Film über Jugend des Regisseurs

Praunheim begins

In Berlin präsentierte Rosa von Praunheim seinen neuesten Film „Praunheim Memories“ mit vielen Wegbegleitern seiner Geschichte.

Szene aus „Praunheim Memories“. Bild: Robert Schittko

Die Volksbühne in Berlin ist ziemlich voll an diesem Sonntagabend. Der neue Film von Rosa von Praunheim, „Praunheim Memories“, hat Premiere. Es ist wohl sein 41. Film, wenn ich richtig gezählt habe. Dass er 2012 unter dem Titel „Rosas Welt“ 70 Filme gedreht hat, wie es in Wikipedia heißt, kann ich mir nicht recht vorstellen. Erstaunlich produktiv ist der berühmte schwule Filmemacher auf jeden Fall und unterrichtete ja zudem bis 2006 an der Filmhochschule in Babelsberg.

In seinem silbern glitzernden Jackett wirkt er ein bisschen wie ein Zirkusdirektor und begrüßt alle Leute. Die meisten sind eher über 50; ein paar jüngere sind auch dabei. Und mittendrin Protagonisten des Films, Weggefährten wie Elfie Mikesch oder eine Frau, die mit einem Hut herumgeht, in dem Zettel mit kurzen Texten von Rosa drin sind. Man soll einen Zettel ziehen und ihn dann laut vorlesen: „Morgen ist ein schöner Tag“ oder „Nimm dich selbst in den Arm und küss dich auf deine schönste Stelle“ nebst Autogramm mit vielen Grüßen. Manchmal erwischen Leute auch Texte, die sie dann lieber doch nicht vorlesen wollen.

Wir begrüßen uns, weil wir uns schon seit dreißig Jahren kennen, und überlegen, was wohl aus der „Nachtigall von Ramersdorf“ geworden ist, dem fantastischen Hauptdarsteller aus „Horror Vacui“.

Dann stellt er mir Axel Ranisch vor, einen weiß gekleideten, sympathisch moppeligen Mann, der bei Praunheim studiert hatte und mit seinem Film „Ich fühl mich Disco“ (2013) großen Erfolg hatte.

Ein Herz für Omas

Ranischs 93-jährige Oma spielt in dem Film eine Hauptrolle. Er fragt:

„Lebt deine Oma noch?“

„Nö, die ist schon 30 Jahre tot.“

„Mochtest du sie?“

„Nicht unbedingt.“

„Bist du heterosexuell?“

„Ja.“

„Ach so.“

Die meisten Schwulen fänden Omas nämlich super, sagt Rosa.

Das Vorprogramm ist ziemlich lang. Axel Ranisch steht als Moderator auf der Bühne und erzählt, wie er von Rosa immer mit den Worten „Das ist mein Lieblingsstudent Axel. Er hatte noch nie Sex“ vorgestellt wurde. Eine Frau, „Michelle“, singt a cappela „Eins und zwei“ von Hildegard Knef, Schauspieler der Theatergruppe „O-Ton-Piraten“ treten auf und Ichgola Androgyn, der das Friedhofscafé Finovo auf dem Alten Matthäusfriedhof betreibt.

Reiches Vorprogramm

Axel Ranisch fragt in den Saal, wer mit Rosa schon geschlafen habe, aber niemand meldet sich. Joaquín La Habana singt mit großer Geste in regenbogenfarbenem Hemd seine queere Hymne aus dem berühmten Praunheimfilm „Stadt der verlorenen Seelen“. Als man gerade denkt, das sei ja doch ein bisschen viel Vorprogramm, beginnt der Film.

Eine Reise in die Vergangenheit mit vielen Begegnungen. Mit zwölf war Rosa, als er noch Holger Mischwitzky hieß, mit seinen Adoptiveltern nach Frankfurt-Praunheim gezogen. Die Jugendjahre prägten. So nannte er sich später „von Praunheim“ und „Rosa“ nach den Winkeln, die Homosexuelle in den KZs tragen mussten. Er besucht seine alte Wohnung. Die Lehrerin, die nun hier wohnt, sagt, sie hätte es nie geschafft, hier wegzukommen.

„In der Einsamkeit von Praunheim träumte ich, ein großer Künstler zu werden“, sagt der Filmemacher und rezitiert Gedichte, die er in seiner Jugend schrieb. Er schrieb auch Theaterstücke, malte wild und verließ das Gymnasium vor der Mittleren Reife. Auf einem Bild sieht er aus wie Jim Morrison. Teils läuft der Filmemacher durch seinen Film und besucht Leute von früher; den Deutschlehrer Hans Nickel, der ihn damals förderte und auch noch ein Aufsatzheft des jungen Praunheim besitzt. Den Filmregisseur Cyril Tuschi, mit deren längst verstorbenen Oma, Nora Gräfin Stollberg zu Stollberg, er eng befreundet war.

Rosa vor Studenten

Ihr jüdischer Vater war von den Nazis umgebracht worden; sie hatte ihm von Auschwitz erzählt. Die Frau seines engen Jugendfreundes Marek, der sehr gut malte und auch schon tot ist. Galerien. Kunsthochschulen, wo Rosa vor Studenten spricht.

Vor dem Hochhaus, in dem sein Film „24. Stock“ spielte, unterhält er sich mit smarten migrantischen Problemjugendlichen, die sagen: „Seitdem Sie hier weg sind, ist hier schon viel aus dem Ruder gelaufen.“ Teils läuft in kurzen Hosen ein jugendlicher Rosa-Impersonator durchs Bild und über Friedhöfe.

Erinnerungen eines Kleindarstellers

Der Film ist voller Leute, Erinnerungen, Bildern, Zeitgeschichte – die Schwulenbewegung, 68 … – und endet genau in dem Moment, als man denkt, dass es nun doch vielleicht zu viel wird.

Als guter Gastgeber läuft der 72-jährige Filmemacher noch durch seine Premierenparty und spricht mit jedem. Ich denke an den Film „Horror Vacui“, bei dem ich als Kleindarsteller mitgemacht hatte, gebe Joaquín La Haban die Hand, den ich von den Dreharbeiten kenne, und erzähle noch einmal von dem einzigen Satz, den ich in dem Film hatte sprechen müssen: „Ich bin so schüchtern.“

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