Kommentar: Scherfs Triumph
■ Kleines Bremen wirbelt großes Bonn auf
Hand aufs Herz: Damit haben wir nicht gerechnet. Auch im Rathaus war die Zuversicht eher die Fassade, einen Tag vor der Bundestagssitzung herrschte insgeheim noch die Devise: „Jetzt hilft nur beten“.
Es half. Scherfs starke Nerven und sein politischer Instinkt, der immer auf die Bauchschmerzen führender FDP-Politiker mit dem Lauschangriff gesetzt hatte, hat mehr bewirkt als den Schutz von 20 Berufsgruppen vor staatlichen Wanzen. Nach der Wahlschlappe in Niedersachsen ist dies ein zweiter Schlag gegen den Bundeskanzler und diesmal auch gleich gegen seinen Kronprinzen und Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble, dem die Fäden im Bundestag aus der Hand geglitten sind. Wenn nun der Große Lauschangriff zum Wahlkampfthema wird, dann ist über den komplizierten Vermittlungsprozeß die FDP auf die liberale Seite gezwungen worden.
Die Stimmung in Bonn für Bremens andere Sorgen wird dadurch sicherlich nicht besser, weil der Erfolg Scherfs zu viel politische Verärgerung auslöst. Aber die Bereitschaft, diesem Regierungschef (und dem Saarländer, dem SPD-Vorsitzenden Lafontaine) ausgerechnet im Wahlkampf-Jahr finanziell zu helfen, war auch vor diesem Donnerstag nicht so groß. Die Sache, für die Scherf erfolgreich gefochten hat, war es allemal wert.
Klaus Wolschner
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