Nach dem DFB-Pokalfinale

Stoßstürmer Robben

Pep Guardiola ist doch ein großer strategischer Denker, die Fans sind launisch und einer hat noch viel zu tun. Drei Thesen zum DFB-Pokal-Finale.

Peps Plan B war ein ziemlich guter, weshalb er nachts im Flittergoldregen stand. Bild: dpa

Fußball ist eine Bewegungssportart. Weltweit werden Milliarden bewegt. Auch die Fans sind sehr bewegt. Ihre Emotionen sind ja der Treibstoff der großen Fußballbewegung. Mal gerieren sie sich als Traditionalisten und wollen partout in der Kurve stehen und nicht sitzen. Mal wollen sie es modern und total technisiert im Stadion haben. Gar nicht so einfach mit ihnen. Die Bewegung ist launisch. Nach dem Pokalfinale, das die Bayern am Samstagabend mit 2:0 in der Verlängerung gegen Borussia Dortmund gewonnen haben, ertönt der Schrei nach der Torlinientechnik wieder kreischend laut.

Die Bewegung, vor allem die schwarz-gelbe, hätte gern ein Hawk Eye, GoalRef, Cairos oder GoalControl – und wie die Überwachungssysteme alle heißen. Hauptsache Ballüberwachung. Der Kopfball von Hummels, das wissen mittlerweile alle, war drin. Auf Twitter zeichnen sie jetzt wieder alle diese lustig-verzerrten Torlinien, um zu illustrieren, wie absurd die Entscheidung des Schiedsrichters war. Alle sind irgendwie betroffen, nur Matthias Sammer, der auf eine gewisse Weise beim FC Bayern beschäftigt ist, fragte: „Welches Tor meinen Sie?“ Welches Tor? Na, sicher nicht das von Robben und Müller. Das Ding war also drin, und somit auch die Legende in der Welt von der Benachteiligung der Dortmunder.

Dabei sind beide Klubs technikaffin. Als die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in diesem Frühjahr abstimmen ließ, wer für die Torlinientechnik sei, da hoben Vertreter beider Vereine die Hand. Trotzdem entschied man sich in der DFL gegen die Ballüberwachung, weil keine Zweidrittelmehrheit im Gremium der 36 Profiklubs zustande kam. Etliche Zweitligavereine stellten sich stur. Die Kosten, angeblich. „Damit müssen wir uns abfinden“, hat BVB-Coach Klopp am Samstag gesagt, „was sollen wir denn machen?“ Fußball und Fatalismus – Brüder im Geiste.

Josep „Pep“ Guardiola y Sala, der gute Mann aus Santpedor, ist doch ein großer strategischer Denker und Meister seines Fachs. Diese Qualifikationen standen nach dem üblem 0:4 der Bayern gegen Real Madrid in Zweifel. Guardiola habe den Ballbesitz zum Fetisch erklärt und damit die Kreativität seiner Spieler gehemmt, hieß es allerorten. Im Korsett des Tikitaka fühlten sie sich eingeschnürt, es drücke ihnen die Luft ab. Wo ist der Plan B, wurde Pep gefragt? Warum konnte er es zulassen, dass die Bayern nach der Meisterschaft im März nur noch luschigen Fußball zeigen?

Diese „unfassbar dumme Diskussion“, wie der irgendwie beim FC Bayern beschäftigte Matthias Sammer am Samstagabend befand, nagte am schlauen Pep, der sich immer nervöser über die Glatze strich und nun auch nächtens Überrumpelungstaktiken ersann. Fürs Pokalfinale hatte er sich trotz der Ausfälle von Alaba (Aua am Bauch), Schweinsteiger (allgemeiner Abbau- und Alterungsprozess) und Mandzukic (in München geblieben wegen Unpässlichkeit) etwas Besonderes ausgedacht.

Seinen besten Mann, Robben, stellte Pep in den Sturm, ganz nach vorn. Er wurde im Angriff von Müller und Götze unterstützt. Hinten installierte Guardiola eine Dreierkette mit Martinez im Zentrum sowie Boateng und Dante auf den Außenpositionen. Davor agierte eine Viererkette. So schuf Pep mehr Anspielstationen im Spielaufbau, generell ein Übergewicht im Mittelfeld und ein Bollwerk gegen Dortmunds Konter.

Überdies scheute sich der FC Bayern nicht, lange Bälle auf seinen neuen Stoßstürmer Robben zu schlagen. Das war Peps Plan B, ein ziemlich guter, um den BVB in Schach zu halten. Sogar den Ausfall von Lahm in der 31. Minute verkrafteten die Bayern ohne Probleme. Götze rückte nach hinten und Ribéry mühte sich vorn so gut er konnte. Der FC Bayern kam so auf 66 Prozent Ballbesitz, war das bessere Team, und Pep hat erneut bewiesen, dass Begriffe wie Polyvalenz und Flexibilität in seiner pepistischen Philosophie vom schönen Fußball ungefähr so wichtig sind wie Eucharistie und Marienverehrung in der katholischen Kirche. Unschön sind natürlich die Taufrituale im deutschen Fußball. Schon wieder musste Pep eine Bierdusche über sich ergehen lassen. Wenn ihm noch mehr Anzüge versaut werden, wird er irgendwann seine Koffer packen.

Am Mittwoch reisen die Nationalspieler nach St. Martin/Südtirol zum Trainingslager. WM-Vorbereitung. Die Pokalfinalisten werden noch einige Zeit brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Die Saison war lang, und so war es symptomatisch nach den hohen Belastungen einer intensiven Spielzeit, dass sich am Samstag in der Verlängerung viele Spieler mit Krämpfen plagten. Der Bundestrainer muss den Bayern-Block und den BVB-Block aber nicht nur wieder fit bekommen für die Weltmeisterschaft in Brasilien, es geht auch darum, aus den Bundesliga-Rivalen ein Team zu formen.

Das ist während der EM in Polen und der Ukraine vor zwei Jahren nur teilweise gelungen. Das DFB-Team war bestenfalls eine Zweckgemeinschaft. Mitunter brachen die Streitigkeiten zwischen den Roten und den Gelben offen aus, was grundsätzlich auch daran liegen könnte, dass Löw und Bierhoff eine wesentlich stärkere Bindung zum Münchner Fußball- und Geschäftsleben haben. Das DFB-Quartier an der Ostküste Brasiliens ist so ein Projekt der Münchner Businessgesellschaft. Kein gutes Vorzeichen, möchte man meinen.

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