selten infrage gestellt. Bei mir oder Kolleginnen wie Chloé aber versuchen die Veranstalter oft, den Preis zu drücken. Das hat mir unsere Bookerin – auch Mitbegründerin vom Label Kill the DJ – Fanny Corral erzählt. Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt es also auch in der Technowelt.

Umso mehr überrascht, dass außer Ihnen nur eine einzige weitere Frau auf der Correspondant-Compilation vertreten ist.

Es liegt jedenfalls nicht an meinem mangelnden Willen. Bei jeder Gelegenheit, ob im Interview oder im Radio, sage ich: Ladys, schickt eure Demos! Vielleicht sind sie einfach zu schüchtern? Ich stelle auch fest, dass Frauen oft mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert werden, sobald sie ein Kind bekommen. Ein DJ-Dasein lässt sich offensichtlich nur schwer mit Familienleben vereinbaren. Klar hängt das auch vom Partner ab, aber nicht nur. Ich sehe es ja an mir. Weil ich am Wochenende ständig unterwegs bin, verpasse ich jede Geburtstagsparty, jeden Umzug. Wenn ich dann mal umziehe, hilft mir keiner!

Vor vier Jahren sind Sie von Paris nach Köln gezogen. Wie kam es dazu?

Der Liebe wegen. Ich brauchte einen gesunden Abstand zu Paris, um meinen Lebenswandel zu ändern. Frankreich war mir auch viel zu reaktionär geworden. Aber ich fahre wegen meiner Reihe regelmäßig nach Paris. Momentan brodeln Nachtleben und elektronische Musikszene wieder. Es gibt auch jede Menge neuer kleiner Labels. Außerhalb von Paris wird es dann leider schwieriger. Allgemein hat elektronische Popmusik in Frankreich leider noch nicht den Status erreicht, den sie in Deutschland genießt.

Warum haben Sie „Correspondant“ mit einem Instagram aus den besten Club-Momenten verglichen?

Damit meine ich eine Spontanität und Intensität, die ich mit meinen Warm-ups im Rex verbinde. Wenn der Club noch leer ist, spiele ich gern atmosphärische Musik, oft auch Soundtracks. Manchmal dauert es über eine Stunde, bis der erste Beat einsetzt. Meine Compilation erinnert mich an diesen Moment, in dem sich etwas aufbaut und die Stimmung des Abends langsam aufsteigt.

Den Warm-up zu Beginn des Abends stellt man sich als undankbare Aufgabe vor. Die Tanzfläche ist ja noch leer.

Vom Warm-up hängt aber der gesamte Abend ab. Als blutige Anfängerin hatte ich geballert, was das Zeug hält, was nicht funktionierte. Einen gelungenen Warm-up schafft nur, wer technisch bewandert ist und über genreübergreifendes Musikwissen verfügt. Und: Man muss auch sein eigenes Ego zurückstellen. Meine Aufgabe ist es, die Spannung langsam aufzubauen, damit die Leute dann komplett abgehen, sobald meine Gäste ihren Set starten. Wenn es so läuft, bin ich richtig glücklich.

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